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Vielbeschäftigt: Dirigent Asher Fisch (55) stammt aus Jerusalem.

"La forza del destino"

Verdi-Premiere: Interview mit Dirigent Fisch

München - Asher Fisch dirigiert die Neuproduktion von Verdis „La forza del destino“ im Münchner Nationaltheater. Hier lesen Sie ein Merkur-Interview mit dem Mann hinter dem Pult.

Wieder eine Verdi-Neuproduktion, und wieder steht das Traumpaar auf der Bühne: Für„La forza del destino“ (Die Macht des Schicksals) wuchert die Bayerische Staatsoper mit den Pfunden Jonas Kaufmann und Anja Harteros.  Die – längst ausverkaufte – Premiere ist an diesem Sonntag. Martin Ku(s)ej, Chef des Münchner Residenztheaters, inszeniert, am Pult steht Asher Fisch.

Sie dirigieren ja nicht „nur“ die Neuproduktion von „La forza del destino“, sondern auch noch die parallel laufenden Repertoire-Vorstellungen der „Bohème“. Druck, Nervosität oder Ausruhen scheinen Sie nicht zu kennen…

...und vergangenen Sonntag habe ich in Dresden den letzten „Tristan“ einer Serie gemacht. Wissen Sie, ich komme vom Theater, da ist so etwas nun mal Alltag, und den liebe ich. Die Abwechslung ist es, die mich antreibt. Außerdem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass man besser Wagner dirigieren kann, wenn man Verdi kennt und kann und vice versa. Außerdem: Ich arbeite besser unter Druck. (Lacht.)

Immerhin ist es kein Debüt. Sie haben „Forza“ ja schon mal gemacht.

Vor etwa zehn Jahren habe ich das Stück in Kopenhagen erstmals dirigiert, und damals hatte ich die, nennen wir es: „Schwierigkeiten“ der Partitur schon kennengelernt. Intensiv habe ich mich mit dem Werk Anfang 2008 für eine große Produktion in Tel Aviv auseinandergesetzt. Vor allem was die Fassungen betrifft.

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Es gibt die Version der St. Petersburger Uraufführung von 1862 und eine überarbeitete für die Scala von 1869. Worin liegen die Unterschiede, und welche Fassung wird in München zu hören sein?

Die wichtigsten Änderungen sind zum Einen die berühmte Ouvertüre, die Verdi wie eine thematisch-motivische Inhaltsangabe vorausschickt. Die ist unabdingbar für das Stück. Für St. Petersburg schrieb er nur wenige Takte, um den Vorhang zu heben. Außerdem wurde das Ende der Oper verändert, mit dem Verdi jahrelang haderte. In der ersten Fassung sterben alle etwas konfus und unerwartet, was sich auch musikalisch widerspiegelt. Die Dramaturgie der zweiten Version ist einleuchtender, weshalb wir das auch so in München spielen. Wir haben ein wenig beim Chor gestrichen, damit der nicht zu dominant im Fokus steht. Und wir haben das Duett Carlo-Alvaro im dritten Akt wieder dazugenommen, was häufig gestrichen wird. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil wir Sänger haben, die das können. Wie Anja Harteros als Leonora, Jonas Kaufmann als Alvaro und Ludovic Tézier als Carlo arbeiten, ist selten. Sie können nicht nur alles singen, was man vorschlägt, sondern sind auch noch ausgezeichnete Schauspieler. Für Dirigent wie Regisseur ein Traum…

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Martin Ku(s)ej?

Wunderbar! Wie gesagt: Ich bin ein Mann des Theaters. Ich will von Anfang an dabei sein, sehen und spüren, wie sich etwas entwickelt. Martin Ku(s)ej war von Beginn an sehr offen für Vorschläge meinerseits, etwa wann die Musik mehr im Mittelpunkt stehen sollte. Genauso hat er mir gegenüber auch Wichtiges angeregt, es war also wirklich eine fruchtbare Zusammenarbeit im besten Sinne.

Und welchen Ansatz verfolgt Ku(s)ej?

Nun, es ist kein Geheimnis, dass die Anlage des Stücks problematisch ist. Es gibt viele Ortswechsel, große Massenszenen, die Hauptpersonen werden fast schon vernachlässigt. Ich will es mal so sagen: Ku(s)ej versteht es ausgezeichnet, mit Menschen auf der Bühne zu agieren, und über allem schwebt der Aktualitätsbezug… Und das ist richtig, denn Dinge wie Krieg, Rache und Fremdenhass sind ja nicht ans 19. Jahrhundert gebunden, im Gegenteil: Im Theater wäre es ja verschenkt, wenn man den Vergleich scheuen würde.

Was sagen Sie Besuchern, die „La forza del destino“ noch nicht kennen?

Sie werden einige der schönsten Melodien und stärksten Verdi-Momente erleben. Da ist so viel Phänomenales in der Partitur, das unterschätzt wird oder eben gar nicht bekannt ist. Klar, man muss Geduld haben, aber das muss man in der Oper immer, und mit unseren Strichen wird sicher keine Langeweile aufkommen.

Wie viele Opern haben Sie eigentlich abrufbereit?

Ich habe gut 80 Opern dirigiert. Aber falls ein Notfall wäre, könnte ich nächste Woche nur etwa die Hälfte davon abrufen. (Lacht.)

Das Gespräch führte Johann Jahn

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