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Erwin Wurms skurrile Plastik ziert die Nische im Eingangsbereich der Villa, begutachtet von Helmut Friedel und der Feuilleton-Redakteurin Simone Dattenberger.

Interview mit Helmut Friedel

Glücksmoment Kunst

München - Ist das Lenbachhaus ohne ihn denkbar? Der gebürtige Münchner Helmut Friedel scheidet aus dem Amt des Direktors der Städtischen Galerie – viele unter uns kennen die Münchner Kunstinstitution gar nicht ohne ihn.

Seit 1977 ist er am Haus, zunächst als Konservator, dann als Chef (1990). Ihm ist es zu verdanken, dass die kontinuierlich klug erweiterte Sammlung, deren Herzstück der „Blaue Reiter“ ist, und die vielseitigen Ausstellungen dem Museum Weltgeltung verschafften. Das Lenbachhaus ist keine normale kommunale Galerie mehr: Es zählt zu den internationalen Spitzen. Friedel hat es darüber hinaus in geduldiger Überzeugungsarbeit geschafft, Erweiterungen durchzusetzen: den Kunstbau (1994) und den heuer im Mai eröffneten Neu- und Umbau.

-Kommt jetzt für Sie eine Phase der Muße?

Ich habe ja noch Arbeit: eine Veröffentlichung zu Gerhard Richters „Atlas“ (bis 9. Februar im Kunstbau ausgestellt, Anm. d. Red.), und zwar als richtiger Handatlas, wie man das früher nannte. Das sind Riesenteile. Dann plane ich für die Albertina in Wien eine Arnulf-Rainer-Ausstellung. Daneben gibt es hoffentlich mehr Zeit, am Meer zu liegen, noch mehr zu lesen und sich um Familie und Enkelkinder zu kümmern. Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich großes Glück hatte, weil es mit dem Lenbachhaus kontinuierlich aufwärtsgegangen ist.

-Wenn Sie zurückschauen: Was war Ihre wichtigste Entscheidung?

Dass ich Gerhard Richter besonders stark an unser Haus binden konnte. Wesentlich war außerdem, dass wir Sammlungen dazubekommen haben: die Heilmann-Stiftung mit Werken des 19. Jahrhunderts, die Schenkung Lothar Schirmer mit Joseph Beuys und die KiCo-Stiftung mit Kunst der Gegenwart. Keines der Museen hat in den letzten 50 Jahren so eine Wandlung vollzogen wie das Lenbachhaus: vom kleinen kommunalen Museum im Schatten der Pinakotheken durch den „Blauen Reiter“ zum wichtigen Ort der Moderne und zum Ort der Kunst bis zur Gegenwart durch unsere Ausstellungstätigkeit ab den 70er-Jahren. Wir haben die glückliche Konstellation mit dem Kunstareal, dass sich das Haus eine Sondersituation erlauben kann. Dass wir nicht alle Künstler haben müssen, sondern einzelne intensiv pflegen können. Das funktioniert nur in einem System, in dem andere Institutionen ebenfalls ein spezifisches Gesicht entwickeln.

-Warum gelingt das nur in diesem Umfeld?

Na ja, man könnte sich fragen: Die haben Richter – warum keinen Baselitz? Sieht man dann auf die Pinakothek der Moderne, erkennt man: Nur die haben den Expressionisten Max Beckmann – damit ergibt sich eine logische Entwicklung zur Expression von Georg Baselitz. Diese Logik sieht man hoffentlich ebenfalls bei uns zwischen dem Werk Gerhard Richters und dem „Blauen Reiter“ – zwischen der großen Realistik und der großen Abstraktion.

Ich finde die Qualität der Münchner Museumslandschaft liegt darin, dass die Häuser nicht gigantisch sind. Sie sind überschaubar. Das ist besucherfreundlicher. Natürlich wünscht man sich oft mehr Platz. Aber ich glaube, künftig müsste man mit weniger mehr gestalten: Jetzt im neuen Lenbachhaus können die Besucher die einzelnen Sammlungen direkt ansteuern und müssen keinen Pflicht-Rundgang absolvieren. Deswegen auch die sehr günstige Jahreskarte.

-Ist das die Richtung, in die die Museen in Zukunft gehen müssen – in einer Zeit, in der der Kunstunterricht immer mehr eingedampft wird?

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Chance der Museen darin besteht, ein Angebot zu machen, das nicht schulisch daherkommt. Der Museumsbesuch ist keine Pflichtaufgabe. Das Museum bietet einen Freiraum für Menschen, die sich auch mal was anderes vorstellen, die die Welt nicht nur so sehen wollen, wie sie durch die Konventionen und Zwänge vorgegeben sind. Kunst bietet immer ein Freiheits-Potenzial. Unterrichten ist für uns sicher eine notwendige Aufgabe – aber nicht, um für den Lehrplan nutzbringend zu sein. Es geht doch darum, etwas seelisch zu erfahren. Ich sehe heute die Gefahr, dass man das Museum als Umweg benutzt, um bestimmte Inhalte zu vermitteln. Mir wäre lieber, dass das emotionale Moment der Kunst stärker auf die Menschen einwirken darf: das Glücksmoment.

-Sie haben den Spagat geschafft, der wissenschaftliches Arbeiten mit höchster Popularität verbindet.

Ich sehe da keinen Widerspruch. Natürlich gibt es schwierige Inhalte. Da hatten wir, Gott sei Dank, stets die Freiheit, Präsentationen zu zeigen, die weniger Besucher hatten. Aber: Ob das nun Kandinsky oder Franz Marc waren, bei denen besonders viele Menschen kamen, man muss für sich selbst die bestmögliche Ausstellung planen – die in sich stimmige, nicht die populäre. Das muss man hinnehmen: Der Ausstellungsmacher entwickelt die Schau, die er gern sehen möchte! Und: Wir haben konsequent nur Projekte in Bezug auf die Sammlungen konzipiert. Anders als in Kunsthallen sollten im Museum Spuren der Präsentationen bleiben. Auf diese Weise lernt man fürs eigene Haus immer dazu... beispielsweise was man noch sammeln sollte. Armin Zweite etwa, mein Vorgänger, kümmerte sich sehr um Paul Klee.

-Stichworte: Klee und dessen „Sumpflegende“ – Stichwort: Gurlitt.

Hildebrand Gurlitt hat wie einige andere diese „entartete Kunst“ gekauft vom Deutschen Reich. Wenn ich darüber nachdenke, weiß ich eigentlich nicht, was da ablief: Der Mann verliert seinen Job durch die Nazis, wird dennoch deren Kunstberater – die Zeit war derart absurd. Ich kann das nicht nachvollziehen, denn ich musste nie in solch einer Stresssituation leben. Wir wissen, dass die „entarteten“ Bilder damals in Luzern verauktioniert wurden – mit mäßigem Erfolg. Was übrig geblieben ist, wurde verkauft. Der Rest wurde zum Teil verbrannt. Was machten Leute wie der Haubrich, der Möller oder der Gurlitt, wenn sie die offiziell diffamierte Kunst privat gekauft haben? Die „Sumpflegende“ ist von Gurlitt verkauft worden... Ja, das Bild markiert eine unglückliche Seite meiner Zeit. Seit den frühen 90er-Jahren habe ich verschiedene Prozesse um dieses Bild erlebt. Und hoffe, dass es im nächsten Jahr zu einer Einigung kommt. Unser Bertolt-Brecht-Porträt von Rudolf Schlichter stammt übrigens auch aus dem Gurlitt-Bestand.

-Sie kennen Ihren Nachfolger Matthias Mühling lange. Erwarten Sie sich dennoch Überraschungen von ihm?

Ich hoff’s. Was schön ist, dass Matthias Mühling rechtzeitig fürs Amt designiert wurde, sodass wir alle Publikationen zur Neueröffnung des Lenbachhauses gemeinsam herausgeben konnten. Er war auch bei der Neueinrichtung immer involviert – die Kontinuität wird deutlich. Dass er Dinge anders entwickeln wird, erwarten wir alle. Dazu gibt es gute Gelegenheiten: Teile des „Blauen Reiter“ werden im Frühjahr, Sommer ausgetauscht, weil wir „Macke – Marc“ mit dem Kunstmuseum Bonn planen. Dazu gehen viele Bilder von den beiden dort hin. Ein Jahr später wird es „Kandinsky – Klee“, die Künstlerfreundschaft, geben; da wird sich auch etwas in unserer Dauerschau verändern. In anderen Bereichen hat er seine Ideen, ich weiß das. In die Ausstellungslinie wird Mühling seine Eigenständigkeit einbringen. Es muss sich ja ändern! Starre Phänomene sind unerträglich. Ich habe Grundlagen geschaffen für neue Möglichkeiten – das befriedigt mich.

-Ihnen war stets wichtig, dass all Ihre Mitarbeiter bei Ausstellungen zeigen können, was sie draufhaben. Ein nicht egoistischer Chef bedeutet also einfallsreiche Projekte...

Wir haben immer sehr junge Kuratoren ans Lenbachhaus geholt. Wenn Sie Menschen die Freiheit lassen zu arbeiten, dann kommt das Beste raus. Heutzutage gibt es leider – vielleicht bin ich da altmodisch – so viel Kontrolle, dass mir ganz schwindlig wird. Wie lässig wir unsere Freiheit aufgeben aufgrund von angeblichen Korrektheiten, die überprüfbar sind! Künstlerische Entscheidungen sind aber nur am Ergebnis überprüfbar und nicht, wie sie erreicht werden. Ich weiß doch nicht, wann jemand zu denken anfängt. Wenn nur der zum Ziel kommt, der alle Hürden am geschicktesten umgeht, was dann?

Wir sind ein kleineres Haus und konnten zum Teil mehr als ein Dutzend Ausstellungen im Jahr realisieren, was bei einem größeren Museum mit wenig Ausstellungsfläche kaum geht. Jeder war gefordert, etwas zu bringen. Unser Format hat Vorzüge. Das beobachte ich auch an den Besuchern. Sie fühlen sich in unseren intimen Räumen wohl.

-Die finanzielle Ausstattung ist mager, insbesondere, was den Ankaufsetat betrifft. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Wir hatten sehr großes Glück. Ich habe 1994 den Förderverein mitbegründet. Er hat zur Sanierung zweieinhalb Millionen Euro beigetragen und hilft bei Ankäufen. Mit KiCo haben wir einen potenten Partner. Durch die Gabriele-und-Johannes-Eichner-Stiftung besitzen wir bestimmte Möglichkeiten. Ich habe über Jahrzehnte den Fruhtrunk-Nachlass betreut, bei dem schlussendlich Mittel für Erwerbungen ans Haus gekommen sind. Und wir hatten früher das Glück, e.on als Partner zu haben. Man muss findig sein. Mühling hat jetzt Kontakt zur Münchner Rückversicherung. Sie fördert ein paar Jahre Veranstaltungen bei uns. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Stadt München sieht, was das Museum leisten kann. Wir haben bei den Bürgern eine starke Unterstützung. Deswegen glaube ich, dass das Haus weiterhin die Mittel bekommt, die es braucht.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Neue Ausstellungen:

Ab 15. März 2014 läuft die Gruppenausstellung „Playtime“ über das Thema Arbeit. Ab August erstrahlt der Kunstbau wieder in der Lichtinstallation von Dan Flavin; ein Tanzprojekt wird integriert. Ab 27. September wird die US-amerikanische Malerin Florine Stettheimer (1871 bis 1944) entdeckt.

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