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Noch komödiantischer: Zusammen mit Henning Venske macht Jochen Busse ab heute „Inventur“ in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

„Das muss die Mutti machen“

Interview mit Kabarettist Jochen Busse

München - Kabarett, Comedy, (Boulevard-)Theater – es gibt fast nichts, was Merkur-Preisträger Jochen Busse nicht schon mit Erfolg gemacht hätte.

Von 1996 bis 2005 moderierte er die RTL-Sendung „7 Tage, 7 Köpfe“, schon Mitte der Achtziger hatte er es zuvor als Solist mit „Nur für Busse“ ins ARD-Abendprogramm geschafft. Doch großen Ruhm erwarb sich der heute 68-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Iserlohn vor allem bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, deren Ensemble er von 1980 bis 1990 angehörte. Dass der Mann mit der unzerstörbaren Optik des mittelalten Abteilungsleiters noch immer auch Satire kann, beweist er seit zwei Jahren im Bund mit Henning Venske – ebenfalls einst eine Säule der Münchner Brettlbühne. „Legende trifft Urgestein“ nannten die beiden ihr erstes gemeinsames Programm, jetzt sind sie zurück im Schwabinger „Laden“, um „Inventur“ zu machen. Premiere ist heute um 20 Uhr.

-„Legende trifft Urgestein“ hörte sich nach einem Projekt auf Zeit an. Was hat Sie bewogen, jetzt weiterzumachen? Der Erfolg?

Ja sicher. Überall, wo wir hingekommen sind, haben die Zuschauer gesagt, dass sie diese Konstellation gut finden, weil es die sonst nicht gibt, weder was die Inhalte noch was das Alter der Künstler betrifft. Und wir selbst haben festgestellt, dass wir uns jetzt noch besser kennen. Dieses gute Verständnis wollen wir nutzen, um anderes auszuprobieren, um noch komödiantischer zu werden, noch eleganter.

-Ihr Bühnenpartner gilt ja als Schlachtross des Politkabaretts und damit der leichten Unterhaltung eher unverdächtig. Sie dagegen haben auch schon Comedy gemacht. Hat dieser Gegensatz denn nie Spannung erzeugt zwischen Ihnen?

Nein. Abgesehen davon, dass ich auch lange genug sogenanntes seriöses Kabarett gemacht habe, war ich schon damals der Meinung, dass so manche Pointe aus der Comedy auch verdammt gut zu uns gepasst hätte. Henning Venske hat mir nie vorgeworfen, zu leicht zu sein, genau so wie ich ihn nie aufgefordert habe, leichter zu werden. Er ist er, und ich bin ich. Aber wir kommen inhaltlich nicht aus verschiedenen Fraktionen. Wir beide wissen, was wir sagen wollen, und was wir sagen, meinen wir auch so.

- Teilen Sie sich die Arbeit – er sorgt für die Themen, Sie für die Performance?

Also – Regie muss man Henning Venske nicht erklären, er ist ja von Haus aus Regisseur. Man vergisst ja immer, dass er vom Staatstheater kommt. Aber man kann schon sagen, dass ich auf der Bühne eher daran interessiert bin, die Leute zu kriegen, wie man so schön sagt. Das ist ihm nicht ganz so wichtig, ihm ist wichtiger, zu sagen, was zu sagen ist.

-Wie macht man aus dem Schmusekurs zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ein Kabarettprogramm?

Indem man die Situation beschreibt, wie sie ist. Eine Regierungschefin, die umso beliebter wird, je weniger sie regiert und damit schon sehr an Helmut Kohl erinnert, und ein Kanzlerkandidat, der ein Schröder sein will, aber nur so klingt – das alleine ist ja schon nicht unkomisch. Aber wenn dieser junge Mann, dieser robust junge Mann von der FDP sich weiterhin so schnöselig gibt, dann kommt er nicht ans Ziel, dann bleiben Merkel und Steinmeier nämlich verheiratet.

-Noch nie schien ein SPD-Kanzlerkandidat so chancenlos zu sein...

Er hat aber auch ein bisschen Pech mit dieser Frisur und den heruntergezogenen Mundwinkeln.

-Genau das hat man ja Merkel ja auch immer vorgehalten...

Dafür ist sie eine Frau und wird auch von vielen Frauen gewählt. Steinmeier wäre sicher ein fabelhafter Staatssekretär.

-Was machen die Sozialdemokraten Ihrer Meinung nach falsch?

Sie haben schon länger die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Als klar wurde, dass unsere Industriegesellschaft irgendwann eine Automatengesellschaft wird, in der die Arbeiter nicht mehr gebraucht werden, da hätte die SPD dafür sorgen müssen, dass neue Jobs im Dienstleistungssektor geschaffen und angemessen bezahlt werden. Sie hat es nicht getan, und wer heute der Meinung ist, dass das eine dringende Aufgabe ist, der geht zur Linken. Und dann haben sich die Sozialdemokraten in ihrer fürchterlichen Spießigkeit viel zu lange nicht um junge Leute bemüht. Dieser Muff von Schnittchen mit Gürkchen und lecker Bierchen bei Gewerkschaftsveranstaltungen – schrecklich! Die hübschesten Mädchen findet man heutzutage auf FDP-Veranstaltungen.

-Boni für Banker und Bosse, auch wenn sie ihre Unternehmen ruiniert haben, auf der anderen Seite Lohndumping und Bildung nur noch für Reiche – ist die politische Moral in Deutschland abhanden gekommen?

Ja, und zwar schon lange. Es wird nur mit den Jahren immer offensichtlicher. Seit Generationen wird uns eingetrichtert, dass wir etwas lernen sollen, damit wir beruflich möglichst weit kommen. „Euch soll’s mal besser gehen als uns“, hieß das bei den Eltern. Dass es auch einfach nur schön ist, etwas zu lernen, dass Literatur beispielsweise auch den Charakter bildet, das hat man nicht vermittelt. Hauptsache, man profitiert wirtschaftlich. Was früher ein ehrbarer Kaufmann war, das ist heute ein Businessman. Da gehen Moral und Ethos flöten.

-Auf der anderen Seite gibt’s die Schnäppchenjäger und die „Geiz ist geil“-Mentalität...

Ja klar, kein Mensch geht heute in einen Supermarkt für Elektronik und sagt: „Ich hätte gerne einen Eierkocher, der in einem Land produziert wurde, in dem man die Menschenrechte achtet.“ Auch das ist die Realität.

-Wie lässt sich daran etwas ändern?

Indem man oft ins Kabarett geht. (Lacht.)

-Sie glauben, dass das politische Kabarett die Menschen, das Land bessert?

Nein, natürlich nicht. Aber ich glaube – und deswegen mache ich es auch –, dass politisches Kabarett Menschen, die ähnlich denken, stabilisiert. Es entsteht da jeden Abend aufs Neue eine Solidarität zwischen den Künstlern auf der Bühne und dem Publikum im Saal. Das hilft schon weiter.

-Ihre Traumkoalition für die nächsten vier Jahre? Warum nicht eine schwarz-rot-rote Regierung?

Das wäre doch spannend. Dann müssten sich alle aufeinander zubewegen. Politik ist die Kunst des Kompromisses.

-Und wer wäre der ideale Kanzler für diese schwarz-rot-rote Koalition?

Das muss die Mutti machen! Die hat ja das Image, dass sie mit allen vernünftig reden kann.

Interview: Rudolf Ogiermann

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