+
„Bei Vivaldi musst Du auf den ICE“: Die gebürtige Leipzigerin und Barock-Diva Simone Kermes.

Interview zum Konzert: "Ich bin nicht kompliziert"

München - Keine Arie unter 100.000 Volt: Simone Kermes gastiert am Mittwoch im Prinzregententheater in München. Die gebürtige Leipzigerin singt Stücke von Joseph Haydn.

Simone Kermes:

„Lava“. Le Musiche Nove, Dirigent: Claudio Osele (Deutsche Harmonia Mundi).

Wenn sie die Bühne betritt, muss man aufs Heftigste gefasst sein. Dass sie das Publikum zum Klatschen auffordert, dass sie Spitzentöne oder Koloraturkaskaden wie eine Waffe ins Parkett schleudert – und dass sie mit extravaganten Kleidern verblüfft. Eine Rock-Diva der Klassik: Unter 100 000 Volt tut es Simone Kermes eben nicht, was auf mehreren CDs dokumentiert ist.

Dank ihrer Technik und ihres Tonumfangs, der im oberen Bereich bis kurz vor die Ultraschall-Grenze zu reichen scheint, sind Arien mit Simone Kermes immer wie Eruptionen – man stöbere dazu nur im Internet bei Youtube. Ganz folgerichtig heißt ihr aktuelles Album „Lava“, auf dem sie höllisch Schweres aus dem Spätbarock bietet. Die gebürtige Leipzigerin ist heute Abend zu Gast beim Münchner Rundfunkorchester im Prinzregententheater, wo sie Arien von Joseph Haydn singt. Es dirigiert Frans Brüggen (19.30 Uhr).

-Sie haben „Lava“ mit eigenem Geld selbst produziert. Warum machen Sie so etwas?

Weil das sonst niemand gemacht hätte! Es geht ja nicht nur ums Geld. Ich bin immer noch ein Idealist. Und da habe ich mir gesagt: Warum soll ich in ein Auto oder eine Wohnung investieren? Ich investiere in meine Kunst. Außerdem konnte ich nie mitbestimmen. Beim Repertoire, beim Aufnahmetechniker, beim Cover, bei den Fotos...

-Also frustriert Sie der Klassikmarkt.

Ja. Weil heute in den entscheidenden Positionen kaum mehr Leute sitzen, die Ahnung haben. Die kaufen das Falsche ein und produzieren das Falsche. Manche Künstler werden mit ungeheuer viel Kohle gepusht. Und wer überall in den Medien erscheint, kann ja wohl nicht schlecht sein – denkt man sich so gemeinhin.

-Demnach gibt es zu viele Sänger, die sich in ihr Schicksal fügen?

Die meisten sind froh, wenn’s einen Job gibt. Sie organisieren sich nicht. Sie machen das, was der Agent sagt. Egal, ob’s zur Stimme oder zur Persönlichkeit passt. Ich jedenfalls fühle mich gerade unheimlich frei. Weil ich so oft den Mund aufmache und meine Meinung sage. Dann heißt’s immer: Die Kermes ist kompliziert. Bin ich gar nicht. Ich bin nicht diplomatisch, aber ehrlich. Und so wird man auch akzeptiert.

-Das Leben im Opern-Ensemble wäre Ihnen dann wohl zu eng.

Hab’ ich doch schon alles gemacht. Ich geh’ natürlich ohne eine solche Absicherung ein Risiko ein. Aber ich möchte nicht mehr fest an einem Haus sein, weil man da so viel Zeit vergammelt und nicht das machen kann, was man will. Ich bin sehr gewachsen an meiner Situation.

-Aber ein Image auf dem Klassik-Markt haben Sie doch auch und bedienen es – Typ: „flippige Barock-Diva“. Kommt man aus der Schublade wieder heraus?

Ich gebe zu: Mit Mozart oder Haydn ist es viel schwerer, Erfolg zu haben. Beim Barock können und müssen Sie unheimlich absahnen. Bei Vivaldi musst Du auf den ICE. Ich will das Publikum, das manchmal ganz schön müde im Saal sitzt, eben kriegen. Da muss Stimmung her! Die Leute sollen unterhalten und berührt werden. Auch wenn man polarisiert und einige denken: Was ist denn das für ’ne verrückte Nudel?

-Sind Sie Regisseuren und Dirigenten lästig?

Nein, mir geht es ja um die Sache. Und wenn ich finde, die ziehen mir in einer Opernproduktion was Hässliches an oder ich muss was Blödes tun, dann sag’ ich das. Ich gebe auch manchen Kollegen Ratschläge. Gerade die Italiener haben ja in der szenischen Ausbildung nicht so viel mitbekommen. Und wenn es musikalisch heftig wird, bremsen mich Dirigenten auch mal aus. Christopher Hogwood hat mir schon den Mund zugehalten – aus Spaß natürlich!

-Im Grunde könnte man Sie leicht missbrauchen. Wenn sich der Regisseur sagt: Ich nehm’ die Kermes, die bringt mir Power, dann funktioniert das Ganze schon.

Klar, hab’ ich auch schon oft erlebt. Nur: Für mich bringt das kaum was. Das kostet mich zu viel Energie. Ich will ja was lernen.

-Sind denn andere Sänger zu brav auf der Bühne?

Ich kann eben nur so sein. Wenn man das einmal erlebt hat, dass man mit dem Publikum alles machen kann, will man diese Situation immer wieder herstellen. Das Gefühl, dass alles irgendwie eins, alles frei ist. Wie schweben zwischen Himmel und Erde. Unglaublich. Eine Sucht. In der Oper erlebt man das selten, weil ja noch andere auf der Bühne stehen. Aber im Solo-Konzert... Und wenn man nach Hause kommt, putzt man das Klo, damit man wieder runterkommt. So was muss sein, sonst wird man in dem Beruf verrückt.

-Und wenn man diese Droge eines Tages absetzen muss?

Natürlich denkt man darüber nach. Mit einer guten Technik kann man diesen Zeitpunkt herauszögern. Aber den Moment zu erkennen, an dem man nicht mehr seine Leistung bringen kann, das ist wohl das Schwierigste von allem.Wichtig ist in dem Beruf, dass man weiß: Da ist noch ein Leben neben der Bühne. Sonst sitzt Du am Ende einsam rum und redest nur noch über Deine alten Platten.

-Hätten Sie sich jemals einen anderen Job vorstellen können?

Ohne Bühne geht’s doch bei Ihnen nicht, oder? Ach ja. Wenn, dann was ganz anderes. Management. Oder Sänger finden, betreuen und fördern für eine Plattenfirma. Oder kochen! So ’n Café oder ’n Bistro. Oder ’ne Kneipe mit Karaoke!

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen

Kommentare