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„Der Königsplatz war ein besonderer Moment“: Michael Mittermeier (49) während des „Danke“-Konzerts im Oktober. 

Comedian Michael Mittermeier

"Als Volksverräter beschimpft, nur weil ich armen Leuten helfe"

München - Michael Mittermeier über den Hass in der Flüchtlingsdebatte, sein USA-Gastspiel und sein neues Programm „Wild“ im Münchner Lustspielhaus.

Voller Terminkalender: Erst stand Michael Mittermeier als einziger Comedian zum „Danke“-Konzert vor 20 000 Menschen auf dem Münchner Königsplatz, dann tourte er kurzfristig durch New York, Washington, Atlanta und Chicago. Und an diesem Mittwoch präsentiert der 49-jährige, grau gewordene Oberbayer und frischgebackene Comedy-Preisträger sein neues Programm „Wild“ im Münchner Lustspielhaus.

Wie ist es in den USA gelaufen?

Es war super. Ich bin begeistert. Die Amis sind wahnsinnig offen. Man kann über die schimpfen, wie man will. Man kann über sie Witze machen, was ich auch tue. Aber sie empfangen dich mit offenen Armen. Dass die Mundpropaganda so schnell und gut funktionierte und jeden Abend 100 Leute kamen, hat mich gefreut.

Wer kommt da überhaupt?

In New York war das eine bunte Mischung. Natürlich kommen Deutsche, die dort leben und arbeiten. Aber die bringen auch ihre Freunde mit. Es waren also mehr Amis da als Deutsche. New York werde ich sicher 2016 wieder besuchen.

Sie sind regelmäßig im Ausland, waren auch schon in Südafrika und Russland. Ist Ihnen Deutschland nicht mehr genug?

Ein bissl Wahnsinn steckt da schon dahinter. Schließlich hat das noch kein deutscher Komiker gemacht. Ich bin eben gerne einer, der neue Wege geht. Und dann ist da die Erfüllung eines alten Traums: Englisch ist halt die Muttersprache der Stand-up-Comedy.

Funktionieren die Gags auf Englisch genauso wie auf Deutsch?

Nicht eins zu eins. Universelle Themen ja. Aber es gibt Wortspiele, die nur auf Englisch oder Deutsch Sinn ergeben. Am letzten Abend habe ich eine Nummer aus dem neuen Programm „Wild“ ausprobiert. In der geht es um den G 7-Gipfel, als Obama bei den bayerischen Bürgermeistern saß. Und die hat super funktioniert.

Stichwort neues Programm: Wer ist denn darin „wild“ geworden? Sie, die Welt oder der Alltag?

Die Welt und der Alltag. Im Moment bin ich sehr universal drauf. Es gibt auch schwere Themen, die man mit Humor umsetzen kann. Das macht sie etwas leichter. Es wird jedenfalls sauwild. Was ist wild überhaupt? Als Monster titulierte Menschen wie Amokläufer sehen in der Regel ja nicht gefährlich aus. Und „wilde“ Typen wie Rocker mit Tattoos, vor denen man lieber die Straßenseite wechselt, sind handzahm.

Dass die Welt wild geworden ist, zeigt die Flüchtlingskrise. Sie waren beim Münchner „Danke“-Konzert dabei. Sind Sie stolz auf Ihre Stadt, dass dort Hilfe groß geschrieben wird?

Ich bin stolz auf die Münchner, auf OB Reiter, auf alle Menschen, auch in anderen Bundesländern, die wirklich spontan große Teile ihres Lebens daran setzen, um zu helfen. Das zeigt: Wir sind schon ein sehr nettes Volk. Der Königsplatz war ein besonderer Moment für alle von uns. Eine Ehre.

Sie treten öfters bei solchen Veranstaltungen auf. Können Künstler oder speziell Kabarettisten etwas bewegen?

Ja. Ich sehe es als Funktion von uns, dass wir in solchen Zeiten das Wort erheben können, und viele hören es. Vielleicht gehen nach einem TV-Auftritt ein paar mehr Spenden ein. Und wir können zu Diskussionen anregen. Aber natürlich werde ich nicht die Welt retten. Keiner wird seine politische Meinung ändern, wenn er mich gehört hat. Die vorher Hass verbreitet haben, tun es danach auch. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Hass-Mails ich etwa nach dem Königsplatz-Auftritt bekommen habe. Die wollen Sie nicht lesen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich lasse Gott sei Dank die dunkle Energie nicht in mein Herz. Was soll ich machen? Klagen? Ich muss die meist sogar feige anonym verschickten Mails akzeptieren und merke, dass schon eine Menge da draußen nicht nur besorgt, sondern wild im Kopf ist.

Eine wilde Welt...

Als Volksverräter beschimpft zu werden oder Prügel angedroht zu bekommen, nur weil ich armen Leuten helfe, ist schon Wahnsinn. Was geht hier ab? Ich verstehe alle Ängste und Besorgnisse. Ich verstehe nur den Hass nicht. Ich hasse auch keinen, der anderer Meinung ist. Es ist die Pflicht der Politiker, den Leuten die Sorgen zu nehmen und nicht Ängste zu schüren, wie Söder und Seehofer das machen. Der Koalitionsgipfel kam viel zu spät.

Sie sind kein Politiker, aber Politologe und bezeichnen sich als links. Was müsste denn getan werden, um die Krise in den Griff zu bekommen?

Wir aus unserer linken Zunft fordern schon lange ein Einwanderungsgesetz. Jetzt haben wir den Salat. Die Flüchtlinge kommen auch, weil bei ihnen Krieg ist und weil wir den mit Waffenlieferungen geschürt haben. Wir müssen versuchen, in den Krisengebieten die Konflikte zu lösen und so den Leuten eine Perspektive geben. Wir müssen die Asylanträge schneller behandeln, aber nicht nach Söder-Prinzip in Viertelstunden-Gerichtsverhandlungen.

Jetzt klingen Sie wie ein engagierter Politiker. Wollen Sie nicht doch wechseln?

Ich will Leute unterhalten, sie aus dieser Welt kurz entführen. Ich höre Politikern eher zu. Und das lieber dem Passauer Landrat als Horst Seehofer, denn der Landrat weiß, wovon er spricht, und rechnet nicht in Wählerstimmen. Schauen Sie sich doch mal die Dinge an, die Bayern im Bund durchgebracht hat: Maut – Bullshit. Betreuungsgeld – Entschuldigung?! Es ist schon traurig, wie viel Zeit und Energie für solche Themen aufgewandt wird.

Das Gespräch führte Marco Mach.

Information:

Der Auftritt im Münchner Lustspielhaus an diesem Mittwoch ist ausverkauft; weitere Termine in Bayern unter www.mittermeier.de.

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