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Sirtaki-Tanz auf dem Roten Teppich: Regisseur Fatih Akin (M.) sowie die Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu (li.) und Adam Bousdoukos bei der Premiere von „Soul Kitchen“.

Interview mit Fatih Akin: „Heimat ist ein Zustand im Kopf“

Einen Heimatfilm der neuen Art nennt Regisseur Fatih Akin seine Produktion „Soul Kitchen“, die am Freitag in den Kinos startet. Im Interview spricht der Regisseur über sein Verständnis von Heimat und das Leben mit zwei Kulturen.

Was ist für Sie Heimat?

Fatih Akin: Meine Heimat ist im Augenblick Hamburg. Ich hab’ ja mal gesagt, dass Heimat kein geografischer Ort ist. Heimat ist eher ein Zustand im Kopf, also der Ort, an dem man sich gerne aufhält. Es muss also nicht zwangsläufig der Ort sein, an dem man geboren wurde. Bei mir fällt das zufällig zusammen. Aber ich kann Menschen aus Kleinstädten oder Dörfern verstehen, die sich dort nicht heimisch fühlen und dann in die Großstadt gehen. Ich kann Leute verstehen, die sich in der Großstadt nicht wohlfühlen und dann aufs Land gehen.

Spielt „Soul Kitchen“ mit dem Begriff Heimatfilm?

Akin: Ja, weil er sich mit der Heimat auseinandersetzt, hier im Film ist das die Stadt Hamburg. Bei „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ waren die Städte, inklusive Istanbul, austauschbar. Strukturen und Mechanismen, von denen wir in „Soul Kitchen“ erzählen, gibt es in jeder Großstadt. Daher kann sich vielleicht jeder damit identifizieren. Der Film steht zwar in der Tradition von „Und ewig ruft der Berg“, aber er hat einen urbanen Kontext, keinen ländlichen Kontext.

Blicken Sie in diesem Film auch zurück auf Ihre Jugend?

Akin: Das ist nostalgisch, auf jeden Fall. Wir haben Drehorte ausgesucht, die es jetzt gar nicht mehr gibt, die abgerissen worden sind oder die abgerissen werden sollen. Wir haben bewusst Objekte ausgesucht, die vom Strukturwandel betroffen sind. Er verändert auch die Heimat.

Wie können Menschen, die sich zwischen zwei Kulturen bewegen, das Gefühl der Heimat definieren?

Akin: Ich hab’ für mich erkannt, dass ich nicht mehr zwei Heimaten habe. Es hat auch mit Loslassen zu tun. Also, als ich ausgezogen bin von zu Hause, das war ein Drama. Ich für mich habe erkannt, so sehr ich die Türkei auch liebe, es ist das Land meiner Eltern, meine Heimat ist aber hier in Deutschland. Ich liebe meine Eltern, und das Verhältnis, was ich dem Land gegenüber habe, ist sehr familiär bestimmt. Ich fühle mich verantwortlich, weil ich mich meinen Eltern gegenüber verantwortlich fühle. 

„Soul Kitchen“ ist Ihre erste Komödie. War die Zeit dafür gekommen?

Akin: Meine Filme spiegeln immer auch meinen Gemütszustand wider. Also, bei der Arbeit an „Gegen die Wand“ war ich sehr wütend, das war die Zeit nach dem 11. September 2001. Während ich an „Auf der anderen Seite“ gearbeitet habe, wurde mein Kind geboren. Da bin ich mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert worden, da hatte ich eine nachdenkliche Phase. In eine solche Stimmung zu kommen, geht nicht auf Kommando. Aber nach „Auf der anderen Seite“ hatte ich schon die Sehnsucht, etwas Fröhliches zu machen.

Analog zum Thema Heimatfilm arbeiten Sie ja auch immer mit einer Art Familie, Moritz Bleibtreu gehört dazu, Birol Ünel.

Akin: Ja, es ist natürlich viel einfacher, mit Leuten zu arbeiten, die du kennst, du verlierst nicht so viel Zeit mit dem Kennenlernen. Es ist immer eine Melange von alten und neuen Leuten. Natürlich ist es auch spannend, neue Leute zu treffen.

In „Soul Kitchen“ erlebt der Zuschauer deutschen, griechischen und türkischen Humor. Lachen wir alle über das Gleiche?

Akin: Oh, nee! Das ist schwierig. Daran habe ich am meisten während der Dreharbeiten gezweifelt. Ich wollte den Film nicht aus dem Effekt heraus komisch machen. Wir haben zum Beispiel schrille Klamotten wieder herausgenommen. Eigentlich haben wir gegen alles gearbeitet, was den Zuschauer provozieren soll zu lachen. Und dann kamen beim Dreh Sätze wie: „Das ist doch keine Komödie, das ist doch’n Drama und nicht witzig.“ Also, ich sehe bei Wikipedia nach, was eine Komödie ist. Da steht: „Ein Drama mit positivem Ausgang. Und im günstigsten Fall lacht der Zuschauer über die Schwächen des Helden.“ Na, das ist doch das, was ich mache! Ich kann mich nur daran orientieren, was ich witzig finde: Türkische Komödien, Woody Allen, Charly Chaplin, die Coen-Brüder, Jim Jarmusch.

Der Film kommt zu Weihnachten in die deutschen Kinos. Was bedeutet Weihnachten für Sie und Ihre Familie?

Akin: Meine Frau ist aus Mexiko und hat einen katholischen Hintergrund. Außerdem: Ich habe ein Kind, und das liebt Weihnachten – also feiern wir Weihnachten.

Das Gespräch führte Dirk Steinmetz.

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