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„Aus Geburtstagen sollte man kein Riesending machen“ , findet Christian Thielemann. 

INTERVIEW

Christian Thielemann über seinen 60. Geburtstag: „Ein tolles Alter“

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Er sei froh, wenn der Tag vorbei ist, findet Christian Thielemann. Trotzdem gibt er ein Interview zum 60. Geburtstag - dies übrigens mitten in den Querelen um die Osterfestspiele.

Dresden/ Salzburg - Erstmals hat er heuer das Wiener Neujahrskonzert geleitet, gerade steckt er in den Vorbereitungen zu seinen geliebten „Meistersingern von Nürnberg“ bei den Salzburger Osterfestspielen, in Bayreuth gehört er zum Inventar – man könnte Christian Thielemann also glatt glauben, wenn der Star-Dirigent sagt: „60 ist das schönste Alter.“ Seinen großen Geburtstag feiert er heute. Und doch ist nicht alles eitel Freude: Es gibt Kräfte, die den Berliner aus Salzburg verdrängen wollen (siehe unten).

Ihre Plattenfirma brachte gerade eine große Box mit Ihren Aufnahmen heraus, der 60. Geburtstag wird quasi offensiv nach außen getragen. Ist das nicht ein bisschen ungalant?

Thielemann: Ich stehe doch dazu! Es geht ja immer um geistige Frische und Reife, ich will gar nicht jünger sein. Ich finde das jetzt ein ganz tolles Alter.

Mariss Jansons sagt, die goldenen Dirigentenjahre kämen ab 60.

Thielemann: Das stimmt wahrscheinlich. Ich glaube in vielen Dingen, nun etwas näher an Lösungen dran zu sein, weil ich mehr Erfahrungen habe. Man wird auch gelassener. Man verbeißt sich nicht mehr in Sachen, die man im Moment nicht ändern kann. Etwas hinnehmen können, diese Eigenschaft kommt mit der Zeit. Ob in der Probe oder im Leben. Vielleicht flattert einem dann eine Lösung sogar zu.

Mit den „Meistersingern“ haben Sie in Bayreuth debütiert. Es scheint für Sie eine Art Schicksalsstück...

Thielemann: ...und ich habe damit meinen Posten als Generalmusikdirektor in Nürnberg bekommen. Mit nur zwei Proben habe ich die Oper seinerzeit dirigiert und keine Ahnung gehabt, wie das ankommen könnte. Es muss wohl ganz anständig gewesen sein, ich wurde ja genommen. In Bayreuth lief das ähnlich glücklich, wo ich Daniel Barenboims Dirigat der Wolfgang-Wagner-Inszenierung übernehmen durfte. Mit den „Meistersingern“ verbindet mich also eine sehr positive Geschichte.

Können Sie sich Ihre früheren Aufnahmen anhören?

Thielemann: Teils, teils. Manchmal bemerke ich dann die interpretatorische Absicht und bin verstimmt. Oder ich finde, dass früher durchaus ein paar gute Ideen dabei waren. Und manchmal, wenn ich zum Beispiel im Auto Radio höre, erkenne ich Aufnahmen von mir zunächst gar nicht. Was ich feststelle: Ich bin über die Jahre hinweg schneller geworden. Mir sagte jemand vor langer Zeit: „Du suchst im Langsamen Bedeutung, du wirst schon noch flotter werden.“ Und genau so ist es gekommen. Ich habe früher alles zu sehr aufladen und zu viel durchsetzen wollen.

Sie sind auch kleiner geworden in den Dirigierbewegungen.

Thielemann: Das ist durch Bayreuth gekommen. Eine Dirigentenschule erster Kategorie ist das. Einmal deshalb, weil es dort wahnsinnig warm ist und die Stücke sehr lang sind, da muss man an die Kondition denken. Und ich bin im Graben nicht beengt durch Hemd und Frack. Man sitzt in Schlabberkleidung vor dem Orchester. All das führt dazu, dass man sehr zweckmäßig wird in der Körpersprache. Auch weil das Publikum einen nicht sieht. Ich dachte früher immer, dass ich nicht fürs Publikum dirigiere. Und dann hat man es doch dauernd im Hinterkopf bei Aufführungen. In Bayreuth fällt diese Komponente weg.

Vor Ihrem vergangenen runden Geburtstag befanden Sie sich mitten in Querelen mit den Münchner Philharmonikern, die zu Ihrem Weggang führten. Was haben Sie aus diesen Vorfällen gelernt?

Thielemann: Man weiß mittlerweile, die Kräfte besser zu bündeln. Ich freue mich über die Dinge, die in den vergangenen zehn Jahren passiert sind, daraus schöpfe ich. Und ich kann mir überlegen, in welches Repertoire ich noch hineinhorchen kann. Gelernt habe ich, wie wechselhaft das Leben sein kann. Und wie Dinge, die ich nicht beabsichtigte, manchmal unschöne Folgen hervorrufen oder missverstanden werden. Ich hatte ja nie negative Absichten. Man wird vorsichtiger. Aus dem Alter des Grollens bin ich allerdings heraus. Ich ärgere mich höchstens über mich selbst, wenn ich mir sage: „Was bist du doof gewesen.“

Was machen Sie eigentlich an Ihrem 60. Geburtstag?

Thielemann: Ich bin am Tag zuvor eingeladen, auch um hineinzufeiern. Am eigentlichen Geburtstag bin ich dann einfach nicht vorhanden, weil familiär gebucht. Und ich freue mich auf den 2. April, auf die Proben für die „Meistersinger“. Außerdem sollte man aus Geburtstagen nicht so ein Riesending machen. In unserer Familie waren die nie der große Brüller. Mein Gott, man ist halt an dem betreffenden Datum geboren worden, weil die Eltern das neun Monate vorher so wollten. Das hätte allerdings an jedem anderen Tag passieren können. Wenn ich ganz ehrlich bin: Hoffentlich ist der Tag bald rum, und wir gehen zur Tagesordnung über.

Noch immer ist nicht klar, ob Sie mit Nikolaus Bachler als künftigem Intendanten der Osterfestspiele zusammenarbeiten werden. Wird bis zu Beginn des Festivals bekannt gegeben, wie es dort weitergehen soll?

Thielemann: Dazu kann ich nichts sagen, weil ich nichts weiß. Non so nulla.

Dann nervt es also, dass das Künstlerische überwölbt wird von Kulturpolitischem?

Thielemann: Auch das ist eine Alterssache: Es nervt immer weniger. Ich ärgere mich gar nicht mehr so sehr, ich habe ja alles schon erlebt. Da bricht für mich keine Welt mehr zusammen. Ich kann nur sagen: Die Staatskapelle Dresden hat sich auf bewundernswerte Weise in die Salzburger Osterfestspiele hineingefunden. Wir sind ja quasi eingesprungen, als die Berliner Philharmoniker nach Baden-Baden gingen. Für uns hieß es damals „Vogel friss oder stirb“. Und es wurde ein großer Erfolg. Wir hängen an Salzburg. Auch weil wir dort so wunderbar aufgenommen wurden.

Das Gespräch führte Markus Thiel.


Salzburger Osterfestspiele: Bachler als Thielemann-Verdränger?

Es scheint, als werde bei den Salzburger Osterfestspielen gerade Mikado gespielt. Wer sich zuerst bewegt, ob der künstlerische Leiter Christian Thielemann oder der künftige Intendant Nikolaus Bachler, hat verloren. Als „starkes Duo“ denken sich die Entscheidungsträger die beiden. Doch hat bekanntlich Thielemann, das zeigen durchgestochene Mails, wissen lassen: nur ohne Bachler. Fest steht, dass Bachler, bis 2021 Intendant der Bayerischen Staatsoper, schon ab 2020 die kaufmännische Geschäftsführung bei den Osterfestspielen übernimmt und ab 2022 die Intendanz. Eine Art Austragsstüberl bei einem Mini-Festival mit glamourösestem Anspruch. 

Zwei Möglichkeiten gibt es: Wenn es schon keine Liebesheirat wird, dann finden Bachler und Thielemann zur geschäftsmäßigen Kooperation. Oder Thielemann schmeißt hin und zieht mit der Staatskapelle Dresden zum parallel stattfindenden Baden-Badener Festival. Wen man auch fragt unter Insidern, immer hört man dieselbe Geschichte: Bachler sei inthronisiert worden, um die Berliner Philharmoniker mit ihrem dann neuen Chef Kirill Petrenko nach Salzburg zurückzuholen. Ein Festspiel mit gezinkten Karten also um einen, der an der Bayerischen Staatsoper bestens mit Generalmusikdirektor Petrenko harmonierte – und weiß, siehe Kent Nagano, wie man einen Dirigenten loswerden kann. 

Ohnehin ist Petrenko genuiner Opernmann, dazu kommt, dass die Philharmoniker das Gründungsorchester der Salzburger Osterfestspiele sind, es wäre also eine Heimkehr. Bis 2022 gilt ihr Vertrag in Baden-Baden. Und von dort hört man, dass man über einen Abzug der Berliner nicht traurig wäre: Das Orchester habe derart lukrative Bedingungen ausgehandelt, die Baden-Baden auf mittelfristige Sicht ausbluten lassen. Bis zum möglichen Umbruch haben Thielemann und die Staatskapelle Dresden ihre Salzburger Premieren jedenfalls festgezurrt. Heuer ist am 13. April Premiere von Wagners „Meistersingern“, 2020 gibt es Verdis „Don Carlo“ und 2021 wohl eine „Turandot“ mit Anna Netrebko. th

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