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Von wegen Glamour: In Martin Moszkowicz’ Büro in der Zentrale der Constantin Film in München-Schwabing herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre.

Interview: Martin Moszkowicz über den neuen "Winnetou"

München - Karl Mays Klassiker “Winnetou“ wird neu verfilmt. In einem Interview mit dem Münchner Merkur sprach Martin Moszkowicz über die Constantin Film nach Bernd Eichingers Tod, Ehrungen und den neuen „Winnetou“.

Schatten und Licht prägten das Jahr für die Constantin Film: Im Januar starb überraschend Bernd Eichinger, Gründer und Galionsfigur der Münchner Produktionsfirma. In der zweiten Jahreshälfte bringt die Constantin einige große Filme in die Kinos. Zudem wird Martin Moszkowicz, Vorstand des Bereichs Film und Fernsehen, am 3. September beim Filmfestival in Venedig mit dem „Variety’s Achievement in International Film Award“ des US-Branchenblatts „Variety“ ausgezeichnet. Wir trafen den Produzenten, Jahrgang 1958, in seinem Schwabinger Büro.

Was bedeutet eine solche Ehrung?

Sehr viel mehr, als man auf den ersten Blick vielleicht denken würde. Denn noch nie wurde eine europäische Filmfirma, ein europäischer Produzent mit dem höchsten internationalen Preis des wichtigsten Film-Branchenblatts der Welt gewürdigt.

Geht ein Mann wie Sie, der sich beruflich permanent mit Film beschäftigt, privat noch ins Kino?

(Lacht.) Ich gehe wahnsinnig gern und regelmäßig ins Kino: ein-, zweimal pro Woche in ein ganz normales Kino mit ganz normalem Publikum. Denn das macht Kino doch aus: dass man einen Film zusammen mit anderen Menschen in einem dunklen Saal erlebt, dass man die Reaktionen der Menschen spürt. Das kann kein anderes Medium.

Sie holen sich dann ein Ticket, kaufen Popcorn...?

(Lacht.) Ganz genau. Mittlere Größe, salzig. Das mache ich, seit ich Kind war. In München gibt es ja viele gute Kinos. Ich mag etwa wahnsinnig gern das Cinema, weil ich mir Filme gern im Original anschaue. Aber auch das Mathäser hat eine hervorragende Projektion und einen sehr guten Ton. Das gilt auch für die Schwabinger Kinos an der Münchner Freiheit. Mir ist sehr wichtig, dass die Qualität, die wir beim Entstehungsprozess eines Filmes zu erreichen suchen, sich nicht beim Abspielen verflüchtigt.

Und den Produzenten lassen Sie bei privaten Kinobesuchen vor der Tür?

Ganz kann man den professionellen Blick wohl nie ablegen. Aber privat schaue ich Filme an, weil ich unterhalten werden will. Ich habe dann weniger den analysierenden Blick des Produzenten als den interessierten Blick des Konsumenten. Das muss man sich auch erhalten, sonst wird man schnell zum Zyniker. Und das ist das Schlimmste, was es in unserer Branche und überhaupt im Leben gibt.

Sehen Sie sich als Kaufmann oder als Kreativer?

Als Vorstand des Film- und Fernsehbereichs der Constantin ist beides gefragt. Jede kreative Entscheidung hat kaufmännische Folgen und umgekehrt. Die Herausforderung, vor der wir jeden Tag stehen, ist, das unter einen Hut zu bekommen: größtmögliche Qualität zu einem vernünftigen Preis.

Tauchen Sie ab und an bei Dreharbeiten auf?

Viel zu selten! Ich gehöre zu der kleinen Gruppe der Auserwählten, die den Schaffensprozess beim Filmemachen begleiten können. Bis Ende der Neunziger war ich bei allen großen Constantin-Produktionen – „Geisterhaus“ oder „Fräulein Smilla“, um zwei zu nennen – täglich beim Dreh. Ich mache das immer noch gern, habe aber nicht mehr die Zeit für tägliche Besuche: Wenn alles gutgeht, sind das nur Stippvisiten. Wenn es mal nicht so gut läuft, werden die Besuche vielleicht etwas länger.

Als Regisseur weiß ich also, dass alles gut ist, solange Sie nicht auftauchen?

(Lacht.) Ja. Aber der Regisseur ist am Drehort der Chef, dem kann man nicht reinreden. Ich verstehe die Aufgabe eines Produzenten wie die eines Trainers: Auf dem Tennisplatz schlägt der Spieler, bei uns ist das der Regisseur, die Bälle. Der Trainer versucht, dem Spieler Hilfestellungen zu geben. Er kann das besser, weil er nicht so sehr im Tagesgeschäft, also in den Ballwechseln, verstrickt ist.

Beim Film geht es um sehr viel Geld: Wie viel Kunst ist da möglich?

Bei einem Film sind – im Vergleich zu anderen Kunstformen – bei der Entstehung hohe Investitionen nötig, egal, wie speziell oder kommerziell er wird. Auch Filme, die sich nicht an ein Massenpublikum richten, müssen sich ja rechnen. Zum Geschäft gehört aber auch, dass Filme mal nicht so gut laufen. Ich irre mich täglich. Das ist Teil des Jobs. Wichtig ist, dass man versucht, den Film so rund wie möglich zu machen. Ich glaube nicht, dass sich Filme, nur weil sie sich rechnen müssen, dem Massengeschmack nähern. Filme, die Ecken und Kanten haben, setzen sich heute vielleicht sogar leichter durch: Das Publikum ist nicht so uniform, wie man annimmt. Zuschauer gehen mit, wenn man Neues versucht. Das ist die Attraktivität des Kinos, davon hat es immer schon gelebt.

Ihr Vater war der Regisseur Imo Moszkowicz. Hatten Sie nie eigene Regie-Ambitionen?

Nein. (Lacht.) Glauben Sie mir, Sie wollen keinen Film sehen, bei dem Martin Moszkowicz Regie geführt hat. Als Teenager habe ich das mal versucht...

Es gibt also Material?

(Lacht.) Ja. Aber ich habe versucht, alles wegzusperren. (Ernst.) Ich habe früh erkannt, dass es meine Fähigkeit ist, den Entstehungsprozess eines Filmes aus der zweiten Reihe zu begleiten. Und nicht im Regie-Stuhl.

Sie starten nun einige große Filme, etwa „Die drei Musketiere“ oder die Fortsetzung von „Wickie“. Kann die Constantin bei so viel Kraft noch laufen?

Dieses Jahr war wahnsinnig schwer. Das darf man nicht vergessen, wenn jetzt in der zweiten Jahreshälfte alle Blicke nach vorn gerichtet sind. Der Tod von Bernd Eichinger war eine unglaubliche Zäsur. Eine Galionsfigur wie er kann nicht ersetzt werden. Das versuchen wir daher gar nicht. Aber wir versuchen den Spagat zwischen der Wahrung des Andenkens an sein Werk, die Constantin, die er geschaffen hat, und dem Blick nach vorne. An allen Filmen, die jetzt starten, wurde bereits lange vor Bernds Tod gearbeitet. Das ist also ein fließender Prozess.

Wie steht es um die Projekte, die Bernd Eichinger nicht mehr verwirklichen konnte?

Bernd hatte zwei, drei Projekte in Arbeit, als er starb. Davon werden wir den „Kampusch“-Film weiterverfolgen, bei dem Sherry Hormann die Regie übernimmt. Bernd hatte 50 bis 60 Seiten des Drehbuchs geschrieben – das wird gerade zu Ende gebracht und soll nächstes Frühjahr in Wien und in Deutschland verfilmt werden. Das zweite Projekt heißt „Schweigeminute“ nach der Novelle von Siegfried Lenz, das hatte Bernd bereits vor längerem an Oliver Berben und Andreas Dresen abgegeben. Ein weiteres Projekt, „Vernon God Little“, haben wir an Katja Eichinger abgegeben. Dann gab es noch ein sehr großes Projekt, an dem Bernd bereits viele Jahre gearbeitet hat: „Zorn“ ist angelehnt an die Nibelungen-Sage – und dreht sich vor allem um Hagen von Tronje. Ich bin seit 1990 bei der Constantin – und seit damals wurde das immer wieder diskutiert. Das ist ein sehr, sehr schwerer Stoff. Wie man sich dieser Sache ohne Bernd nähert – das weiß ich noch nicht. Andere Sachen wiederum hatte er gedanklich angestoßen: etwa unsere Neuverfilmung von „Winnetou“. Wir haben Michael Blake, der „Der mit dem Wolf tanzt“ geschrieben hat, als Autor engagiert. Nächstes Jahr wird in den USA gedreht.

Im Kino dominieren Fortsetzungen oder Prequels, also Filme, die die Vorgeschichte einer etablierten Produktion erzählen. Segen oder Fluch?

Sowohl als auch. Die Fortsetzungen finden ihr Publikum. Das macht sie überhaupt möglich – auch wenn es mir persönlich zu viele sind. In den USA, wo der Kinomarkt dynamischer ist, zeigen sich erste Ermüdungserscheinungen. Ein Film wie „Inception“ war nicht grundlos so erfolgreich: Die Leute wollen originäre Geschichten sehen. Trotzdem will auch jeder in „Harry Potter 8“. Das Problem sind also eher schlecht gemachte Fortsetzungen, die den Leuten den Spaß verderben. Man darf sich nie auf dem Erfolg eines Filmes ausruhen und die Fortsetzung hinschludern. Sonst fühlen sich die Zuschauer ausgenommen.

Regisseur Roland Emmerich hat gerade gesagt, 3D werde die Branche nicht retten. Stimmen Sie zu?

Ja. Ich bin ein großer Verfechter von 3D. Aber diese Technik ist nicht das Heil des Kinos, sondern eine zusätzliche Option. In den USA kühlt sich zurzeit das Interesse an 3D merklich ab. Das hat zwei Gründe: In wirtschaftlich schlechten Zeiten überlegt sich der Zuschauer genau, ob er mehr Geld für einen 3D-Film ausgeben will. Ausschlaggebender ist aber, dass es eine Menge schlecht konvertierter 3D-Filme gegeben hat – das hat den Leuten die Lust verdorben.

Zurück zum Beginn unseres Gesprächs: Was wird für Sie in Venedig bewegender sein – wenn Sie den Preis erhalten oder wenn Sie im Kino in der Uraufführung von „Gott des Gemetzels“ sitzen?

Der Film ist immer wichtiger. Die Auszeichnung ist auch schön – steht aber in keinem Verhältnis zu dem, was es bedeutet, einen gut gemachten Film in einem Kino mit vielen anderen Menschen zu sehen. Dieses Gefühl ist unschlagbar.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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