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„Oft hat man das Gefühl, das Festival ist gewissen Menschen lästig“, sagt Opernlegende Brigitte Fassbaender.

BILANZ-INTERVIEW

Brigitte Fassbaender: „Ich bin kein Typ fürs Klinkenputzen“

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Garmisch-Partenkirchen: Seit 2009 ist Brigitte Fassbaender Intendantin des Strauss-Festivals, kommenden Sommer wird sie das Amt aufgeben. Ein Blick zurück - inklusive kritischer Worte an Freistaat und Komponistenfamilie.

Das kommende Jahr bringt für Opernlegende Brigitte Fassbaender einen Einschnitt. Zum letzten Mal steht sie als Intendantin an der Spitze des Richard-Strauss-Festivals in Garmisch-Partenkirchen. Ihre Zornesrede zur Eröffnung im vergangenen Sommer hallt noch heute nach. Damals las sie dem Freistaat die Leviten. Das Festspiel sei total unterfinanziert, Vorwürfe, man entwickle sich nicht weiter, verbat sich die Chefin deshalb. Im Gespräch zieht die 77-Jährige nun Bilanz und übt unter anderem Kritik an der Familie des Komponisten.

Ihre Amtszeit begann 2009. Haben Sie von vornherein an diese Zeitspanne gedacht?

Ich wusste, dass ich das nicht ewig machen will. Wir merkten, und damit meine ich das vierköpfige Team, dass wir anfangen uns zu wiederholen. Bei Strauss ist das einfach irgendwann der Fall, dass man alle Kreise ausgeschritten hat. Außerdem hatte ich es satt, mich über die Finanzen zu ärgern. Der Marktgemeinde kann man das nicht vorwerfen. Die tut, was sie kann. Ich hatte in den ersten fünf Jahren einen rein künstlerischen Etat von 200 000 Euro, später wurden das 250 000. Davon haben wir eine Woche mit drei Orchesterkonzerten und meistens einer Oper plus dem übrigen Programm bestritten, Reise- und Aufenthaltskosten inklusive. Ich bin kein Typ fürs Klinkenputzen. Ich finde es unwürdig, dass man so für Strauss betteln gehen muss – für den großen Sohn Bayerns und einen der größten Komponisten überhaupt.

Aber woher rührt diese Ignoranz? Andere Festivals werden ja besser und „automatischer“ unterstützt.

Ich kann es Ihnen nicht erklären. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die reiche Familie Strauss so gut wie gar nicht beteiligt und kein Zeichen setzt. Wenn’s denen schon kaum wert ist, da denkt sich wohl auch der Freistaat... Ich find’s jedenfalls sauschade. Und ich habe keine Lust, dauernd um Freundschaftspreise bitten zu müssen. Wir hatten hier tolle Orchester, die das auch gern um diese Gage gemacht und den Aufenthalt genossen haben.

Dass die Künstler zu Sonderkonditionen und Ihretwegen kamen, fällt nun weg. Haben Sie keine Angst, dass da etwas zusammenbricht?

(Pause.) Ich kann nur hoffen, dass der Freistaat Bayern eingesehen hat, was und wie viel man mit diesem Festival bewegen kann. Und ich hoffe, dass der touristische Wert registriert wird. Wenn man das Festival also erhalten will, dann müsste der Freistaat schon etwas tiefer in die Tasche greifen.

Inwieweit sind Sie in die Nachfolgedebatte eingebunden?

Gar nicht. Ich weiß zwar vieles und kann nur darauf vertrauen, dass es einen harmonischen und freundschaftlichen Übergang gibt. Natürlich kriechen bei einer solchen Personalfrage Krethi und Plethi aus den Löchern... Mir ist jeder recht, der sich gern um Geld streitet.

Haben Sie vor Amtsantritt erwartet, dass die finanzielle Frage so entscheidend sein wird?

Nein. Ich bin kein Mensch, der ungelegte Eier kommentiert. Auch vor einer Inszenierung habe ich, ob als Regisseurin oder Intendantin, nie gesagt: „Das wird toll! Das müssen Sie sehen!“ Natürlich habe ich mit Seehofer, Spaenle, den vorherigen Ministern und Sponsoren gesprochen, aber eigentlich kostet mich das wahnsinnig viel Überwindung.

Wenn in der Programmatik Wiederholungen drohen: Muss sich das Festival dann nicht anders ausrichten?

Wenn man Strauss spielen will, kommt es zwangsläufig zu Wiederholungen. Ich wollte das halt nicht für meine Zeit als künstlerische Leiterin. Klar kann man alles neu ausrichten. Ich habe versucht, aus dem Geist dieser Region im Sinne von Strauss Musik anzubieten auf dem unter diesen Umständen höchstmöglichen Niveau. Ich finde übrigens Konzerte in der Eishalle nach wie vor nicht schlecht. Ich halte daher einen neuen Konzertsaal gar nicht für so notwendig – auch wenn man das nicht laut sagen darf. Gut, der große Saal im Kongresszentrum ist wirklich nicht optimal. Aber der kleinere Strauss-Saal ist für Kammermusik ideal, übrigens auch der Olympiasaal.

Woher kommt es, dass man Garmisch-Partenkirchen nicht so stark als Komponistenort empfindet wie Salzburg oder Bayreuth?

Ich nehme an, das liegt eben auch an der Familie Strauss. Daran, dass sie sich nicht genügend einbringt – auch wenn es mir schwerfällt, das auszusprechen.

Der Komponist selbst war ja im Ort nicht übermäßig „vernetzt“.

Eben. Oft hat man das Gefühl, das Festival ist gewissen Menschen nur lästig. Mir wurde aus gewissen Kreisen nie signalisiert, dass man etwas besonders gut fand. Ich hatte das Gefühl, ich störe. Die Lust am innovativen Arbeiten wird einem da schon genommen.

Also lassen Sie auch relativ leicht los vom Festival.

Vielleicht. Wobei mir der intensive Kontakt zum Publikum sicher fehlen wird. Zu spüren, wie der Ort immer mehr mitlebte und wie man überall mit einem Lächeln begrüßt wurde.

Wie hat sich Ihr Strauss-Bild geändert?

Gar nicht. Ich liebe ihn nach wie vor. Als normaler Opernsänger lernt man ja viele Werke gar nicht kennen. Ich habe mich jedes Jahr auf die Musik und Entdeckungen gefreut.

Ich zielte eher auf den Menschen Strauss.

Ach so, na, das ist etwas schwierig. Aber das geht einem bei Wagner allerdings auch so. Dann dürfte man seine Musik ja nicht mehr hören. Das ist übrigens das Einzige, was mir an Strauss missfällt: dass er sich dauernd auf Wagner beruft. Als Person rückt er einem komischerweise nicht nahe – obwohl ich zum Beispiel oft in seiner Garmischer Villa war. Er war äußerst gebildet und auch ein Mensch des Wortes, trotzdem erscheint mir dort alles sehr kleinbürgerlich und eng. Es ist eigentümlich schnuckelig. Ich wäre sehr gern Schubert begegnet, Strauss nicht unbedingt. Ich kann mir den jovialen, verbindlichen, auch egomanischen, sarkastischen Strauss ganz gut vorstellen. Aber wie war wohl Schubert?

Und was machen Sie jetzt mit der zusätzlichen Freizeit?

Also noch gibt es 2017 einiges zu erledigen beim Festival. Aber danach könnte ich mir vorstellen, dass ich manchmal auch einfach nichts tu’. Bislang habe ich dabei immer ein schlechtes Gewissen bekommen. Vielleicht kann ich mir das noch abgewöhnen.

Informationen
zum Strauss-Festival 2017 und zum Vorverkauf unter www.richard-strauss-festival.de

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