Schweres Zugunglück in Ankara: Zahlen zu Verletzten oder Toten noch unklar

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„Meine Familie“ heißt das zweite Buch mit Aufzeichnungen von Nikolaus Harnoncourt, das seine Frau Alice herausgegeben hat.

ERINNERUNGEN AN NIKOLAUS HARNONCOURT

Alice Harnoncourt: Unsere kleine Zeit

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Wie war Nikolaus Harnoncourt? Ein Buch mit Aufzeichnungen des 2016 gestorbenen Dirigenten erzählt viel davon. Herausgegeben wurde es von Alice Harnoncourt. Ein Gespräch.

München - Am 6. Dezember wäre er 89 Jahre alt geworden. Doch Nikolaus Harnoncourt, der vor zweieinhalb Jahren gestorbene Ahnvater der Aufführungspraxis, ist noch immer präsent. Weil kein Dirigent, Instrumentalist und Sänger an seinen Erkenntnissen vorbeikommt. Und weil Alice Harnoncourt schon das zweite Buch mit Aufzeichnungen ihres Mannes herausgegeben hat. Der Titel: „Meine Familie“ (erschienen im Residenz-Verlag, Salzburg). Beide – er der neugierige, streitbare Pultmann, sie die Geigerin und Mitgründerin des Concentus Musicus Wien – bildeten ein symbiotisches Duo. Eine Begegnung mit der 88-Jährigen in ihrem Haus unweit des österreichischen Attersees.

Ein Leben für die Musik: Über 60 Jahre lang waren Alice und Nikolaus Harnoncourt verheiratet.

Wie und wo bewahren Sie die unzähligen Texte und Noten auf?

Alice Harnoncourt: In vielen, vielen Ordnern. Zum Beispiel habe ich fast alle Kritiken, Interviews und alle Programmhefte. Auf dem Dachboden gibt es ein großes Archiv, da sind auch alle Orchesternoten und Partituren, die ich nach Anweisungen meines Mannes eingerichtet habe.

Eine unschätzbare Quelle für die Musikwissenschaft. Forscher müssten doch gierig danach sein.

Alice Harnoncourt: Es hat noch keine Universität angeklopft. Im Falle von Monteverdi wurde mein Mann damals gefragt, ob er Neuausgaben betreuen wolle. Er lehnte das ab, obwohl er damit wohl viel verdient hätte. Er fand, dieses Material sei sehr persönlich. Außerdem solle ein Interpret selbst diese Werke analysieren, eine eigene Fassung erstellen und nicht Vorhandenes kopieren. Mein Mann hat trotzdem immer gern Auskunft gegeben. Im Grunde suchten nur zwei Dirigenten intensiv seinen Rat, das waren Mariss Jansons und Simon Rattle. Zufälligerweise habe ich heute früh einen von Rattle dirigierten Haydn gehört und dachte mir: Ja, er hat sich wirklich mit den Ideen meines Mannes auseinandergesetzt. Man hört so etwas selten.

Ihr Mann hat für die Familie jedes Jahr eine Art Rückblick verfasst. Wann hat er damit begonnen?

Alice Harnoncourt: Als ich ein Jahr in Paris studiert hatte – da waren wir verliebt, aber noch nicht verlobt –, schickte mir mein Mann ein Album, in dem er seine Jugend aufgeschrieben und kommentiert hatte. Das fanden wir eigentlich eine gute Idee, und so hat er jeden Sommer einen Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate gemacht. Mit Kinderfotos, Texten, Karikaturen, Kommentaren und vielen anderen Dingen. Der war auch gedacht für die Kinder und Enkel. Daraus allerdings würde ich nie etwas veröffentlichen, das ist zu privat. Es gibt zusätzlich ein Familienarchiv, das betreut einer unserer Enkel – und hat sich noch längst nicht durch alles durcharbeiten können.

Wie geht es Ihnen damit, wenn Ihnen jetzt die Dokumente Ihres Mannes in die Hände fallen?

Alice Harnoncourt: Man muss es aushalten. Ich bin relativ bald nach seinem Tod gefragt worden, ob ich unpublizierte Aufnahmen für eine Veröffentlichung abhören könne. Ich wurde also quasi dazu gezwungen. Das war relativ schwierig, dadurch habe ich aber einen Anfang machen können. Meine Kinder wollen fast gar nicht mehr Musik hören, weil es sehr emotional für sie ist, weil sie sehr geprägt wurden durch die Interpretationen meines Mannes und weil sie dadurch von anderen oft enttäuscht sind. Mein Mann und ich haben uns ja kaum Briefe geschrieben, weil wir dauernd zusammen waren – bis auf die Zeit, als ich in Paris studiert habe. Diese Briefe habe ich seither nicht wieder gelesen. Das war schon interessant, als ich sie jetzt anschaute. Er hatte unter anderem eine Art Einkaufsliste verfasst im Stil von „Wir brauchen eine Geige, eine Bratsche, ein Cello, eine Gambe, ein Cembalo...“ Er wusste 1950/ 51 genau, was er brauchte für seine Idee eines Ensembles. Mir war das damals überhaupt noch nicht klar.

Gehen Sie selbst noch in Konzerte?

Alice Harnoncourt: Praktisch nicht. Was soll ich dort? Wenn ich hingehe, danach gefragt werde, es aber nicht gut fand, soll ich dann sagen „Wunderbar“? Das Wort „interessant“ sollte man ohnehin vermeiden, das ist in der Musikersprache ein Todesurteil. Mich ärgert, dass es noch immer so wenig Basiswissen gibt in der Aufführungspraxis. Man muss einfach verstanden haben, dass Musik wie eine Sprache ist. Welche Schlüsse dann aus dieser wichtigen Erkenntnis gezogen werden, ist die Sache jedes Interpreten.

Jetzt sind Sie aber sehr pessimistisch. Man hört doch in unzähligen Aufführungen, wie sehr die Erkenntnisse Ihres Mannes fortwirken. 

Alice Harnoncourt: Natürlich. Man wundert sich nur, dass es trotzdem noch so viel Unwissenheit gibt. Für jeden Beruf braucht man eine profunde Ausbildung. In der Aufführungspraxis scheint mir das aber nicht immer so.

Haben Sie Ihren Mann auch musikalisch kritisiert?

Alice Harnoncourt: Es gab ja immer ein großes Einverständnis, da hatten wir kaum Differenzen. Und wenn doch, war das heikel. Es hat ihn ausnehmend irritiert. Wir haben auch im Concentus Musicus nie gestritten. Den einzigen Streit gab es in Amerika, weil wir einmal nicht genau wussten, wie wir zum Grand Canyon kommen.

Die adelige Harnoncourt-Familie ist riesig mit einer langen Vorgeschichte. War Ihnen das suspekt, als Sie einheirateten?

Alice Harnoncourt: Überhaupt nicht. Ich empfand die Familie immer als sehr angenehm. Ich war ja so jung, als ich meinen Mann kennenlernte, 19, 20, da bin ich schnell hineingewachsen. Wir wollten auch kein großes gesellschaftliches Leben mit entsprechend vielen offiziellen Anlässen. Außerdem hatte mein Mann beschlossen, dass es genügend Raum fürs Private und für die Arbeit mit dem Concentus Musicus geben muss neben seinem Brotberuf als Mitglied der Wiener Symphoniker und meinen Verpflichtungen für die vier Kinder. Da waren wir wirklich fleißig.

Im Buch beschreibt Ihr Mann, dass er Sie irgendwann angesprochen hat auf der Uni.

Alice Harnoncourt: Genau. Lustigerweise war er mir anfangs gar nicht aufgefallen. Er allerdings erinnerte sich noch genau, wann er mich das erste Mal gesehen hatte.

Und wie groß ist Ihre Familie? 

Alice Harnoncourt: Die ist winzig. Ich habe einen 15 Jahre jüngeren Bruder. Meine Großmutter hatte zwei Kinder wegen Diphterie verloren, meine Mutter blieb damit die einzige Tochter. Mein Vater hatte zwar Geschwister, aber da war der Kontakt sehr locker.

Nach der Heirat widmeten Sie sich zunächst Ihrer Familie und gaben das Geigenspiel auf. Wie schwer war das?

Alice Harnoncourt: So war es damals üblich, ich hatte gar nicht darüber nachgedacht. Ein ganz kurzes Gespräch hat dann alles umgedreht. Mein Mann sagte einmal: „Willst du nicht wieder anfangen?“ – Darauf ich: „Das geht doch nicht.“ Und dann ging’s doch. Ich war eine große Ausnahme. Es gab schon auch dumme Bemerkungen wie „Die ist wohl zu ehrgeizig“. Da sagte ich mir immer: „Ohne Ehrgeiz erreicht man in der Kunst nichts.“ Ich hatte bei vier Kindern offenbar eine gute Kondition. In diesem Zusammenhang habe ich in den vergangenen Jahren viel über meine Mutter nachgedacht. Sie war hervorragend ausgebildet, sprach mehrere Sprachen – und mit der Heirat hat sie das alles nicht mehr nutzen können. Mein Vater wollte nicht, dass sie arbeitet. Sie war deshalb sehr frustriert. Wir waren jeden Sommer in Dorfgastein. Als beide später dort ein kleines Bauernhaus kauften, hat sie eine Jausenstation geführt. Das war für sie herrlich.

Hätten Sie rückblickend gesehen gerne Karriere gemacht?

Alice Harnoncourt: Das ist eine sehr hypothetische Frage. So, wie’s kommt, kommt’s. Ich saß ja im Concentus Musicus am ersten Pult. Das ging nur, weil ich gut genug war, sonst hätten mich die Kollegen nicht akzeptiert. Sie waren sogar stolz auf mich, ich war für das Ensemble eine Art Aushängeschild. Komischerweise wurde das bei uns in der Öffentlichkeit nie thematisiert. Erst als wir in Amerika gastierten, hieß es: „Baby, you are fantastic!“ Zusätzlich habe ich die Büro- und Organisationsarbeit gemacht, anfangs allein. Ich bekam dafür kein Geld, wir mussten eben sehr sparsam sein.

Ein Familienleben nur für die Musik – war das für die Kinder immer einfach?

Alice Harnoncourt: Wir hatten keinen Fernseher und kein Auto. Die Kinder wurden allerdings sehr selten dafür gehänselt. Und wenn es passierte, haben wir ihnen immer geraten, sie sollten auf solche Sachen antworten: „Dafür haben wir ein Cembalo und eine Orgel.“ Sie waren ohnehin relativ schlagfertig und eher Alpha-Kinder.

Hätten Sie sich persönlich mehr Privatheit gewünscht?

Alice Harnoncourt: Es gab schon Freiräume. Wir hatten es immer so gehalten, dass wir eine kleine Zeit des Tages für uns beide hatten und in der uns auch die Kinder nicht stören durften. Das war der schwarze Kaffee nach dem Mittagessen. Das hat sich früher aus den Probenzeiten meines Mannes bei den Wiener Symphonikern so ergeben.

Holen Sie Ihre Geige noch hervor?

Alice Harnoncourt: Fast jeden Tag. Aber natürlich nur zu Hause. Das ist auch eine Frage der Disziplin. Ich könnte ja machen, was ich will. Aber ich finde es gefährlich, wenn man dem Tag keinen Rahmen gibt. Sonst wird man so lätschert.

Haben Sie sich im Sinne Ihres Mannes auch mehr als Arbeiterin, als Dienstleisterin begriffen, weniger als sich verwirklichende Künstlerin?

Alice Harnoncourt: Diese Idee der Selbstverwirklichung kam mir nie in den Sinn. Man muss halt brennen für die Musik.

Für wen macht man sie dann?

Alice Harnoncourt: Weiß ich gar nicht. Stellen Sie nicht so schwierige Fragen! (Lacht.)

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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