Wissen, worauf es ankommt

Bariton Michael Volle über seine Spätzünder-Karriere, Oper ohne Plattitüden und ein Leben neben dem Gesang

Michael Volle ist ein Glücksfall fürs Ensemble der Bayerischen Staatsoper. Endlich einmal hat man einen international arrivierten Künstler fest ans Haus gebunden. Ob Pentheus („Bassariden“), Kurwenal („Tristan“) oder in der Titelrolle von „Eugen Onegin“: Dank seiner virilen Präsenz wertet dieser Bariton jede Aufführung entscheidend auf. Zusammen mit Kabarettistin Monika Gruber und Schauspieler Michael von Au haben unsere Leser den 48-Jährigen in diesem Jahr zum Merkur-Theaterpreisträger gewählt. Förderpreisträger ist heuer Frederic Linkemann.

Mit Preisen werden Sie derzeit verwöhnt. Und nun unser Publikumspreis...

Es ist ein unglaublich schönes Gefühl. Das ist jetzt keine falsche Koketterie: Ich spüre natürlich, welcher Erfolg sich gerade einstellt. Aber wenn man dann schwarz auf weiß liest, dass man preiswürdig ist, tut das wahnsinnig gut. Und es ist eine Verpflichtung dem Publikum gegenüber.

Singt es sich durch solche Bestätigung lockerer?

Aufgrund der langen Erfahrung, ich bin jetzt in meiner 18. oder 19. Opernspielzeit, geht vieles leichter. Ein größerer Überblick stellt sich ein. Es ist ja ein normales Anfängerverhalten in jedem Beruf, dass man sich von seinen Zielen sehr gefangen nehmen lässt. Die augenblickliche Entspanntheit koste ich deshalb sehr aus. Das Auftragsbuch ist voll, ich muss nicht mehr alles machen, das ist schon ein Privileg. Ich will mich einfach besser auf Vorstellungen vorbereiten können – und auch ein Leben neben dem Gesang führen können.

Weil die Oper von der heutigen Sänger-Generation nicht mehr nur als „heil’ge Kunst“ wahrgenommen wird? Sondern als, zwar privilegierter, Job?

Genau. Ich werde nie das Feuer verlieren, sag’ ich jetzt mal großspurig. Die Bühne ist ein wichtiger Teil meines Lebens, aber nicht das Leben selbst. Wenn mir das Stimmband reißt, ist es vorbei. Und was habe ich dann? Durchs Privatleben, besonders durch meine beiden Töchter, wird da vieles zurechtgerückt.

Wenn man Sie so auf der Bühne erlebt: Wäre auch eine Schauspieler-Karriere vorstellbar gewesen?

Es spielte immer alles in Richtung Musik. Zuerst Geige, dann Bratsche. Später habe ich verlegenheitshalber Pädagogik studiert, weil ich nichts anderes wusste. Mir war dann bald klar: Ich musste in die Musikpraxis, in den Gesang. Als Pfarrerssohn auf dem Land stand ich im Fokus der Öffentlichkeit. Dadurch habe ich die Scheu verloren, vor Leuten zu stehen. Mein einer Bruder ist Schauspieler, ein anderer Sänger – das liegt wohl alles in den Genen.

Wird man als denkender Sänger von der Regie auch häufig unterfordert?

Ich hatte immer das Glück mit sehr fordernden Regisseuren. Mozarts „Figaro“ mit Sven-Eric Bechtolf in Zürich etwa, da war ich ziemlich platt. Und die „Bassariden“ mit Christof Loy waren wahnsinnig anstrengend, jede Vorstellung hat mich total geschlaucht – auch durch diese besondere Reduktion, durch die Spannung, die im Körper nach der Vorstellung weiterwirkt. Und jetzt beim Wozzeck-Debüt: Andreas Kriegenburg kann einen durch seine ruhige Art einfach ganz toll an die Hand nehmen. Die Probenarbeit macht irrsinnigen Spaß.

Ändert sich das Sänger-Berufsbild gerade? Weil man sich anders verkaufen muss?

Ein heikles Thema. Gut, ich bin kein Glamour-Star für die Klatschpresse. Ich bin hundert Prozent davon überzeugt, dass die Kraft der Musik allein entscheidend ist. Natürlich muss sich Oper gut verkaufen. Aber bitte ohne Äußerlichkeiten oder Plattitüden. Das überzeugt die Leute letztlich nicht. Ich gönne jedem seinen Ruhm. Berühmt sein, tut gut. Vor allem dem Konto. Doch wenn diese Kollegen vergessen, um was es eigentlich geht, gehören sie da nicht hin.

Aber es fällt doch auf, dass mancher bei der Deutschen Grammophon sofort eine Solo-CD aufnimmt, während andere gerade mal bei Mini-Firmen unterkommen.

Da habe ich auch meine großen Tiefs hinter mir. Ich bin Spätzünder und erst mit 25 Jahren in die Gänge gekommen. Mit Ende 30 startete die Karriere dann erst richtig. Da waren die Bariton-Stellen bei den Plattenfirmen schon alle besetzt. Vielleicht bin ich ja jetzt in der Position, dass ich mal anfragen könnte: Hätten Sie Lust auf eine Porträt-CD von Barock über Mozart bis Russen und Franzosen? Natürlich wär’ auch ’ne große Story in einer Regenbogenzeitschrift ganz nett... Aber das ist vielleicht der Vorteil einer späten Karriere: Man weiß, auf was es ankommt.

Wenn Sie so spät gezündet haben: Gab es denn eine Fruststrecke?

Das nicht. Ich wusste: Das ist meine Welt. Ich fing in Stuttgart an mit Kirchenkonzerten, dann Südfunkchor. Und als ich 1990 an die Mannheimer Oper ging, merkte ich: Jetzt bin ich angekommen. Natürlich dachte ich mir manchmal: Warum kriegt der jetzt die Partie, wo ich doch schon über zehn Jahre im Geschäft bin. Aber dann lernt man auch vieles über Marktmechanismen. Ich meine das jetzt wirklich nicht arrogant. Aber zu seinem Erfolg zu stehen, das muss man erst lernen.

Was ist denn daran so schwer?

Ich habe so lange aus einer falschen Demut oder Rücksichtnahme heraus gedacht. Doch verkaufen gehört zum Job eben dazu. Zu sagen: O.k., ihr mögt mich, dann könnt ihr mich auch ein bisschen haben. Man ist Teil eines Spiels. Und ich fange an, das zu genießen.

Befragt auf die Karriereplanung, sprechen Sie in letzter Zeit oft vom „Meistersinger“-Sachs...

Ich habe mich beraten mit einem erfahrenen Kollegen, dem ich sehr vertraue: Wolfgang Schöne. Der Sachs ist einfach meine Partie. Das Größte, was es für einen Bariton gibt. Die Rolle muss eine unglaubliche Erfüllung sein. Irgendwann in den nächsten Jahren wird er kommen. Und wenn nicht, kaufe ich mir den eben selber.

Das Gespräch führte Markus Thiel

Interviews mit den weiteren Preisträgern folgen.

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