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Brigitte Fassbaender im Merkur-Internview.

Interview mit Brigitte Fassbaender: „Sänger sind austauschbarer geworden“

Garmisch-Partenkirchen - Brigitte Fassbaender spricht im Interview über ihre Bühnenkarriere, ihre Jahre als Innsbrucker Chefin und das Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen.

Demnächst steht sie vor einem großen persönlichen Umbruch: Nach 13 Jahren verlässt Intendantin Brigitte Fassbaender in der nächsten Saison das Tiroler Landestheater in Innsbruck. Ihr Nachfolger wird Johannes Reitmeier. Die Sängerinnen-Legende bleibt aber weiter aktiv, und zwar als Chefin des Garmisch-Partenkirchener Richard-Strauss-Festivals, das an diesem Wochenende startet. Die Welt der Oper lässt sie also nicht los: Heuer feiert Brigitte Fassbaender zudem ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum.

Wie leicht können Sie von Ihrem Kind Landestheater loslassen?

Ich hab’s mir schwerer vorgestellt. Das Haus funktioniert glänzend, alle sind hochmotiviert. Aber es muss sein. Theater braucht immer wieder frischen Wind. 13 Jahre sind einfach genug. Und ich möchte ja auch noch ein bisschen frische Luft haben.

Was mussten Sie in dieser Position erst lernen?

Es war ein ungeheurer Lernprozess in jeder Beziehung. Ich musste lernen, mit so vielen Menschen, so vielen Persönlichkeiten, Temperamenten, Eitelkeiten, mit Arbeitswut, Faulheit, auch Selbstüberschätzung umzugehen. Ich fand die Motivation aber immer sehr hoch. Man spürt auch seitens des Publikums eine Welle der Zuneigung. Was Stückauswahl, auch Regie-Ästhetik betrifft, hatte ich allerdings auf mehr Offenheit gehofft für andere, ausgefallenere Wege. Aber das scheint nirgendwo mehr möglich zu sein. Und ich habe irgendwann kapiert, dass ich nicht fürs Feuilleton, sondern fürs Publikum arbeite.

Ist der Künstler-Intendant eine bedrohte Spezies?

Ja. Die Leute, die wirklich etwas vom Gesang verstehen, sterben doch aus. Die meisten erkennen nur den Ist-Zustand und können keine Entwicklung voraushören.

Woran liegt das?

Ich weiß nicht. Vielleicht weil die Sänger austauschbarer werden. Es hat zwar immer nur eine Handvoll Einzigartiger gegeben. Aber jetzt scheint es mir beliebiger denn je. Wie die auch alle gleich aussehen! Da habe ich ein Foto, denke es ist Elina Garanca, und dann ist es ein Model für Kosmetikartikel... Die Sänger strengen sich an, diesem Hochglanzeffekt nachzueifern. Das finde ich schade. Die Einzige, die das schadlos übersteht, ist meiner Meinung nach Anna Netrebko. Die ist eine Top-Künstlerin und geht mit einer gesunden Portion Humor ran. Zu unserer Zeit hat es diese Gefahren auch gegeben. Aber da hat man öfter „Nein“ gesagt. Ich halte sowieso mehr vom Rarmachen.

Sind Sie also froh, dass Sie zu Ihrer Zeit Karriere gemacht haben?

So viel anders war das alles nicht vom Stress und Konkurrenzdenken her. Damals gab es allerdings nicht so ein extremes Besetzen nach Typ. Da hatten gestandene Sängerinnenfiguren noch eine Chance. Und wir hatten mehr Möglichkeiten, Platten aufzunehmen und risikoreicher zu arbeiten. Darüber bin ich froh.

Mit welchem Gefühl blicken Sie also zurück?

Mit Dankbarkeit, vor allem mit Staunen. Über all die wunderbaren, anstrengenden, vielseitigen, nervenaufreibenden Dinge, die ich erleben durfte. Zwei Drittel meines Berufslebens sind wie ein Rausch an mir vorbeigezogen. Ich habe noch keine Zeit gefunden, wehmütig zu werden. Ich halte mich für einen modernen Menschen. Wenn man sich keinem Trend anpasst, wird man zeitlos - nach dieser Devise wollte ich immer leben.

Hören Sie sich gerne Ihre Stimme an?

Inzwischen ja, früher hatte ich Angst vor einer möglichen Enttäuschung. Aber jetzt denke ich mir: Die Stimme gefällt mir. Den jungen Mezzo hätt’ ich auch engagiert. (Lacht.)

Gab es Momente, in denen Sie mit der Berufswahl gehadert haben?

Ich habe immer unter größtem Lampenfieber gelitten. Vor jeder Vorstellung, vor jedem Liederabend dachte ich mir: Nee, dann lieber Hühner züchten. Aber durchs Bewältigen kam doch immer eine große Befriedigung. Und man gewinnt ja an Sicherheit. Ich habe auch in Innsbruck anfangs gelitten, wenn ich vor den Vorhang und eine Ansage machen musste.

Und wie haben Sie sich mit der Situation in Garmisch-Partenkirchen angefreundet?

Sehr! Ich bin ja bekennende Straussianerin. Ich möchte natürlich so hochkarätig wie möglich arbeiten - auch wenn das finanziell sehr schwer ist. Ich bin bei den Gagen auf Freundschaftspreise angewiesen. Umso leichter ist es dann für die Künstler abzusagen... Es ist sehr schade, dass es der Freistaat nicht für notwendig hält, Garmisch-Partenkirchen unter die Arme zu greifen. Wir sind hier auf einer ständigen Gratwanderung zwischen absoluter Spitzenkunst und Vielseitigkeit.

Es gibt nicht nur die hellen Aspekte bei Richard Strauss. Ist es in Garmisch-Partenkirchen eigentlich schwer, die dunkle Seite dieser Komponistenfigur aufzuarbeiten?

Die Familie Strauss ist da kein Hemmschuh. Sie ist zur Offenheit bereit, was die Rolle dieses Komponisten zur Zeit des Nationalsozialismus betrifft. Obwohl ich nicht weiß, was das alles bringen soll. Der Musik hat seine Persönlichkeit nicht geschadet. Da höre ich keinen Antisemitismus. Sicher gibt es Stücke, die dem Geist dieser Zeit verpflichtet sind. Dann ist eine Aufführung natürlich nicht opportun. Aber was hat ein „Rosenkavalier“ damit zu tun? Strauss war einfach geschäftstüchtig und Opportunist. Er hielt sich und seine Familie für den Nabel der Welt. Es ist eben eine Gewissensfrage: Kann und soll man geniale Künstler als politische Menschen ernstnehmen? Eigentlich kaum.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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