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Warum immer nur den Konzert-Normalbetrieb bedienen? Anne-Sophie Mutter zeigt, dass es auch anders geht.

INTERVIEW

Anne-Sophie Mutter: „Ich bin leider wahnsinnig faul“

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Filmmusik? Warum nicht, sagt sich Anne-Sophie Mutter. In diesem Jahr spielt sie unter freiem Himmel Werke von John Williams. Und übertritt nicht nur damit (angebliche) Grenzen. 

München - Auf ihre beiden Stradivaris kann Anne-Sophie Mutter nicht verzichten. Und doch setzt sich die 55-Jährige für die Urururahnen des Instrumentenbauers ein – etwa mit der Schirmherrschaft über die Münchner Geigentage, die vom 9. bis 26. Mai im Bayerischen Nationalmuseum stattfinden. Bereits am 7. Mai ist sie im Gasteig mit Mozart zu erleben. Am 14. September kommt es zum Doppel-Debüt: Erstmals spielt der Star auf dem Königsplatz, und dann auch noch Werke des Filmkomponisten John Williams.

„Diese Geige ist mein Instrument“ – wie und wann hat man dieses Gefühl? Gibt es so etwas wie Liebe auf den ersten Strich?

Anne-Sophie Mutter: Ich bin eine große Anhängerin des modernen Instrumentenbaus. Deshalb besitze ich auch mehrere zeitgenössische Geigen, die ich ab und zu auf der Bühne spiele. Besonders wenn es um zeitgenössische Werke geht, die eine exotische Spielweise verlangen. Bei einer Geige ist es tatsächlich wie bei einem Menschen. Es gibt die Sympathie auf den ersten Klang. Manche Kollegen nähern sich einem Instrument gern über mehrere Monate hin an, das ist nicht meins. Wenn ich merke, dass das Instrument nicht die erforderliche Schnelligkeit in der Ansprache hat oder das Timbre, das mir liegt, dann suche ich weiter. 

Aber kämpfen heutige Geigenbauer nicht doch auf verlorenem Posten, weil die Stars ihre Stradivaris bevorzugen? 

Anne-Sophie Mutter: Ja und nein. Natürlich greifen wir am Ende des Tages gern zu den alten Italienern oder zu fabelhaften französischen Geigen. Aber nehmen Sie nur Frank Peter Zimmermann, der zu denjenigen gehört, die moderne Geigen fast als gleichwertig zu den alten betrachten. Die meisten von uns unterstützen den zeitgenössischen Geigenbau. Wir alle wissen ja nicht, wie alt eine Stradivari wirklich werden kann. Außerdem reifen Instrumente, sodass es in fünfzig bis hundert Jahren durchaus zur Renaissance der heutigen Geigen kommen kann. 

Wie stark darf der Eigencharakter eines Instruments sein? Rudolf Buchbinder meint zum Beispiel, er spiele lieber einen Steinway-Flügel, weil er sich darauf selbst besser verwirklichen könne. Ein Bösendorfer bringe zu viel von sich aus mit.

Anne-Sophie Mutter: Ich hatte ein wahnsinniges Erlebnis in der Library of Congress in Washington D.C. Dort kann man auf Instrumenten spielen, die per Verfügung das Gebäude nicht verlassen dürfen. Als ich auf der Geige von Fritz Kreisler spielte, war es unglaublich, als ich plötzlich wie er klang. Ich war nicht in der Lage, in dieser Viertelstunde meinen Klang zu erzeugen. Instrumente verändern sich also in den Händen ihrer Lebenspartner. Je älter die Geige, umso stärker ist ihr Eigencharakter. Das macht es aber gerade so reizvoll. Sie kann dann auch aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz erzählen, das finde ich immer einen sehr berührenden Moment. 

Welche Geige hatten Sie denn dabei, als Sie den Jakobsweg gingen?

Anne-Sophie Mutter: Ein modernes Instrument, eine Übe-Geige in einem Carbonkasten. Und die ist während der zehn Tage auch extrem gealtert. Die ist jetzt praktisch 100. Ist doch klasse: einfach ein paar Mal den Jakobsweg bei Wind und Sonne laufen, schon hat man ein historisches Instrument! 

Warum haben Sie denn überhaupt eine mitgenommen? Geht eine solche Tour nicht auch mal ohne Musik?

Anne-Sophie Mutter: Ich hatte gleich danach mein Recital-Programm mit Bachs großer d-Moll-Sonate. Und ich hatte den Eindruck, ich müsse mich intensiver, um nicht zu sagen täglich damit auseinandersetzen. Am Ende des Jakobswegs habe ich außerdem für meine Mitwanderer gespielt, das tat gut. Bach unter freiem Himmel bei Sonnenuntergang, das war schon besonders schön. Da hat sich die Tragerei gelohnt.

Sie sind also so ein Mariss-Jansons-Typ, der mit Partituren am Strand sitzt. 

Anne-Sophie Mutter: Nein, überhaupt nicht! Ich bin leider wahnsinnig faul. Ich genieße es, mal wochenlang nichts zu tun – und kenne gleichzeitig Kollegen, die täglich spielen, sich auch einen regelrechten Plan machen. Das ist toll, sehr effizient. Aber nichts für mich... 

Sie spielen am 7. Mai im Gasteig mit dem Kammerorchester Wien-Berlin, das aus Mitgliedern der jeweiligen Philharmoniker besteht, Mozart. Wer ist näher dran an diesem Komponisten? Die Wiener oder die Berliner? Harnoncourt sagte einmal zum Thema Bruckner, man müsse die Täler und Berge erlebt haben, um ihn zu fühlen. 

Anne-Sophie Mutter: Wir alle sind nahe dran an Mozart. Außerdem streiten sich, rein historisch gesehen, ja die Gelehrten, ob Mozart Österreicher oder Deutscher war. Ich rate immer meinen Stipendiaten, die aus dem asiatischen Raum kommen, sie mögen sich zum Beispiel mit europäischer Architektur befassen. Man sollte etwa die Thomaskirche kennen, wenn man Bach spielt. Bei Debussy gehen mir oft die Worte aus, wenn ich einem asiatischen Kollegen dessen Klangwelt erklären soll. Da gehen wir einfach ins Museum und schauen uns einen Monet an. Dann fällt der Groschen. Wie Brahms es so schön gesagt hat: lieber eine Stunde weniger üben und eine Stunde mehr lesen. Die Berliner, Wiener und ich sind ja quasi in Mozarts Kulturkreis hineingeboren worden. 

Gibt es Komponisten, die eine größere Interpretationsbreite vertragen? Bach zum Beispiel hält doch Deutungen von Mengelberg, Karajan und auch von Gardiner aus. 

Anne-Sophie Mutter: Es ist hochspannend, wie verschieden wir alle Musik empfinden. Das hat alles zu tun mit Kindheitseindrücken, mit neurologischen Vorgängen. Objektive Beurteilungen gibt es nicht. Wir haben alle eine bestimmte Erwartungshaltung, die von unserer Vergangenheit, Gegenwart und von unseren Emotionen geprägt ist. Also geht es eher um eine große Vielfalt. Auch andere Komponisten halten viel aus. Was nicht geht, ist eine dogmatische Denkweise in der Interpretation. Ich habe kürzlich die 15 populärsten, von John Williams für mich neu komponierten Titel in Hollywood aufgenommen. Und ich war fasziniert davon, wie akribisch er arbeitet. Er weiß zum Beispiel bis auf den letzten Punkt, welche Bogenstriche er haben will. Andererseits lässt er sich begeistern, wenn es um interpretatorische Alternativen oder ums Experimentieren geht. Diese Offenheit, dieses Ausbrechen aus Hörgewohnheiten hat mich ja über Jahrzehnte immer wieder beflügelt, mit zeitgenössischen Komponisten zu arbeiten. 

Also würden Sie dem Nachwuchs zurufen: Spielt so viele verschiedene Dinge aus verschiedenen Zeiten als möglich. 

Anne-Sophie Mutter: Unbedingt! Ob aus dem 17. oder 21. Jahrhundert – aber lernt ständig etwas Neues kennen! Damit bewahrt man sich die eigene Offenheit. 

Sie treten am 14. September auf dem Königsplatz auf. Hören Sie schon das Murren der Puristen? 

Anne-Sophie Mutter: Ich hoffe, ich höre dann Begeisterung. Ich gehöre vor allem nach dieser Arbeitswoche neulich zu den John-Williams-Fans. Ich bin fasziniert von seiner Instrumentationskunst, von seiner leitmotivischen Arbeit. Das ist ganz große Musik. Dass wir uns getroffen haben als Angehörige zweier Welten, die so unterschiedlich gar nicht sind, empfinde ich als Geschenk. Es ist geigerisch außerdem eine große Herausforderung, einiges ist wirklich teuflisch schwer. Ich habe mich selten auf ein Projekt so gefreut und mich so akribisch vorbereitet. Das ist ein neues Kapitel, das ich aufschlage und das ich über die nächsten Jahre vertiefen möchte. 

Ist das typisch deutsch, dass wir überhaupt von zwei angeblich verschiedenen Welten sprechen? 

Anne-Sophie Mutter: Ja. Es gibt hier einen Nachholbedarf. Erich Wolfgang Korngold war doch auch ein genialer Filmmusik-Komponist und hat das Niveau dieses Genres angehoben. Trotzdem wurde über seine Hollywood-Vergangenheit die Nase gerümpft. 

Abgesehen davon ist der Film die Kunstform unserer Zeit.

Anne-Sophie Mutter: Absolut! Das ist die moderne klassische Musik! Wenn man außerdem wie John Williams für ein großes symphonisches Orchester schreibt und nicht nur für Synthesizer, kann man das nur bewundern. 

Wie viel Zeit muss vergehen, bis solche Werke in einem Abo-Konzert zum Beispiel des Bayerischen Rundfunks zu hören sind? 

Anne-Sophie Mutter: Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass John Williams noch ein Violinkonzert schreibt. Aber es hat sich doch schon viel getan, was die zeitgenössische Musik betrifft. Man muss auch mal den Sprung hinaus wagen aus einem manchmal freudlosen Exerzitium. Wichtig ist zum Beispiel, dass man mal mit dem Publikum spricht. Dies ist in einem großen Saal natürlich schwierig. Aber in einem Club, das habe ich ja schon getan, funktioniert es großartig. Ein verbaler Austausch in lockerem Rahmen bringt unglaublich viel. Es muss also neben dem traditionellen Konzertsaal auch andere Plattformen geben. Und es muss dabei nicht immer die eineinhalbstündige Mahler-Symphonie sein. Ich möchte auch nicht immer einen ganzen „Ring“ hören. Die klassische Musik hat, was Werkformen betrifft, doch wahnsinnig viel zu bieten. 

Glauben Sie, dass Sie mit dem Königsplatz-Konzert 200 Menschen in ein Gasteig-Konzert von Ihnen locken können? 

Anne-Sophie Mutter: Das kann ich vorher nicht sagen, vielleicht kann man das auch gar nicht messen. Aber darum geht’s mir gar nicht, auch nicht bei den Club-Konzerten. Ich wollte damals einfach ein anderes Publikum ansprechen, das vielleicht gar nicht weiß, wie irre toll eine Geige sein kann. Und dass ich auf ihr jetzt John Williams spielen darf, das ist – wirklich ohne Witz – einer der Höhepunkte meiner Karriere. Ich hoffe, dass die Leute Bauklötze staunen, wie wunderbar diese Musik ist. Und ob sich danach jemand Beethovens Violinkonzert mit mir anhören will? Mich würd's freuen. Wenn nicht – macht doch auch nix.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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