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Tim Parks im Interview.

Interview mit Bestsellerautor Tim Parks

Der Bestsellerautor Tim Parks spricht im Interview über das Leben in Italien, Kommunikationsprobleme und seinen neuen Roman „Träume von Flüssen und Meeren“.

Sein letzter Roman „Stille“ wurde in Deutschland zu einem großen Publikumserfolg. Tim Parks’ neues Buch „Träume von Flüssen und Meeren“ erscheint am ersten Juli im Antje Kunstmann Verlag. Parks wurde 1951 in Manchester geboren, studierte in Cambridge und Harvard. 1981 zog er mit seiner Frau nach Verona, wo beide mit ihren drei Kindern leben. Er unterrichtet an der Mailänder Universität literarisches Übersetzen.

-Auf Ihrer Internetseite kann man die Informationen über Sie und Ihre Bücher auf Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch nachlesen. Fühlen Sie sich als europäischer Schriftsteller?

Ja, es stimmt. Ich fühle mich heute eher als europäischer und nicht einfach bloß als britischer Autor. Privat und beruflich führe ich eine Existenz in zwei Sprachen.

-In Ihrem neuen Roman haben Sie zum ersten Mal Europa als Schauplatz der Geschichte verlassen und verlagern ihn nach Indien. Warum?

Die Hauptfigur Albert James ist Anthropologe, und als solcher kommt er zur Erkenntnis, dass es nicht sinnvoll ist, in gegebene Strukturen einer Kultur einzugreifen. Im totalen Gegensatz dazu erleben wir seine Frau Helen, die als Ärztin stets helfen möchte, die glaubt, Europäer hätten die Pflicht, medizinisch und auch sonst wie zu intervenieren, um die Lebensverhältnisse zu verbessern. Das ist ein Gegensatz, der dieses Paar bestimmt, der aber schwer zu verstehen ist. Für mich ist Indien das Land, das am meisten von Gegensätzen geprägt ist. Es genügt, als Europäer sich zwei Tage in Delhi aufzuhalten, um zu begreifen, dass man nichts begreifen wird. Ein Ziel meines Romans ist es, dass man in einen geradezu vergnüglichen Zustand gerät, indem man akzeptiert, nicht alles mit seinem Verstand erfassen zu wollen.

-Sie leben als britischer Staatsbürger mit Ihrer Familie in Verona. Wie halten Sie den Unterschied zwischen britischer und italienischer Lebensweise aus?

Je länger man in Italien lebt, desto besser versteht man, wie groß die Unterschiede sind. Da geht’s nicht mehr um die Qualität eines Espresso. England nervt mich zum Beispiel wegen seiner verhaltenen Einstellung zur EU. In Italien gibt es keine intellektuelle Freiheit im öffentlichen Raum mehr. Fast jeder hat Angst, etwas zu sagen, weil er glaubt, dann seinen Job zu verlieren. Das ist keineswegs bloß Berlusconis Schuld. Berlusconi ist nur die Spitze des Eisberges. Auch ich habe mein Leben den Verhältnissen angepasst, ohne zu resignieren. Viele englische Kollegen an der Universität verstehen nicht, wie man unter diesen Gegebenheiten leben kann. Sie resignieren und kehren nach England zurück. Das könnte ich nicht, ich bin schon zu lange in Verona. Und in zwei Kulturen zu leben, bedeutet auch, ein wenig von seiner starren Identität aufzugeben. Genau so habe ich es gerne!

-Die Hauptfigur des Romans ist der berühmte Anthropologe Albert James. Jedoch erfährt man gleich auf der ersten Seite, dass er gerade verstorben ist. Ist es nicht schwierig, eine Geschichte fortzuspinnen, in der der Held tot ist?

Das ist wirklich nicht leicht. Allerdings habe ich einige Romane geschrieben, in denen der Held sehr stark und sehr lebendig ist. Und nun wollte ich einmal wissen, wie eine Gruppe von Menschen mit der Tatsache umgeht, dass einer der ihren gestorben ist. Im Laufe des Romans lernen diese Menschen besser verstehen, wer sie selbst sind, genau dadurch, indem sie sich fragen, wer dieser Tote in Wirklichkeit gewesen ist. So fragt sich etwa Helen James nach dem Tod ihres Mannes nicht nur, welch eigenartige nonverbale Kommunikation beide über all die Jahre verbunden hat, sondern sie fragt sich auch: Bin ich nun eine Witwe von fünfzig Jahren oder eine Frau, die noch eine Zukunft hat? Und sie beginnt ja dann tatsächlich mit dem amerikanischen Journalisten, der eine Biografie über ihren Mann schreiben möchte, ein Verhältnis.

-Albert James hinterlässt seinem Sohn John, einem Doktoranden der Biologie, als Einziges einen Brief, in dem Albert seine „Träume von Flüssen und Meeren“ beschreibt. Für John und für den Leser sind die Träume schwer zu verstehen. Überhaupt hat man das Gefühl, dass die Protagonisten einander nicht wirklich verstehen. Also, vielleicht verlangen Sie ja Unmögliches!

Verstehe ich meine Frau? Nein! Es gibt ein bestimmtes Verhalten an ihr, das ich vielleicht richtig zu deuten verstehe. Das ist alles. Okay, wir führen dieses Interview, wir sprechen miteinander, und Sprache ist etwas Wirkliches. Aber was heißt das? Verstehen Sie mich, ich Sie? Ich habe bei der Erziehung meiner Kinder echte Fortschritte erzielt, als ich es aufgegeben habe, sie verstehen zu wollen. Verstehen, exaktes Wissen, das sind Dinge, die Alberts Sohn John als Wissenschaftler interessieren. Genau diese Dinge haben auch Albert James beschäftigt. Nur hat er erkannt, dass Träume Wissen und das Unverstehbare zusammenbringen. Und diese Träume sind sozusagen die Einladung an den Sohn, die andere Seite, die nicht wissenschaftliche, in sich selbst zu erforschen.

Interview: Andreas Puff-Trojan

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