Markus Eiche.

Interview mit Markus Eiche

Ein Mann, zwei Leidenschaften

München - Bariton Markus Eiche spricht im Interview über sein Vorleben als Elektrotechniker, trügerischen Erfolg und Sensationslust in der Oper.

Er könnte jetzt auch als Ingenieur in der Entwicklungsabteilung einer Firma arbeiten – und er fände das nicht einmal schlecht. Doch Markus Eiche ist dann doch auf der Opernbühne gelandet. Seit 2012 ist der gebürtige Schwarzwälder, nach Stationen in Mannheim und Wien, im Ensemble der Bayerischen Staatsoper. Ab morgen singt der 44-Jährige den Harlekin in der „Ariadne auf Naxos“. Im kommenden Sommer übernimmt er den Wolfram bei den Bayreuther Festspielen.

Sie haben zunächst Elektrotechnik studiert. Hilft so etwas, um die Opernszene auszuhalten?

Nein. Ich mache mir aber beim Unterrichten so einige Gedanken darüber. Ich habe vor zwei Jahren einen Lehrauftrag in Zürich angenommen und beobachte, dass der Berufseinstieg im Vergleich zu meinen Anfängen schwieriger geworden ist. Da wirkt es beruhigend, wenn man zur Not eine andere Schiene fahren könnte. Ich glaube übrigens, dass diese erschwerten Startbedingungen für junge Sänger auch im Zusammenhang mit den Sparmaßnahmen in der Kultur stehen. Anstelle von Erstengagements werden lieber Praktika oder Stipendien vergeben. Junge Sänger werden auf diese Weise dazu verdonnert, ihre ersten Bühnenerfahrungen aus eigener Tasche zu bezahlen.

Erst einen anderen Beruf lernen, um das Singen abzusichern? Eine ziemlich pessimistische Haltung.

Das meine ich ja gar nicht so. Es ist doch wichtig, dass man für eine Sache brennt. Natürlich habe ich Elektrotechnik nicht studiert, um mein Singen in irgendeiner Form abzusichern, den Gedanken finde ich eher kontraproduktiv. Nein, ich wollte damals tatsächlich Diplomingenieur werden, habe aber festgestellt, dass mich dieser Beruf auf Dauer nicht erfüllen wird. Darum habe ich meine zweite Leidenschaft entwickelt und eine stärkere Alternative für mich gefunden.

Haben Sie anfangs an Ihrem Talent gezweifelt?

Na ja, sicher war ich mir am Anfang natürlich nicht, wo das Ganze hinführt. Ich war einfach nur neugierig  und suchte einen Ausgleich. Erst viel später, als es mit dem Singen ernster wurde, habe ich erkannt, wie ich meine beiden Leidenschaften verbinden kann. Wir hatten in der Schule einen Musiklehrer, mit dem wir sogar Opern aufgeführt haben. Da durfte ich schon solistische Rollen übernehmen und habe dafür meinen ersten Gesangsunterricht bekommen. Während des Elektrotechnik-Studiums kamen mir dann mit Blick auf dieses Fach Zweifel. Da war mein erster Schritt, wieder Gesangsstunden zu nehmen. Guten Unterricht konnte ich mir damals nicht leisten. Mein Ausweg: ein Parallelstudium an der Musikhochschule.

Gab es einen Punkt, an dem Sie zurück wollten zur Elektrotechnik?

Ich stelle mich immer wieder gern aufs Neue infrage. Allerdings versuche ich dabei auf das zu vertrauen, was ich erreicht habe. Ich meine damit, dass ich nicht leichtfertig verwerfe. Selbstkritik kann zu mächtig werden, da muss ich aufpassen, dass ich sie konstruktiv nutze. Singen bedingt ja auch Verzicht. Das Fernsein von der Familie fällt mir besonders schwer. Aber das hilft mir, die Freiräume in meinem Leben bewusst zu gestalten. Ich stelle fest, dass ich immer weniger bereit bin, gewisse Dinge zu akzeptieren, die sich nicht mit meiner Lebensgestaltung verbinden lassen.

Konnten Sie sich auf eine gute Naturstimme verlassen?

Meine Stimme hat schon als junger Schüler gut funktioniert. Aber neben den stimmlichen Voraussetzungen sind die Einstellung zur Sache und der Wille zum Ausdruck ebenso wichtig. Ich meine damit eine natürlich empfundene Notwendigkeit, seine Partie ehrlich zu erleben. Ich bin da irgendwie ganz naiv.

Oder sehr idealistisch. Die Zwänge des Marktes können einen doch ausbremsen.

Ich bin davon überzeugt: Wenn man eine Sache um ihrer selbst willen und mit Leidenschaft tut, stellt sich der Erfolg früher oder später, also mit Geduld, von selbst ein. Wenn man allerdings nur den Erfolg im Blick hat, ist der Traum zweitrangig, und die Enttäuschung rückt näher.

Sie haben zwei Söhne und eine Tochter. Wie färbt der Beruf des Vaters ab?

In der Familie, meine Frau ist Physiotherapeutin, reden wir selten über künstlerische Dinge. Dass ich oft weg bin, ist dagegen immer ein Thema. Meine Tochter spielt Geige und Klavier, der mittlere Sohn Cello und der älteste Klavier. Kammermusik ist da hoffentlich vorprogrammiert... Meine Kinder nehmen meine Karriere nur am Rande wahr. Neulich hat mich mein mittlerer Sohn gefragt: „Papa, bist du berühmt?“ Da fragte ich zurück: „Was heißt das überhaupt? In gewissen Kreisen kennt man mich, in anderen nicht.“ Ich richte mich nicht nach solchen Parametern aus. Ich möchte meine Aufgaben so gut wie möglich erfüllen und stelle fest: Je ehrlicher ich bin, desto besser geht es.

Inge Borkh sagt: Im Rückblick findet sie es schade, dass sie den Höhepunkt ihrer Karriere nicht genießen konnte. Das sei ein Grundproblem von Sängern, weil sie von der Zukunft besessen seien.

Ich verstehe gut, was sie meint. Woran erkennt man diesen Höhepunkt? An der Anzahl der Nullen in der Gagensumme? Bestimmt nicht! Ich arbeite an dem Punkt, an dem ich in einer Phrase in jedem Moment alle stimmlichen Möglichkeiten bereitstellen kann. Ich kann mich diesem Ideal nur annähern. Besessen bin ich trotzdem davon.

Wie wird das Publikum in seiner Beurteilung der Sänger beeinflusst?

Heikle Frage. Das Visuelle ist sehr wichtig geworden. Ich halte aber die Stimme und das sängerische Können nach wie vor für entscheidend, obwohl ich es schon auch einsehe, dass eine Carmen rassig oder von mir aus auch bieder sein soll, dass also der Typ irgendwie zum Konzept passt. Ein Castingdirektor sagte mir mal: „Ich kann dich nicht als Giovanni engagieren, dein Privatleben ist viel zu normal.“ Unabhängig davon, wie sehr mich diese Aussage getroffen hat, zeigt sich da eine Art von „Sensationslust“, die nichts mit der Sache zu tun hat.

Und woher holen Sie sich Ihre künstlerische Befriedigung?

Einfach aus dem Abend, den ich bewältigt habe. Daraus, wie ich Dinge, die ich mir vorgenommen habe, einlösen konnte. Applaus spielt eine Rolle, aber der geht vorbei. Ich empfinde Genugtuung, wenn Partien immer besser funktionieren. Die Stimme ist voller, stabiler geworden. Sie entwickelt sich und meine künstlerische Aussage mit ihr. Das zu erleben, ist das Schönste.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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