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Vor zehn Jahren debütierte Michael Volle mit dem Beckmesser in Bayreuth, nun folgt der Sachs in Barrie Koskys Neuinszenierung.

Zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele

Michael Volle: Endlich in der Traumrolle auf dem Grünen Hügel

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„Keine Rolle schlägt den Sachs“, findet Michael Volle. In der Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ darf er den Schuster nun auch in Bayreuth verkörpern. Ein Gespräch über Angstpartien, Nationalistisches und Hormone. 

Bayreuth - Mit den Traumpartien ist das so eine Sache. Für Michael Volle hat sich der innigste Wunsch erfüllt: Seit einiger Zeit verkörpert er in den „Meistersingern“ den Sachs, nun endlich auch in Bayreuth. Der gebürtige Schwarzwälder, Jahrgang 1960, hat als lyrischer Bariton begonnen und steht nun – nach einer vollkommen natürlichen, logischen Stimmentwicklung – auf dem Zenit seiner Karriere.

Warum wollen alle Baritone den Sachs singen?

Michael Volle: Als ich neulich hier in meiner Bayreuther Mietwohnung saß und mir die Noten nochmals – nach gut 25 Sachs-Vorstellungen – vorgenommen habe, war ich aufs Neue überwältigt. Ganz abgesehen von der Komplexität des Charakters und den stimmlichen Anforderungen dieser wohl größten Fachpartie: Es ist einfach die unglaubliche Schönheit der Musik, die einem Wagner mit dieser Oper geschenkt hat. Es gibt sicher auch beim Wotan unfassbare Augenblicke. Aber keine Partie kann den Sachs schlagen.

Keine Angstpartie? Es gibt viele Sachs-Sänger, die am Ende einbrechen.

Volle: Ich kann so etwas ja nur für meinen Fall beurteilen. Und da schlägt sich offenbar die positive Routine der Karriere, das Erlernen eines ökonomischen Singens nieder. Für mich ist immer die vorletzte Ansprache „Euch macht ihr’s leicht“ schwerer als das Finale. Auch schon vorher, im zweiten Akt in der Beckmesser-Szene, muss man höllisch aufpassen, dass man sich nicht hochschaukeln lässt und in den Schusterliedern zu brüllen anfängt.

„Was deutsch und echt wüsst keiner mehr“: Haben Sie nie Probleme gehabt mit der als nationalistisch kritisierten Stelle?

Volle: Natürlich. Wahrscheinlich weil ich Deutscher bin. Als Schweizer oder Amerikaner würde man über eine solche Stelle, die das eigene Land betrifft, unbelasteter hinwegsingen. Ich finde diesen Unterschied gar nicht schlimm, man darf Bedenken haben. Trotzdem: Die „Meistersinger“ können nichts dafür, dass sie im „Dritten Reich“ missbraucht wurden. Diese Oper ist nicht nationalistisch, geschweige denn rassistisch. Ich verstehe allerdings nur zu gut, warum es in Israel eine so starke Abneigung gegen Wagner gibt. Harry Kupfer, mit dem ich 2012 in Zürich meinen ersten Sachs erarbeiten durfte, sagte: „Es geht nicht um deutsche, sondern um die Kunst an sich. Und manchmal geht’s nur um die Hormone.“ Ohne zu viel zu verraten, was Barrie Kosky in Bayreuth zeigt: Auch ihm geht es um solche Fragen: Was ist Kunst überhaupt? Wer beurteilt Kunst?

Hätten Sie sich getraut, Ihren ersten Sachs in Bayreuth zu singen?

Volle: Ich bin noch immer der Meinung, und das ist jetzt nicht arrogant gemeint: Es ist egal, ob man in Passau oder Bayreuth mit einer Partie debütiert. Wenn man sich traut, mit einer Rolle an die Öffentlichkeit zu gehen, muss man souverän mit ihr umgehen können. Alles andere wäre ein Affront gegenüber dem Publikum. Ich verstehe dennoch jeden Kollegen, der in dieser Sache befangen oder vorsichtig ist.

Und trotzdem gehen Sie doch am 25. Juli anders in die Bayreuther Eröffnungsvorstellung rein. Gala-Publikum inklusive königlicher Gäste, Kino-Übertragung, Live-Stream...

Volle: Nö. Ich bin bestimmt aufgeregt, aber im besten Sinn. Nach 28 Jahren Karriere vergisst man vieles, das einem das Singen belasten könnte. Bayreuth ist ja auch so besonders wegen eines anderen Phänomens: In der ersten Probenwoche waren wir quasi allein am Hügel. Dann wurde es allmählich mehr, bis die anderen Teams kamen. Das ist so ruhig und beschaulich, wie man es von keinem anderen Haus kennt. Später sitzt die Wagner-Familie wie auf einem Campus zusammen. Die Aufgeregtheit einer Großstadt gibt es nie. Wagner wusste schon, warum er diesen Ort wählte.

Also doch ein Mythos.

Volle: Sicher. Und trotzdem: Bayreuth ist nicht mehr der Hort aller Wagner-Seligkeit. Dazu gibt es zu viele andere Häuser, in denen Top-Besetzungen herausragende Produktionen bestreiten. Was immer bleiben wird, ist dagegen der Nimbus.

Vor zehn Jahren haben Sie hier als Beckmesser debütiert, was hat sich seitdem verändert?

Volle: Künstlerisch? Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich glaube, dass sich musikalisch einiges verbessert hat. Es gibt aber jetzt die Realsatire der Sicherheitskontrollen. Klaus Florian Vogt zum Beispiel wurde deren Opfer. Die ließen ihn im vergangenen Jahr nicht zum Festspielhaus vor, als er ohne Haus-Ausweis in einer Art Bundeswehr-Uniform kam – er war schon als Parsifal verkleidet. Mittlerweile gab es ein Sicherheits-Update. Man ist von der Ausweispflicht entbunden, wenn man im Kostüm zum Singen kommt.

Kommt einem als Ex-Beckmesser die Partie immer mal wieder gedanklich dazwischen?

Volle: Komischerweise habe ich sie noch sehr parat. Aber wenn man hier mit Johannes Martin Kränzle ein solch gewaltiges Kaliber als Beckmesser hat, einen, der die Rolle in so vielen Nuancen erfühlt und lebt, dann kann man nur bewundernd und staunend danebenstehen. Sachs/ Beckmesser ist eine ganz wichtige, ganz eigene Paarung. Wie Wotan/ Alberich oder Graf/ Figaro. Da hilft es sehr, dass Martin und ich auch befreundet sind.

Brauchen Sänger noch Bayreuth im Portfolio?

Volle: Ein weites Feld. Für uns Sänger gerade im Wagner-Fach ist Bayreuth ein Muss, damit man den Betrieb hier mal erlebt hat – und auch die besondere akustische Situation. Ich denke aber, dass Bayreuth nicht mehr so karrierefördernd ist wie früher. Ein Auftritt hier wird sehr interessiert wahrgenommen. Aber ein Ritterschlag...? Ich kann nur sagen, dass ich die Arbeit gerade sehr genieße. Mit Barrie Kosky fügt sich alles wunderbar, die Kommunikation funktioniert bestens. Sollte er etwas mir Ungewohntes verlangen, müsste ich das halt prüfen.

Sie haben immerhin schon in Strapsen gesungen, in Bregenz bei „Hoffmanns Erzählungen“.

Volle: Och, der Sachs in Strapsen, warum nicht? Es wird allerdings hier nicht passieren. Leider – für manchen.

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