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„Sie verkörpert alles, was Männer vermissen“: Anja Kampe als Minnie mit John Lundgren als Jack Rance in der Staatsopern-Inszenierung von Andreas Dresen.

„LA FANCIULLA DEL WEST“ AN DER BAYERISCHEN STAATSOPER

Anja Kampe: „Irgendwie bin ich ein Theatervieh“

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Leonore, Senta, Sieglinde - Anja Kampe ist auf die Extremfrauen abonniert. Nun kommt noch die Minnie in Puccinis Western-Oper dazu. Ein Gespräch.

München - Das Stück gilt als erste Western-Oper – und wird unbegreiflicherweise kaum gespielt. Im Mittelpunkt von Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“ steht Schankwirtin Minnie, die unter lauter Cowboys ihre Frau steht. Als sie ihre große Liebe wiedertrifft, wird das zum Problem. Nach dem Mann wird überall gefahndet. Für die Bayerische Staatsoper inszeniert Andreas Dresen den Dreiakter, Premiere ist am 16. März. Als Minnie ist Anja Kampe zu erleben, weltweit verehrt für ihre intensiven, glühenden, elektrisierenden Rollenporträts. Eine Begegnung mit der Sopranistin.

„Ich hab‘ einfach Glück gehabt im Leben“: Anja Kampe, weltweit gefragte Sopranistin.

Haben Sie mal gekellnert, um sich etwas dazuzuverdienen? 

Kampe: Das ist mir erspart geblieben. Ich habe zum Beispiel Babys gesittet. Das war's. Fürs Kellnern wäre ich nicht talentiert genug gewesen. 

Warum ist Minnie bei den Männern dieses Westerndorfs so beliebt? Weil sie auch ein Kerl ist? 

Kampe: Das ist sie gar nicht. Sie verkörpert alles, was die Männer vermissen: Familie, die Mama, die Schwester, die erträumte Geliebte – alles in einer Person. Die Männer machen ihr ja ständig Geschenke und den Hof. Und Minnie versucht ihrerseits, die Männer auf Distanz zu halten, aber gleichzeitig sie zu bilden – mit Bibelstunden oder Schreibunterricht. Sie wird mit Respekt behandelt und trägt wie die Männer auch ganz selbstverständlich eine Waffe.

Im Vergleich zu „Tosca“ und „La bohème“ ist „La fanciulla del West“ kein Repertoirehit. Warum? 

Kampe: Beim ersten Hören und Sehen erschließt sich das Stück nicht so leicht – das ging mir selbst so. Es gibt nicht diese Melodiebögen, die man sonst von Puccini kennt. Es gibt auch eigentlich nur eine bekannte Arie, nämlich die des Tenors...

...sind Sie deshalb neidisch auf den? 

Kampe: Überhaupt nicht. Ich bin niemals neidisch auf den Tenor. Minnies kleine Ariosi sind ja auch wunderbar – aber darum geht es doch letztlich nicht. Außerdem bin ich nie die arienverliebte Sängerin gewesen, die ständig zeigen muss, was sie draufhat. So eine kleine ausgeschmückte, dazwischengestreute Erzählung wie in dieser Oper, das finde ich schöner als Riesennummern womöglich noch mit einer Cabaletta am Schluss.

Weil man sich dann nicht vor den Spitzentönen, die alle erwarten, gruseln muss?

Kampe: Es gibt genug solche Töne in der „Fanciulla“, glauben Sie mir. Sie sind vielleicht weniger bekannt, aber umso schwerer. Diese Rolle hat irgendwie alles: Leichtigkeit, Schöngesang, Konversationston, Charakterfacetten, Wut, Verzweiflung – aber genau diese Bandbreite mag ich.

Kurz bevor Minnies Geliebter gehenkt werden soll, droht sie mit Suizid und bringt alle Cowboys dazu, dass sie von Rührung übermannt werden und ihn freilassen: Wie realistisch ist denn dieses Ende?

Kampe: Gar nicht! Deswegen gehen wir in die Oper! Es stimmt schon: In diesen drei, vier Minuten geht alles sehr schnell. Aber wir wissen doch, dass sich Oper ganz allgemein, auch was die Glaubwürdigkeit betrifft, am Limit bewegt. Vielleicht geht es auch im Theater gar nicht immer zuerst um Schlüssiges – im Gegensatz zur Realität. In unserer Inszenierung ist das Ende ein wenig anders, mehr darf ich nicht verraten. Bei uns ist der Spielort auch gar nicht so genau festgelegt. Aber zum Schluss appelliert Minnie eben an die Menschlichkeit, und das gefällt mir. 

Merkt man, dass diese Oper von einem Mann geschrieben wurde, wenn man sich Minnies Charakterzeichnung anschaut? Ist sie eine Art Männerprojektion? 

Kampe: Ich weiß nicht – Puccini war einer der größten, wenn nicht der größte Frauenversteher unter den großen Komponisten. Aber in einer Situation, in der es wie hier nur eine Frau gibt, malt man sie sich vielleicht auch schön. 

Gibt es Opernfrauen, die Ihnen nicht sympathisch sind?

Kampe: Mit geht es da weniger um Sympathie, die Rollen müssen etwas Interessantes haben. Zum Beispiel habe ich Probleme mit „Ariadne auf Naxos“. Die Titelheldin singt wunderbare Dinge, aber von der Charakterentwicklung her... Ich wollte auch nie eine Chrysothemis singen. Ich mag dieses Frauenbild nicht, immer dieses eindimensionale Denken, auch dieses Weinerliche – und keine Entwicklung. Madame Butterfly wäre mir ebenfalls schwergefallen. 

Bekommt man dann irgendwann ein Etikett aufgepappt? Nach dem Motto: Anja Kampe ist diejenige für die Extremfrauen? 

Kampe: Das kann ich nicht beantworten. Aber vielleicht heißt es wirklich: Sie ist ein Theatervieh, und das stimmt ja auch irgendwie. Ich würde mir nur öfter Regisseure wünschen, die noch mehr aus mir herausholen. Nicht nur das, was mir eh schon klar und bewusst ist. Viele Regisseure geben sich damit zufrieden, was man anbietet. Natürlich singt man nicht ohne inhaltlichen Hintergrund und hat sich während der Einstudierung daheim seine Gedanken gemacht. Ich biete auch gern etwas an. Ich habe aber eigentlich nie erlebt, dass mich eine Regie-Idee in der Probenarbeit förmlich überrollt hat. Und manchmal wird um den Sänger herumchoreografiert, und der Regisseur glaubt, es sei eine Inszenierung. Wir Sänger kramen dann in unseren Kästchen und suchen etwas heraus, von dem man denkt, dass es in die Aufführung passt.

Gehören Sie auch zu denjenigen, die sagen: Wenn ich nicht singen würde, bräuchte ich einen Psychotherapeuten? 

Kampe: Nein. Natürlich können wir auf der Bühne Dinge tun, die wir im realen Leben und im kontrollierten Umgang nicht dürfen, das ist ja das Schöne am Theater. 

Haben Sie eine Rollenliste, die Sie für sich planen und abhaken? 

Kampe: So streng läuft das nicht ab. Aber es gibt schon Rollen, auf die ich noch warte. Auf die Marschallin im „Rosenkavalier“ zum Beispiel. Ich brauche allerdings dafür eine Neuproduktion, weil ich grundsätzlich nie in Wiederaufnahmen debütiere. Die Brünnhilden kommen nun auch alle drei – nach dem ersten „Walküre“-Versuch bei den Salzburger Osterfestspielen. Kostelnica in „Jenufa“ könnte ich mir nun ebenfalls vorstellen.

Und dies jedes Mal in einer Neuproduktion, damit setzt man sich doch terminlich unter Druck. 

Kampe: Es gibt viele Kollegen, die neue Rollen ganz locker in einer Repertoire-Serie debütieren. Das mag und kann ich nicht. Ich brauche meine Zeit, um zu einer Rolle zu finden und um sie musikalisch und inhaltlich zu verdauen. Das geht eben nur in einem langen Probenprozess. Mir ist natürlich bewusst, dass ich mich dadurch sechs bis acht Wochen blockiere – und in der Zeit viel mehr Geld verdienen könnte. Aber dieses Springen zwischen den Produktionen interessiert mich einfach nicht. Ich bin keine Singmaschine. Ich brenne dafür, etwas Neues zu entdecken. Ich muss mich motivieren können. Vielleicht bin ich auch zu individuell veranlagt. Wenn man Wiederaufnahmen singt, übernimmt man ja ein Stück weit etwas Vorgefertigtes. 

Als Sie noch in Italien lebten, sagten Sie im Interview, Sie wollten nicht nach Deutschland zurückkehren. Jetzt leben Sie in München. Haben Sie mit Deutschland Ihren Frieden gemacht? 

Kampe: Mir ist in Italien alles zu chaotisch geworden. Ich mag zwar die Mentalität. Aber für ein berufliches Dasein macht es die Sache zu schwer. Auch diese furchtbare Bürokratie, wenn ich allein an meine Steuererklärungen zurückdenke. Abgesehen davon spielt in Italien die Kultur eine zunehmend geringere Rolle. Hamburg – so schön es ist - wäre für mich, nichts zum Leben, Berlin ist mir von der Atmosphäre zu hektisch. München passt dagegen sehr gut. Zum Beispiel durch die Nähe zu den Bergen. Ich gehe gern wandern, radle an der Isar entlang, springe mal schnell rein. Dass ich dann zuletzt auch Bayerische Kammersängerin wurde, hat mich natürlich umso mehr gefreut. 

Wenn Sie sich so viele Gedanken über Rollen machen: Sind Sie ein Kontrollfreak? 

Kampe: Vielleicht ein bissl schon. Ich höre auch immer Probenmitschnitte. Einfach weil das, was man tut, oft im Zuschauerraum völlig anders ankommt, als man selbst glaubt. Kontrolle ist zu einem guten Zweck da, ich will ja besser werden. Außerdem muss man sich immer eine gewisse Distanz bewahren. Sich nur dem Gefühl und dem Moment hingeben, das funktioniert nicht. Ich merke schon, dass ich da ab und zu auch Grenzen übertrete. Das sollte aber nicht sein. Gerade die Minnie bietet einige gefährliche Stellen. 

Haben Sie also mal geweint auf der Bühne? 

Kampe: Es gibt diese Momente. Wenn im Münchner „Fidelio“ vor dem Finale das Beethoven-Streichquartett gespielt wird, dann ist es fast immer um mich geschehen. Aber das kann ich mir an dieser Stelle auch erlauben; ich muss ja nur sitzen und still sein. Ich bin ab und zu auch mal sentimental. Manche Regisseure wollen allerdings Kitsch nicht zulassen. Dabei mögen das doch die Leute – und gehen extra deshalb ins Theater. Warum sind denn die Musicals alle voll? Die Besucher wollen etwas für die Seele, nicht nur fürs Hirn.

Jetzt könnte mancher sagen: Ach, was ist Anja Kampe doch konservativ. 

Kampe: Aber was heißt denn konservativ? Etwas bewahren, das möchte ich schon. Was die Oper betrifft, möchte ich nicht die Musik in eine Richtung ziehen, in der sie eigentlich nicht hingehört. Wenn ein Regisseur ein Stück zu kitschig findet, sollte er das nicht mit irgendwelchen Dingen bekämpfen, sondern das Stück sein lassen. Man darf dem Publikum nicht das Emotionale nehmen. 

Sind Sie manchmal frustriert von der Opernszene? 

Kampe: Nur gelegentlich in kurzen Momenten während der Probenarbeit. Wenn es nicht richtig läuft oder wenn wieder einer unvorbereitet ist. Aber dann wird mir gleichzeitig klar, wie privilegiert wir Sänger sind. Neulich hatten wir Orchestersitzprobe. Diese Puccini-Musik, ich hörte begeistert zu und durfte singen... Ich hab' einfach echt Glück gehabt im Leben.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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