1. Startseite
  2. Kultur

„Kunst und Politik trennt man lieber“

Erstellt:

Von: Katja Kraft

Kommentare

null
An imaginäre Orte wollen Element of Crime ihre Hörer tragen. Wir trafen Sänger Sven Regener (2. v. li.) und Gitarrist Jakob Ilja (2. v. re.) in München; rechts Bass-Gitarrist David Young, links Schlagzeuger Richard Pappik. © Foto: Charlotte Goltermannwei

Ab jetzt ist das neue Album „Schafe, Monster und Mäuse“ von Element of Crime im Handel. Ein Treffen mit den Berlinern im Münchner Hofbräuhaus.

Donnerstagmorgen, erste Wiesn-Woche. Interview mit Element of Crime in München. Und wo wollen sich Sänger Sven Regener und Gitarrist Jakob Ilja zum Gespräch treffen? Im Hofbräuhaus. „War doch keine schlechte Idee, oder?“, sagt Regener und schaut sich amüsiert um im zur morgendlichen Stunde leeren Obergeschoss. Wer hätte es gedacht: Oktoberfest-freie Zone. Die Berliner bestellen sich eine Halbe, alkoholfrei. Im Hintergrund dudelt Blasmusik. Irgendwie eine schräge Szene. Und deshalb irgendwie wie gemacht für diese Band. Element of Crime, das sind vier Rock’n’Roller, die seit 33 Jahren das tun, was echte Rock’n’Roller tun sollten: Sie lassen den Stein rollen und schauen, wohin er sich seinen Weg bahnt.

Heute erscheint ihr neues Album. Der Titel „Schafe, Monster und Mäuse“ hält, was er an Verspieltheit verspricht. Von melancholischem Herzschmerz („Bevor ich dich traf“) über bitterböse Abrechnungen mit Mode-Erscheinungen und die Sorge, etwas zu verpassen („Nimm dir, was du willst“, „Die Party am Schlesischen Tor“) bis zu witzigen Spaßmachern wie „Ein Brot und eine Tüte“.

Eine CD voller charmanter Berlin-Bezüge

Zwölf musikalische Kurzgeschichten gespickt mit herrlichen Doppeldeutigkeiten. Diesmal hat Texter Regener viele charmante Berlin-Bezüge eingebaut. Wenn sie auch manchmal boshaft daherkommen – eine Liebeserklärung an die Stadt? Regener überlegt. „Wenn man über etwas singt, ist es das vermutlich immer irgendwie. Weil das Ding, über das man singt, dadurch einen anderen Glanz bekommt. Selbst Delmenhorst!“ Ilja nickt lachend. „Das Schöne ist, dass du eine Gegend wie den Halensee als Hörer nicht kennen musst. Trotzdem wirst du an diesen für dich imaginären Ort getragen. Wegen der Musik. Sie funktioniert auch für den, der die Worte nicht versteht. Weil der Text selber Melodie ist.“

Jedes Hineininterpretieren in ihre Kunst überlassen sie lieber anderen. Facebook, Twitter – die neuen Medien, über die der Kontakt zum Fan so leicht möglich wird, genießen sie mit Vorsicht. „Die ganze Idee der Interaktion auf dieser Ebene mit Künstlern ist eigentlich ein bisschen schief“, sagt Regener. Er freut sich, wenn sich die Fans auf ihren Profilseiten austauschen, doch einmischen will er sich nicht. „Ich sehe das wie bei der klassischen Konzertsituation: Wir spielen etwas, und das, was zurückkommt, ist etwas Abstraktes. Ein Schwall von Liebe, den man gar nicht erklären kann und der auch nicht formuliert werden muss. Nach dem Auftritt setzen wir uns ja auch nicht noch mal mit den Leuten hin und fangen an, darüber zu diskutieren. Warum sollten wir das plötzlich im Internet tun?“

Ihnen geht es um die Musik, nicht um ihre Personen. „Ich glaube, diese ganze Idee von ,Triff deinen Star‘ kann nur entzaubern“, meint Ilja. „Die Erwartungshaltung ist oft, dass der Künstler, den man verehrt, ein Gleichgesinnter ist auf allen Ebenen. Eine schöne Illusion.“

Politik und Kunst besser etwas voneinander trennen

Es sei wie mit Kunst und Politik. Woher zum Geier komme etwa die Annahme, dass Künstler die Lösung für alle Probleme dieser Welt hätten? Immer wird ihnen die Frage gestellt, ob sie mit ihrer Musik auch eine politische Botschaft senden wollten. „Ich frage ja nicht einen Markus Söder, ob das, was er tut, auch etwas Kulturelles hat!“ Kunst, so Regener, kenne keine Vernunft, keine Demokratie, sondern Extremzustände. Etwas, was es in der Politik besser nicht geben sollte. „Es ist eigentlich vernünftig, gerade zur Populismus-Vermeidung, diese beiden Dinge ein bisschen voneinander getrennt zu halten. Klar wirken sie aufeinander ein, und es ist auch falsch zu fordern, dass Kunst unpolitisch sein muss. Und klar kann ich als Künstler etwa auf Demonstrationskonzerten politisch Stellung beziehen. Doch die Kunst an sich ist dann nicht politisch.“

Genauso wie Politik nicht zum Entertainment beitragen sollte. „Das ist überhaupt ein großer Fehler, dass man von der Politik weniger Langeweile erwartet. Nein, Langeweile muss nicht schlecht sein in der Politik.“ Was also ist ihr Antrieb? „So banal das klingt – das ist, was wir können und was wir mögen. In den Achtzigern wurden wir oft gefragt: Warum macht ihr so komische Musik? Wollt ihr nicht was verdienen?“, erinnert sich der Sänger. „Ginge es nur darum, würde ich irgendwo einen Job annehmen. Es geht darum, auf eine Weise zu existieren, in der man diese Musik machen kann, ohne sich selbst zu verraten.“ Pause. Dann ein Lächeln. „Mir fällt gerade auf: Vielleicht sind wir heute auch ins Hofbräuhaus gegangen, weil unten an der Tür so ein nettes Schild hängt.“ Darauf drei Worte: „Ein musikantenfreundliches Haus.“

Element of Crime:

„Schafe, Monster
und Mäuse“
(Universal).

Auch interessant

Kommentare