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Was bedeutet heute Anstand? Diese Frage will Axel Hacke (61) in seinem Buch beantworten.

Interview zur Münchner Lesung

Axel Hacke: „Das Ich ist zu wichtig geworden“

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Axel Hacke, Publizist und Kolumnist, findet, dass wir ziemlich unanständig geworden sind, und hat darüber einen Bestseller geschrieben. Am 15. Januar liest er im Münchner Lustspielhaus.

München - Ein Moralapostel will Axel Hacke nicht sein. Dennoch hat der Kolumnist einen Bestseller über Anstand geschrieben. Er sagt, dass die Sitten verrohen. Er will, dass die Menschen mehr nachdenken – über sich selber. Ein Gespräch über die Nachteile Sozialer Medien und was diese mit der Messerattacke auf den Bürgermeister in Altena zu tun haben.

Laufen Sie noch gerne durch München?

Axel Hacke: Ja, natürlich. München ist eine der schönsten Städte, die ich kenne.

Gibt es dort keine unanständigen Menschen?

Hacke: Die gibt es überall. Es gibt die Fahrradfahrer, die einem Fußgänger den Weg abschneiden. Die Autofahrer, die einem den Fahrradweg zuparken. Es gibt die Rücksichtslosen und die Unhöflichen.

Und das stört Sie?

Hacke: Das stört mich immer. Aber so ist die Welt. Das ist in München nicht anders als in jeder anderen Stadt. Woanders ist es vielleicht noch bedeutend schlimmer.

Diese Unanständigkeit bemängeln Sie in Ihrem Buch. Ihnen geht es aber nicht um Verkehrsregeln oder um „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Ihnen geht es um das Große und Ganze.

Hacke: Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Es geht nicht um gute Manieren und Benimm-regeln, sondern darum, dass wir im Umgangston unserer Gesellschaft eine tatsächliche Verrohung beobachten können. Und die beobachte nicht nur ich, die beobachten viele.

Wo erkennen Sie das?

Hacke:  In den Sozialen Medien zum Beispiel, wo man unter jedem zweiten Artikel und auf jeder zweiten Facebook-Seite in den Kommentarspalten nach zwei Minuten bei den wildesten Beschimpfungen und Beleidigungen ist. Das kann man sich nicht anschauen.

Ein konkretes Beispiel?

Hacke: Wirklich schlimm war es bei dem Messerattentat auf den Bürgermeister von Altena im Sauerland. Das zeigt sehr gut, wohin das führt. Der Bürgermeister hat erzählt, dass er vor der Messerattacke monatelang im Internet beschimpft und beleidigt wurde. Aus dem Wort wurde die Tat.

Sind die Sozialen Medien schuld?

Hacke: Das ist ein bisschen zu einfach. Aber die neuen Medien sind ja ein Teil einer Art ständiger Revolution unserer Lebensbedingungen, unserer Arbeitswelt, unserer Kommunikation, unserer Art einzukaufen. Aber um bei den Sozialen Medien zu bleiben: Bei Facebook kann jeder anonym agieren. Man muss nicht für das einstehen, was man schreibt. Man kann etwas rauspusten und muss sich nicht mit der Reaktion auseinandersetzen. Die Sozialen Medien haben einen Umgangston mit salonfähig gemacht, der nicht salonfähig sein sollte. Dazu kommt: In unserer Gesellschaft ist das Ich wichtiger geworden als das Wir. Das Vorankommen des Einzelnen steht im Vordergrund. Es erzeugt ein permanentes Konkurrenzdenken, das setzt die Menschen unter wahnsinnigen Stress. Und Stress macht auch aggressiv.

Facebook macht egoistisch?

Hacke: Es bringt die Menschen dazu, vor anderen performen zu wollen. Dass Menschen bei Unfällen mit ihren Handykameras filmen, statt zu helfen, ist ein Zeichen dafür, dass den Leuten ihre Performance bei Facebook, wo sie die Handyfilme hinstellen, wichtiger ist.

Unanständig in höchstem Maße?

Hacke: Wenn das nicht unanständig ist, dann weiß ich nicht. Oft werden die Helfer, die Polizei, die Sanitäter noch behindert, beschimpft und angegriffen. Das ist der Hammer. Das ist aber Alltag dieser Leute.

Haben Sie ein Rezept, wie es besser werden könnte?

Hacke: Der erste Schritt zur Veränderung ist, dass man sich des Problems bewusst wird. Lange wurde darüber nicht geredet. Es ist erst jetzt zum Thema geworden, dass es so etwas wie eine Verantwortung für den gesellschaftlichen Umgang miteinander gibt.

Sie wollen ein Problembewusstsein schaffen?

Hacke: Ja, mein Buch ist eine Suche danach, was dieser Begriff „Anstand“, der verstaubt klingt, für uns heute bedeuten könnte. Jeder sollte bei sich anfangen und sich fragen, wie will ich eigentlich sein? Wie möchte ich mich anderen gegenüber verhalten?

Sie sind aber kein Freund des erhobenen Zeigefingers.

Hacke: Ich gehöre nicht zu denen, die andere darauf aufmerksam machen wollen, dass sie sich nicht richtig verhalten. Ich halte auch nichts von diesen Predigten, dass die jüngeren Menschen sich nicht richtig benehmen könnten. Das ist einfach Quatsch. Es gibt genauso viele ältere Leute, die sich nicht anständig verhalten. Das kann man jeden Tag beobachten.

Ach was…

Hacke: Na, schauen Sie sich die Demonstrationen von Pegida in Dresden an. Da ist der Altersdurchschnitt sogar relativ hoch. Da herrscht ein Ton, der vollkommen inakzeptabel ist. Da wurde ein Galgen für Angela Merkel durch die Gegend getragen. Das ist doch nicht hinnehmbar.

Gibt es Reaktionen darauf, dass Sie Pegida im Buch ansprechen?

Hacke: 98 Prozent aller Reaktionen auf das Buch sind positiv. Und das zeigt, wie sehr den Menschen das Thema auf den Nägeln brennt. Manche setzen sich sehr differenziert mit dem Buch auseinander. Dann gibt es noch die Schimpfer.

Was schreiben die dann?

Hacke: Dass ich keine Ahnung habe, von Dresden nichts weiß, dass der Bürgermeister von Altena sich nicht so haben soll wegen der kleinen Schnittwunde. Da ist man auch schnell mal ein „niveauloser Penner“ oder so. Wenn es anonym kommt, schreibe ich einmal zurück, dass ich es ablehne, mit Leuten zu diskutieren, die ihren Namen nicht nennen. Wird es beleidigend, frage ich, warum sie eigentlich in einem solchen Ton schreiben. Da kommt fast nie eine Antwort.

Sind Sie selber nicht auch mal unanständig?

Hacke: Das bleibt nicht aus. Ich bin weit davon entfernt, mich als Vorbild hinzustellen. Natürlich bin ich im Autoverkehr schon ausgerastet. Ich bin 61 Jahre alt, wenn ich das noch nicht getan hätte, dann wäre ich nicht ganz normal. Ich bin nicht Jesus.

Das Gespräch führte Christoph Hollender.


Axel Hacke:
„Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Kunstmann Verlag, München, 192 Seiten; 18 Euro.

Der Autor stellt sein Buch am 15. Januar im Münchner Lustspielhaus vor, Telefon 089/ 89 34 49 74.

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