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„Ich mache das ja umsonst“: Jürgen Flimm inszeniert derzeit Rossinis „Moïse et Pharaon“. Premiere ist am Samstag im Großen Festspielhaus.

„Intrigen kann ich mittlerweile riechen“

Interview mit Festspiel-Intendant Jürgen Flimm

Nun ist es endlich ausgehandelt: Jürgen Flimm , Intendant der Salzburger Festspiele, darf früher aus seinem Vertrag aussteigen und ab Herbst 2010 die Deutsche Staatsoper Berlin leiten.

Zuvor inszeniert er in Salzburg noch Rossinis „Moïse et Pharaon“, Premiere ist am Samstag , Riccardo Muti dirigiert. Einen Wermutstropfen gab es indes zur Festspiel-Eröffnung: Flimm musste sich Daniel Kehlmanns Abrechnung mit dem „Regietheater“ anhören.

-Was ist eigentlich „Regietheater“?

Weiß ich nicht, das können Sie mir vielleicht sagen. Seitdem ich denken kann, hat ein Regisseur inszeniert. Ein Pleonasmus also. Der Begriff „Regietheater“ wird immer von Leuten im Munde geführt, denen irgendwas nicht passt. Das ist nicht klug.

-Kocht da nun eine Uralt-Diskussion hoch?

Ich glaub’ nicht, dass da was erkaltet war. Die Debatte begleitet mein Leben ja schon immer. Bei Daniel Kehlmann war es nun anders. Die Festspiel-Eröffnung war als Rede an seinen Vater gedacht, das hat mich sehr berührt. Ein sehr guter Regisseur, keine Frage. Einen schweren Fehler hat Daniel Kehlmann allerdings gemacht: Er hat gesagt, wegen des Regietheaters seien die Theater leer. Und das stimmt nun wirklich nicht, das lässt sich leicht beweisen.

-Kann es trotzdem für die Theater in der viel beschworenen Krise eng werden? Wenn die Tickets zum immer größeren Luxusgut werden?

Das verhält sich doch immer antizyklisch. Natürlich können sich manche Leute Theater immer weniger leisten. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich die Menschen gerade in Krisenzeiten eine Karte kaufen. Interessant ist bei uns in Salzburg , dass der Einzelverkauf um sieben Prozent im Vergleich zum Rekordvorjahr gestiegen ist. Aber: Die Firmen ordern zehn Prozent weniger.

-Glauben Sie trotzdem, dass die Leute alles kaufen? Auch wenn hier mehr Dinge gezeigt würden wie Hans Neuenfels’ „Fledermaus“ zu Zeiten Ihres Vorgängers?

Weiß ich nicht. Die „Fledermaus“ habe ich nicht gesehen. Die Legende geht, Herr Doktor Mortier habe zum Hans gesagt: Jetzt machen wir mal ’nen Skandal. Ist ja ganz lustig zum Abschied. Ich kann nur von mir sprechen. Ich rede doch keinem Regisseur hier rein und sage: Mach’ was Nettes.

-Weil Sie vielleicht keine bösen Regisseure engagieren?

Naja, da müssten wir uns mal darüber unterhalten, was nett ist. Als ich hier noch Schauspielchef war, hatte ich Büchners „Woyzeck“ in der Regie Michael Thalheimers produziert. Da habe ich ihm auch nicht reingeredet. Es geht in erster Linie um Qualität. Wollen Sie mir unterstellen, ich hole nur Nettes? Schauen Sie sich doch mal unseren Nono an!

-Unter Umständen Ihrem Nachfolger Alexander Pereira. Weil Salzburg zur Nummer-sicher-Veranstaltung werden könnte.

Aber der hat doch auch nicht nur die braven Püppchen nach Zürich geholt. Martin Ku(s)ej war etwa darunter. Da hat’s auch schon mal gerappelt. Wo sind denn die fünf Unangenehmen, die ich nicht genommen habe?

-Ganz allgemein gesprochen: Es könnte doch sein, dass manche Intendanten wegen der Krise kalte Füße kriegen und verstärkt auf die Konsumenten schielen.

Aber man kann doch einem Publikum gar nicht entgegenkommen, weil man gar nicht weiß, wo es steht. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass unsere „Theodora“ so ein Riesenerfolg wird. Wenn man dem Publikum hinterherlaufen will, hat man zwei Sachen falsch gemacht. Erstens ist es schon weg. Und zweitens wissen Sie gar nicht, wo es hinläuft. Gott sei Dank wissen wir nicht, was die sehen wollen. Wir müssen machen, was wir für richtig halten. Wie Sie bei der Zeitung. (Lacht.)

-Und bei welchen Produktionen wurden Sie überrascht?

Positiv zum Beispiel vor zwei Jahren bei Bellinis „Benvenuto Cellini“. Kurz bevor Regisseur Philipp Stölzl rauskam, dachte ich: Jetzt gibt’s Haue. Und dann dieser Jubel! Natürlich sind auch Enttäuschungen passiert. Die sag’ ich Ihnen aber nicht.

-Bayreuth reflektiert gerade ziemlich stark über seine eigene Geschichte, nicht zuletzt dank Stefan Herheims „Parsifal“. Fehlt so etwas in Salzburg?

Ich weiß nicht, wie das gehen sollte. Man könnte zwei Sachen problematisieren: das Verhältnis zum Nationalsozialismus, das ist nie wirklich aufgearbeitet worden. Und zweitens das Thema der „besseren Gesellschaft“. Interessanterweise gibt es seit Unzeiten eine Konstante hier: das manchmal auch berechtigte Klagen der schreibenden Öffentlichkeit über fehlende Konzeptionen, fehlende Nachwuchsarbeit und angeblich schlechte Sänger. Alles nicht richtig. Irgendwann kam dann der Schicki-Micki-Vorwurf dazu.

-Träumen Sie im Moment mehr von Salzburg oder von Berlin?

Ich träume im Moment von „Moïse et Pharaon“. Riccardo Muti wollte das gerne machen. Ein Stück mit einem tollen Pathos. Und mit so einem Volksmusikcharakter, den ich sehr schön finde. Eigentlich sollte das ein italienischer Regisseur herausbringen, den ich sehr schätze. Das hat nicht hingehauen, aus inhaltlichen Gründen und weil es wahnsinnig teuer wurde. Ich habe ja hier diese traumatische „Otello“-Erfahrung hinter mir. Und als einige Kollegen für „Moïse“ abgelehnt hatten, musste ich ran. Ich mache das ja umsonst.

-Sie gehen bald, auch der Kaufmännische Direktor Gerbert Schwaighofer: Man hat das Gefühl, hier löst sich gerade alles auf.

Nach zehn tollen Jahren und einigen Zwistigkeiten habe ich halt gesagt: Ich will nicht mehr. Dann kam dieses Berliner Angebot. Die Salzburger Nachfolgefrage wurde daraufhin unglaublich schlecht gemanagt, die Debatte hat sich zu lange hingezogen.

-Muss sich die Leitungsstruktur ändern?

Kann schon sein. Eine Zweizügigkeit mit einem starken Intendanten und einem starken Verwaltungsdirektor, wie es sie an vielen Häusern gibt, wäre wohl das Allerbeste.

-Wie stark war der Gegenwind, den Sie in Salzburg gespürt haben?

Das hieße nun Salzburg verkennen. Hier gibt es Gegenwind, den man nicht spürt. Das ist das Problem – und das System. Intrigen kann ich mittlerweile riechen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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