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Christian Gerhaher fordert von der Kulturszene mehr Selbstbewusstsein.

INTERVIEW

Christian Gerhaher: „Der Vulkan ist explodiert“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Schwarzmalen will er nicht. Und doch gibt es für Christian Gerhaher einiges zu bedenken und zu kritisieren, wenn man auf das Kulturleben in Corona-Zeiten blickt. Eine Begegnung.

München - Wer ihn in München besucht, trifft auf einen erstaunlich entspannten Künstler. Bariton Christian Gerhaher gibt zu, dass er die Zwangsruhe auch genossen hat. Und er hat sie, wie es seine Art ist, genutzt, um über die Zukunft des Kulturlebens nachzudenken. Vieles stört ihn: die Kulturhoheit der Länder oder Aluhut-Träger, auch unmäßige Kollegen. Und doch blickt er optimistisch nach vorn.

Gerade zeigt sich ein Hoffnungsschimmer. Wann geht es mit dem Kulturleben wieder los? 

Gerhaher: Das ist sehr unklar. Man liest, dass Deutschland im internationalen Vergleich bisher ganz gut durch die Krise gekommen ist. Ich habe neulich eine Biografie über den Komponisten und Dirigenten Othmar Schoeck gelesen, in der auch die Jahre 1918/19 beschrieben wurden. Damals kam zu den Kriegsfolgen noch die Spanische Grippe dazu, in der Schweiz brach fast ein Bürgerkrieg aus. Schwarzmalen ist nicht meine Natur, ich bin wirklich ein Optimist. Aber es kann doch sein, dass es noch weitere Infektionswellen und damit viel größere Verwerfungen gesellschaftlicher Art geben wird. Und damit meine ich nicht nur die Aluhut-Träger und Mahner vor der Weltverschwörung. Die Politik hat nun zumindest ihre Bereitschaft klar formuliert, die aktuellen Nöte aufzufangen. Aber wir wissen nicht nur nicht, wie freiberufliche Künstler in Zukunft zu tun haben werden, sondern auch nicht, wie die Festangestellten dastehen werden. Wir wissen auch nicht, wie es in einer Welt aussehen wird, in der weite Teile der Politik den Künsten eher verschlossen zu sein scheinen und in der es zu Verteilungskämpfen kommen wird. Es wird weniger Geld auch für die Kultur da sein, damit kommt es zu Rechtfertigungsproblemen.

Müsste die Kulturszene nicht einen viel stärkeren Kreativitätsdruck entwickeln, um sich Gehör zu verschaffen – weil die Politik, nicht nur in Zeiten der Pandemie, so wenig über sie weiß? 

Gerhaher: Es ist ja die Natur der Künste, dass sie immer zuerst liefern. Sie richten sich also nicht nach einer Nachfrage. Deswegen fand ich es in München immer falsch, mit der Nachfrage zu argumentieren, die einen weiteren Konzertsaal rechtfertigen würde. Nur die künstlerische Erfindungskraft, die Kreativität, die Überzeugungskraft von Visionen und Ideen, kann dazu führen, dass Nachfrage erregt wird. Zuerst ist immer das Angebot des Künstlers da. Und das betrifft auch den nachschaffenden Künstler, der eine Idee entwickelt und gewillt ist, daraus einen Beruf zu machen.

Aber wie wird ein Kultursystem nach vielleicht ein bis zwei katastrophalen Jahren inklusive finanzieller Verteilungskämpfe aussehen? Wie viel Kreativität ist dann überhaupt noch möglich? 

Gerhaher: Es wird notwendig sein, sich zu positionieren. Und man muss dabei darauf hinweisen, wie groß die verteilte Arbeitskraft in Deutschland ist, die sich mit den Künsten im sehr weiten Sinn beschäftigt. Ich habe gelesen, dass in Bayern 500.000 Menschen für die Automobil- und Zuliefererindustrie tätig sind und 200.000 für die Kultur- und Kreativindustrie. Und in Gesamtdeutschland scheinen diese Zahlen sogar noch ausgeglichener zu sein, überhaupt gehen mehr Menschen in Konzert und Theater als in Fußballstadien. Das sind enorme Zahlen, die kann man nicht einfach beiseite wischen. Die künstlerischen Inhalte sind also mehr Teil unseres Lebens und unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses, als mancher es annehmen mag. Die Attraktivität Münchens beispielsweise hängt eben nicht allein von wirtschaftlichen Standortfaktoren und dem geliebten Alpenland ab – sondern auch von einer unglaublichen künstlerischen Breite.

Waren Sie deshalb enttäuscht, dass die Politik in den ersten Wochen der Pandemie das Wort Kultur nicht in den Mund genommen hat? 

Gerhaher: Eigentlich nicht. Ich fand es relativ gut, dass zuerst versucht wurde, eine gewisse Urteilskraft zu entwickeln und dass gewisse Leute nicht sofort dastanden und mit einem Rezept aufwarteten. Diese Situation ist für uns relativ neu. Es gab zwar auch in jüngerer Zeit große Epi- und Pandemien, in den 60er-Jahren zum Beispiel eine Grippewelle, der man hilflos gegenüberstand, aber damals war das Leben nicht annähernd so globalisiert wie heute. Wir schauen jetzt auf Australien und Neuseeland fast genauso wie auf Niederbayern und Sachsen-Anhalt. Was die politischen Entscheidungen betrifft, finde ich die relative Langsamkeit also von Vorteil im Sinne einer bedächtigen Urteilsfindung. Das Bekenntnis der Politik, dass Entscheidungen revidiert werden müssen, ist für mich eher ein beruhigendes Zeichen. Ich glaube andererseits, dass eher glückliche Umstände dazu geführt haben, dass einige Länder besser als andere weggekommen sind. Die Gefahr, dass jemand in eine extrem existenzielle Krise kommt oder verhungert, scheint mir hier vorerst gebannt. Wie's allerdings weitergeht: keine Ahnung.

Es heißt immer leicht pathetisch, wir würden aus dieser Krise Positives mitnehmen, uns vieles bewahren, zum Beispiel die Konzentration auf andere Werte. Oder kehren wir vielleicht doch zurück zum alten Trott?

Gerhaher: Die Zeit vorher war schon eine schwierige. Wir drückten immer mehr aufs Gas, es wurde immer schwindelerregender. Die Klima-Probleme rollen noch immer auf uns zu und können nicht durch Kopf-in-den-Sand-Stecken gelöst werden, wie es vor der Krise der Fall war. Die Flughäfen wurden immer mehr ausgebaut. Es wurde eine Unzahl an Autos hergestellt, die mit klassischen Verbrennungsmotoren betrieben werden. Es konnte so nicht weitergehen. In diesem Einschnitt liegt also schon auch eine gewisse Chance zu überdenken, wie wir den „Wiederaufbau“ gestalten. Alles wie vorher – das hielte ich für sehr ungünstig und schade. Wichtiger wäre es, wie Frans Timmermans, Vizepräsident der EU-Kommission, gesagt hat, die Wiederbelebung der Industrie unbedingt unter ökologischen Gesichtspunkten zu gestalten. Was sich zum Beispiel gezeigt hat mit der sich schnell entwickelnden Arbeitsweise über Videokonferenzen: Nicht jeder Manager muss für ein Brainstorming nach Denver oder Phuket fliegen.

Was hieße das für das Kulturleben? Welche Änderungen wären hier notwendig? 

Gerhaher: Die Notwendigkeit ist hier eine geringere. Ich glaube nämlich, dass Kunst immer zur Internationalität tendiert. Daher ist es nicht nur möglich, sondern auch notwendig, dass sich die Künste global austauschen und sich etwa Musiker in anderen Ländern präsentieren. Alles in gewissem Maße eben. Es muss ja die Art Basel nicht auch noch in Straubing, Montpellier oder Perm stattfinden. Kunstmessen könnte man vielleicht konzentrierter halten, da ist eine Art Tourismus entstanden, der mir nicht wirklich verständlich ist. Ich glaube also, dass die Künste in diesen Dingen bisher insgesamt relativ vernünftig gehandelt haben. Es wird aber sicherlich die Frage gestellt werden müssen, wie sich öffentlich teilfinanzierte Institutionen gegenüber Freiberuflern zu verhalten haben. Und zum Beispiel auch, welche Gagen möglich und überhaupt gerechtfertigt sind. Was sich in der Krise gezeigt hat: Der Beruf des Künstlers ist ein hochriskanter. Es würde mich, davon abgesehen, jedoch stören, wenn betroffene Selbstständige, die unter der Krise schwer zu leiden haben, nur sich selbst sehen. Es gibt unglaublich viele Branchen, die katastrophal betroffen sind, und manche wie Reiseveranstalter oder Tournee-Agenturen haben sogar Minusumsätze, nicht nur, weil sie ihre laufenden Kosten zu decken haben, sondern weil sie auch noch zurückzahlen müssen. Wenn wir Künstler äußern, dass wir uns von der Politik erwarten, für unsere Ausfälle ordentlich entschädigt zu werden, müssen wir meines Erachtens besonders darauf achten, maßvoll zu bleiben, um in der breiten Öffentlichkeit nicht auf Unverständnis zu stoßen. Was man sicherlich erwarten kann, ist, dass aktuelle Not aufgefangen wird. Aber auf Dauer müssen wir uns wohl alle ein Stück weit neu orientieren.

Was stört Sie systemisch momentan am meisten? 

Gerhaher: Die vermaledeite Kulturhoheit der Länder hat sich in besonders schlechtem Licht gezeigt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat relativ bald ein Verständnis für die Not der betroffenen darstellenden Künstler gezeigt und versucht, ein Konzept des Ausgleichs zu entwickeln. Das wird jetzt teilweise von den Ländern übernommen – aber in einer oft erpresserischen Weise, weil gesagt wird: Dann muss auch das Geld vom Bund kommen. Eine andere Sache: Meine Frau, die selbst Lehrerin ist, und ich haben drei schulpflichtige Kinder – und es ist für uns wirklich sehr befremdlich, dass es keine bundeseinheitliche Lösung in der Frage der Abiturprüfungen gibt, obwohl wir doch bundeseinheitlich vergleichbare Bildungsinhalte und jetzt auch eine bundeseinheitliche Krise haben. Ich finde es untragbar und unverantwortlich, wenn man hinnimmt, dass sich die Wertigkeit der Abiturnoten von Land zu Land so gravierend unterscheiden kann, obwohl der Universitätszugang ziemlich einheitlich geregelt ist. Die föderalen Ansprüche der Länder akzeptiere ich ja als historische Gegebenheit, aber nicht in kultureller Hinsicht. Auch wenn man mich dafür kreuzigen mag: Brauchtum ist keine schützenswerte Kultur, sondern eine gelebte Tradition, die im Vergleich zu den Künsten inhaltsarm ist. Meinetwegen kann man in jedem Land ein Heimat- und ein Brauchtumsministerium einrichten und Tracht und Tänze hochhalten. Aber eine mehr zu Internationalität neigende Kultur- und Kunstszene, die die deutschsprachigen Länder in ihrer Extension und Freiheit vor vielen anderen auszeichnet, mit kleinkrämerischen Partialinteressen zu verwalten, empfinde ich nicht nur als Anachronismus, sondern als absurd. Ich bin für ein Kunst- und Erziehungsministerium auf Bundesebene.

Entsteht für öffentlich finanzierte Institutionen sogar eine Pflicht, in der Corona-Krise neue Präsentationskonzepte zu entwickeln? 

Gerhaher: Diese Pflicht bestand auch vorher. Jetzt wird sie eventuell offensichtlicher. Die Verteilung öffentlicher Gelder muss in meinen Augen transparenter werden. Das alles darf aber nicht auf Kosten der einmaligen künstlerischen Vielfalt gehen, die unser Land bietet; und diese ist immer noch getragen und garantiert durch die weitgehende Finanzierung durch die öffentliche Hand: Die unser geistiges Leben mitbegründenden, nicht primär unterhaltenden Inhalte, schwieriges und abseitiges, besonders zeitgenössisches Repertoire kann und will nur durch die öffentlich getragenen oder mitgetragenen Veranstalter repräsentiert werden. Lebenswichtig für unser global immer noch einmaliges kulturelles Leben ist die Unabhängigkeit der Künste von in anderen Ländern fast ubiquitärem Sponsoring und vom Blick auf den Maximalgewinn des Veranstalters.

Bieten Streams die Chance für neue Formate oder ist es eine Art Ersatzhandlung und -befriedigung? 

Gerhaher: Diese Erscheinung ist wohl zunächst der Versuch eines Ersatzes. Ich weiß nicht, ob sie sich wirklich wird halten können. Andererseits: Wir haben seit Langem eine Kultur der Übertragung von Kunst – durch Radio, durch Fernsehen, durch Internet, natürlich auch durch Tonträger. Da ist sehr oft kein reales, sondern lediglich ein imaginäres Publikum dabei. Mein einziger Einwand: Wenn Kunst etwa über Tonträger verbreitet wird, handelt es sich um den Versuch eines Idealbilds im Sinne einer Studioproduktion. Wenn allerdings Repertoire nur vor einer Kamera aufgeführt und live für ein wesentlich größeres Publikum gestreamt wird, ist es etwas Unperfektes, nicht Geschöntes im Sinne eines Konzertes. Und meine  Sorge ist, dass hier Repertoire schnell verbrannt werden könnte. Nehmen wir die Biblischen Lieder von Dvořák, die Gerold Huber und ich neulich im Montagskonzert der Bayerischen Staatsoper aufgeführt haben. Es kann sein, dass mancher sagt, wenn wir das irgendwann als normales Konzert anbieten: „Da geh' ich doch nicht hin, dass habe ich von denen schon live im Internet gesehen.“ Absurd finde allerdings ich Ideen, übers Internet gemeinsam zu musizieren. Durch die kleinen Zeitverzögerungen funktioniert das nicht, außerdem braucht es eine gewisse sinnliche Nähe zwischen Musikern, um aufeinander reagieren zu können.

Sie haben an der Bayerischen Staatsoper zwei live gestreamte Montagskonzerte gesungen. Haben Sie das zweite Mal als selbstverständlicher empfunden? 

Gerhaher: Nein. Beim ersten Mal habe ich gar nicht richtig nachgedacht. Da wurden wir am selben Tag gefragt und waren sowieso kurz vor einer Aufnahme von Schumanns „Liederalbum für die Jugend“. Beim zweiten Mal habe ich mir sehr viel gedacht. Auch weil ich etwas getan habe, was problematisch, aber vielleicht auch okay ist: Ich habe zuvor sechs Wochen lang nicht gesungen. Und dann wieder anfangen! Das ist wie Geröll schaufeln in einer Ruine. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Und hatte großen Bammel, weil das Repertoire schwierig war. Schuberts Mayrhofer-Lieder, die auch auf dem Programm standen, gehören zum Schwersten überhaupt.

Dem Kulturleben drohen Verheerungen. Manche Veranstalter, Agenturen und freie Künstler werden das finanziell nicht überleben. Wie soll man in einer solchen Situation überhaupt Konzepte entwickeln können? 

Gerhaher: Das stimmt – es wird wohl große Verwerfungen geben. Es ist ein klein wenig wie nach einem Krieg. Man muss ein Stück weit von vorn anfangen. Manche Institutionen, Geschäfte, Firmen oder Freiberufler wird es nicht mehr geben. Vielleicht ändert sich auch mein eigenes künstlerisches Leben. Es wird nicht zu einer totalen Erholung kommen. Ob wir uns beispielsweise den weltweiten Tourismus auch unter ökologischen Gesichtspunkten leisten können wie vor der Krise, erscheint mir ein wenig unsicher. Was das kulturelle Leben betrifft, bin ich optimistischer. Ein Konzert oder eine Opernaufführung lässt sich auf Dauer weder durch Streaming noch durch DVDs oder sonstige Aufzeichnungen ersetzen. Es ist nur jetzt zu früh, was die Präsentationsform oder andere Konzepte betrifft, neue Wege zu gehen. Wir haben noch immer die Situation: Der Vulkan ist explodiert, es ist überall Rauch – man sieht noch nichts. Aber die Menschen und Institutionen werden sich anpassen. Es wird automatisch so sein, dass man sagt: Wir könnten doch eigentlich dies oder das mal riskieren.

Haben Sie Angst vor Ansteckung gehabt?

Gerhaher: Ein bisschen. Ich habe ja einige Erkrankungen und muss zum Beispiel immer noch Cortison nehmen, das auch eine immunsuppressive Wirkung hat. Da dachte ich mir: Nein, das Virus brauche ich jetzt wirklich nicht.

Und wenn jetzt das Angebot käme, im Dezember Mozarts „Così fan tutte“ zu singen? Immerhin ein Stück mit nur sechs Figuren auf der Bühne. 

Gerhaher: Guglielmo würde ich ablehnen, der muss ja die Frauen irgendwie anfassen. Aber Alfonso – warum nicht? Den werde ich ohnehin singen, aber nicht im Dezember. Zurzeit probe ich Lieder mit Gerold Huber, wir nehmen viel auf. Und wir vertrauen einfach darauf, dass wir beide das Virus nicht haben.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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