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Bach-Enthusiast, evangelisch und fast perfekt Deutsch sprechend: Der Japaner Masaaki Suzuki (64) gastiert erstmals bei Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

DEBÜT BEIM BR-SYMPHONIEORCHESTER

Masaaki Suzuki: „Ich bin kein Missionar“

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In der Alte-Musik-Szene zählt er längst zu den ganz Großen, erst jetzt debütiert Masaaki Suzuki, Gründer und Leiter des Bach Collegiums Japan, beim BR-Symphonieorchester. Ein Gespräch.

München - In der Dirigentenszene ist er ein einmaliger Fall. Masaaki Suzuki, 1954 im japanischen Kobe geboren, wuchs als Angehöriger der evangelischen Minderheit auf. Im Alter von zwölf Jahren schlug er sonntags die Orgel, später studierte er in Amsterdam und gründete das Bach Collegium Japan. Mit seinem Chor und seinem Orchester spielte der Bach-Jünger alle 200 Kantaten plus weitere Werke des Thomaskantors ein – und rangiert nun auf Augenhöhe mit den anderen Granden der Alten Musik. Suzuki debütiert mit Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Wie spielt man den „Paulus“ richtig? Bei der Uraufführung gab es 536 Mitwirkende.

Suzuki: (Lacht.)Das geht natürlich nicht, wir sind im Herkulessaal. Im wunderbar flexiblen BR-Chor gibt es etwa 60 Sänger, das ist für meine Verhältnisse schon sehr groß – ich bin ja mein Bach Collegium Japan gewöhnt.

Immer wieder geht es im „Paulus“ um Männer, die bekehrt werden müssen oder um die negativ geschilderten Juden – ist dieses Oratorium eine Art Propagandastück?

Suzuki: Es dreht sich darum, eine Botschaft zu transportieren. Die Bekehrung zum Christentum, die Erleuchtung ist in diesem Werk etwas sehr Zentrales. Sicher geht es auch um Biografisches: Der Jude Mendelssohn wurde protestantisch getauft. Auch deshalb die vielen lutherischen Choräle. Dennoch ist es für mich kein rein protestantisches Stück – dazu war die Atmosphäre in Mendelssohns Familie zu liberal.

Wie populär ist Mendelssohn Bartholdy in Ihrer Heimat?

Suzuki: Sehr. Dabei ist es wie in Deutschland: Die bekanntesten, wichtigsten Stücke sind, gerade weil sie gern gespielt werden, die „Lieder ohne Worte“ für Klavier und die Symphonien. „Elias“ wird bei uns oft von Amateurchören gesungen, „Paulus“ kaum. Auch ich habe als Kind übrigens die Klavierstücke Mendelssohns gespielt.

Wenn man in Tokio in ein CD-Geschäft geht und nach Bach-Einspielungen schaut, findet man CDs aus Ihrem Kantatenzyklus, aber mindestens so viele Platten mit Karl Richter und Nikolaus Harnoncourt. Wie kommt das?

Suzuki: Europäische Musiker sind bei uns immer wichtiger als die japanischen. Als wir anfingen mit unserer Gesamtaufnahme und mit den dazugehörigen Konzerten, stellten wird dennoch positive Reaktionen fest. Wissen Sie, welches das letzte Land war, in dem es endlich gute Kritiken gab? Deutschland. Vielleicht wegen der Sprache. Die ersten internationalen positiven Stimmen kamen übrigens aus Israel. Meine Vermutung: Es gibt dort viele Musikliebhaber, sie wollten Bach aber nicht von Deutschen interpretiert haben. Ich habe gehört, dass dort einmal der Dirigent einer Johannes-Passion mit Eiern beworfen wurde.

Ein japanischer Künstler, der sich so zur westlichen Musik bekennt: Fühlen Sie sich wie ein Dirigent zwischen den Stühlen?

Suzuki: Nein. Es gab und gibt in Japan einen großen Enthusiasmus, was europäische Musik betrifft. Im Gegenzug sind die Interpretationen unseres Bach Collegiums in Europa inzwischen anerkannt. Was so weit geht, dass wir extra an sprachlichen Details proben, wenn wir nach Deutschland kommen.

War für Sie von Anfang an klar, dass Sie in Europa studieren?

Suzuki: Damals war das eine ganz natürliche Sache. Wenn man in Japan studierte, ging man danach nach Europa, um alles zu vervollkommnen. Jetzt ist diese Bewegung nicht mehr so stark. Überhaupt gehen junge Japaner auch außerhalb des Musikwesens nicht mehr automatisch ins Ausland. Die Arbeitssituation und der Stellenmarkt bei uns haben sich geändert.

Wie wird der biblische Hintergrund von Bach-Werken oder der des „Paulus“ in Japan verstanden? Sie sind Christ. Aber Ihre Landsleute...?

Suzuki: Es gibt einen relativ großen Publikumsteil, der sich für die religiösen Hintergründe interessiert – obwohl man aus einem anderen Glaubensbereich kommt. Das liegt an der allgemeinen Neugier auf Europa. Alle Shakespeare-Dramen werden bei uns in japanischer Übersetzung gespielt! Der weitaus überwiegende Teil des Publikum nähert sich Bach oder Mendelssohn aber über das musikalische Verständnis. Als Christ hoffe ich natürlich, dass sich eine Glaubensbotschaft überträgt. Als Dirigent bin ich aber mit einem musikalischen Verständnis mehr als zufrieden. Ich fühle mich also nicht als Missionar.

Das ist in Deutschland nicht anders: Ob im Publikum wirklich Genaues über die Bedeutung und die Hintergründe eines Choraltextes bekannt ist?

Suzuki: Aber das finde ich gar nicht schlimm! Als Interpret will ich mich nicht klüger als das Publikum darstellen. Es geht bei den religiösen Texten nicht um eine Bekehrung, sondern um ein Verständnis, das manchmal unbewusst über die Musik transportiert werden kann. Ich finde es viel wichtiger, dass man als Interpret für solche Chancen sorgt.

Harnoncourt sagte, er finde es verdächtig, dass bei uns am Karfreitag die Matthäus-Passion ausverkauft sei, aber in der Kirche leere Bänke zu sehen sind.

Suzuki: Vielleicht gibt es ja bei Ihnen ja zu viele Matthäus-Passionen. (Lacht.) Interessant ist, dass auch in Tokio die Matthäus-Passion am Karfreitag voll ist. Die Christen stellen bei uns nur ein Prozent der Bevölkerung dar. Diese Musik, diese Texte müssen die Menschen also auf besondere Weise ansprechen.

Wie groß ist eigentlich Ihre Kirchengemeinde?

Suzuki: Sie ist eine der größten Japans und hat gut 300 Mitglieder. Etwa 150 Menschen kommen sonntags zum Gottesdienst – ein sehr guter Schnitt, auch im internationalen Vergleich.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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