Allein im Kino saß Andreas Ströhl nur für dieses Foto. In den acht Jahren, die er an der Spitze des nach der Berlinale zweitgrößten deutschen Filmfestivals stand, stieg auch die Akzeptanz des Münchner Filmfests beim Publikum. Der Zuschauerrekord liegt bislang im Jahr 2009 mit rund 75 000 Besuchern. Heute Abend eröffnet Andreas Ströhl zum letzten Mal das Filmfest München. fkn

Interview zum 29. Filmfest München

München - Andreas Ströhl übernahm im Jahr 2004 die Leitung des Filmfest München und belebte das zweitgrößte deutsche Filmfestival nach einer Phase träger Selbstzufriedenheit. Nun verlässt Ströhl das Festival, das am Freitagabend mit dem Film „Der Junge mit dem Fahrrad" der belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne eröffnet wird.

Im Gespräch erzählt der 48-Jährige, der künftig beim Goethe-Institut die Abteilung Kultur und Information leiten wird, aufgeräumt von seinen Erinnerungen und wagt einen Blick in die Zukunft des Filmfests. Er klingt nicht sentimental: Man müsse gehen, solange man das selbst entscheiden könne, sagt er.

-Etwas überraschend wird dieses 29. Filmfest Ihr letztes als Leiter sein. Sie kehren zurück zum Goethe-Institut. Weshalb?

Um mal Marlon Brando aus dem „Paten“ zu zitieren: Ich habe ein Angebot bekommen, das ich nicht ablehnen konnte. Für einen Goethe-Mitarbeiter, der sich für Kulturarbeit interessiert, ist die Leitung der Abteilung Kultur schlicht die interessanteste Stelle, die es in Deutschland gibt. Und in Rente gehen als Filmfest-Leiter - das war nie mein Ehrgeiz.

-Worauf sind Sie stolz, wenn Sie zurückblicken auf Ihre acht Jahre beim Filmfest München?

Stolz bin ich auf das Team, das ich aufgebaut habe. Ich glaube, es ist das beste Team, das dieses Festival je hatte. Und sonst erinnere ich mich an viele schöne Momente. Etwa als bei meinem ersten Festival die Brüder Aki und Mika Kaurismäki tatsächlich aus dem Auto stiegen. Die beiden treten sonst nie gemeinsam auf. Oder dass Werner Herzog da war, das hat mich gefreut. Viele kleine Augenblicke, an die ich gerne zurückdenke. Nicht zuletzt, dass ich Sönke Wortmann beim Tischfußball geschlagen habe. Oder natürlich die Partys beim Festival der Filmhochschulen, bei denen die Studenten aus aller Welt regelrecht ausgeflippt sind. Einer hat seitdem eine Narbe auf der Stirn, weil er beim Tanzen eine Wand übersehen hat.

-Gibt es auch unangenehme Erinnerungen?

Unangenehm war es immer, wenn uns wegen Geldmangel die Hände gebunden waren und wir gute Ideen nicht umsetzen konnten. Geärgert habe ich mich über manche Medien, die viertrangige Dorffestivals hochgejubelt haben, aber am Filmfest herumkrittelten.

-Inwieweit hat sich das Filmfest verändert, wenn Sie Ihr erstes Festival 2004 mit dem Filmfest 2011 vergleichen?

Ich glaube, dass wir uns von einem repräsentativen Möchtegern-Glamour-Event verabschiedet haben. Mir konnte noch nie jemand erklären, was „Glamour“ eigentlich sein soll. Das haben wir konsequent hinter uns gelassen und das Publikum hat das mit Besuchsrekorden honoriert. Wir haben die Zuschauer mehr in das Filmfest einbezogen. Es war Schluss mit Billig-Unterhaltung, wir haben die Leute gefordert. Aber je anspruchsvoller das Programm wurde, desto mehr Leute kamen. Es gibt heute eine Festival-Meile, auf der sich die Menschen begegnen. Wir haben dem Festival der Filmhochschulen wieder einen eigenen Termin gegeben. Generell gibt es keine Zwei-Klassen-Gesellschaft - alles ist offen für das Publikum. Und: Das Filmfest München ist jetzt international bekannt. Früher war das mehr oder weniger völlig unbekannt. Heute ist es sehr gut vernetzt.

-Sie haben das geringe Budget erwähnt. Was hätten Sie mit mehr Geld angestellt?

Woody Allen zur Eröffnung einfliegen lassen. Oder Martin Scorsese… Man könnte unabhängiger agieren, könnte beispielsweise mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten.

-Was sind - davon abgesehen - die großen Herausforderungen für Ihre Nachfolgerin Diana Iljine?

Jeder, der irgendwo neu anfängt, muss schnell selbst ein eigenes Konzept entwickeln. Ein Problem ist vielleicht, dass die Zufriedenheit mit dem Festival recht hoch ist. Für mich war es einfacher. Als ich anfing, war das Festival in einer absteigenden Bewegung, da findet man leichter Ansatzpunkte für ein eigenes Profil. Mit einem unveränderten Etat viele neue Dinge einzuführen, dürfte jetzt hingegen eher schwer werden. Da müsste man woanders Abstriche machen. Bei den Sponsoren kann man immer noch zulegen. Aber ansonsten werde ich mich hüten, gute Ratschläge zu verteilen. Meine Nachfolgerin wird ihren eigenen Weg gehen. Die Ausgangslage ist gut, das Team ist gut und ich werde nächstes Jahr bestimmt nicht herumgeistern und erzählen, wie man es besser macht.

-Die Situation im Kinosektor ist schwierig geworden. Das Filmfest wird nächstes Jahr 30 Jahre alt. Wird es auch ein 40-jähriges Jubiläum geben?

Davon bin ich überzeugt. Was sicher geschehen wird: Es wird sich die Spreu vom Weizen trennen auf dem Festivalmarkt. Es ist kein Geheimnis, dass es viel zu viele Festivals und zu wenig gute Filme gibt. Wenn man anfängt, schlechte Filme zu zeigen, schaufelt man sich sein eigenes Grab. Das Filmfest hat in den vergangenen Jahren einen sehr harten Kampf ausgefochten, um die guten Filme zeigen zu können. Viele Festivals werden sterben, aber diejenigen, die überleben, werden dann wieder eine sinnvolle Funktion für die Filmwirtschaft haben. Irgendwo müssen Qualitätsfilme ja sichtbar gemacht werden. Das Filmfest wird eines dieser Festivals sein. Dazu kommt, dass das Filmfest wirklich ein „Fest“ ist. Und die Notwendigkeit für Begegnung wird es immer geben. Deswegen haben wir ja auch immer alle Filmemacher eingeladen, das war eine der Attraktionen für das Ausland. Dafür wird man in Zukunft wohl noch mehr Geld von Sponsoren und Partnern benötigen.

-Bislang hieß es nach dem Filmfest für Sie immer: losfahren, um Filme für das kommende Jahr zu sichten. Was machen Sie heuer am ersten Arbeitstag nach dem Filmfest?

Meinen Schreibtisch aufräumen.

-Kein Urlaub?

Das Goethe-Institut feiert im Juli seinen 60. Geburtstag, da bin ich schon wieder voll eingespannt.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

Das Filmfest München

läuft von heute Abend an bis zum 2. Juli. Weitere Informationen im Internet unter www.filmfest-muenchen.de

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