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Franz Welser-Möst: „Ich habe mir immer gesagt: Es ist vollkommen egal, ob da zwei oder zweitausend Leute sitzen. Die Musik ist die gleiche. Und jeder Besucher verdient ein möglichst gutes Resultat.“

ZU GAST BEIM BR-SYMPHONIEORCHESTER

Franz Welser-Möst: „Wir sitzen auf zu hohem Ross“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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München/Salzburg - Für sein Gastspiel beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist Franz Welser-Möst mal schnell aus Salzburg herübergekommen. Bei den dortigen Festspielen probt er gerade „Elektra“ von Richard Strauss – ein monumental besetztes und daher in Corona-Zeiten völlig unübliches Werk, Premiere ist am 1. August. In vier einstündigen Konzerten steht der Chef des Cleveland Orchestra in dieser Woche am Pult im Münchner Gasteig. Auf dem Programm stehen Mozarts „Prager Symphonie“ und – mit Igor Levit als Solist – Beethovens zweites Klavierkonzert.

Was macht das mit einem Dirigenten, wenn er wie im Gasteig vor nur 100 Zuhörern auftreten darf?

Welser-Möst: Ich habe die Erfahrung ja schon mit den Wiener Philharmonikern gemacht. Ich find’s irgendwie persönlicher. Man hat das Gefühl, mit jedem Einzelnen in direktem Austausch zu stehen. Eigenartiges Gefühl. Das kannte ich noch nicht. Im Gasteig muss man sich an die großen Abstände zwischen den Musikern gewöhnen und an die veränderte Akustik. Es gibt zum Beispiel Probleme mit den Klangfarben und mit der Artikulation. Man muss einiges nachschärfen und mit mehr Energie spielen. Als Anfänger dirigiert man ja auch schlecht besuchte Konzerte. Und ich habe mir immer gesagt: Es ist vollkommen egal, ob da zwei oder zweitausend Leute sitzen. Die Musik ist die gleiche. Und jeder Besucher verdient ein möglichst gutes Resultat.

Die Beschränkung auf eine kleine Besetzung bietet die Chance, dass eine Mozart-Symphonie endlich mal Hauptwerk des Abends ist.

Welser-Möst: Wir konnten an Details viel mehr feilen. Eine intensivere Auseinandersetzung. Wir haben ja bis Corona in einer Zeit der permanenten Aufgeregtheit und der Extreme gelebt. Das betrifft auch die musikalische Interpretation. Aufmerksamkeit erregen, das ist für viele ausschlaggebend. Ob das der Kunst guttut, wage ich zu bezweifeln. Für Tiefgang braucht’s Zeit. Heute früh habe ich zum Orchester gesagt: „Wir alle sind mit der Originalklang-Bewegung groß geworden. Inzwischen habe ich das Gefühl, alles ist zur Originellklang-Bewegung geworden.

In Salzburg dirigieren Sie „Elektra“ mit über 100 Orchestermitgliedern. Wäre es nicht eine Nummer kleiner gegangen?

Welser-Möst: Wir sitzen mit ganz normalen Abständen im Graben. Mit dem Gesundheitsministerium und den Festspielen wurde eine Lösung gefunden. Wir müssen jeden Tag unsere Körpertemperatur messen und ein Tagebuch führen, wen wir alles getroffen haben. Einmal pro Woche werden wir getestet. Es sind Quarantäne-artige Umstände. Jeder Künstler ist mit Namensschild und einem roten Punkt unterwegs. Das bedeutet für jeden Nichtkünstler, er muss zwei Meter Abstand halten. Ich habe viele private Termine abgesagt. Wir alle müssen halt ein wenig mönchisch leben.

Eine Lösung also wie für den Sport: einfach genügend testen, dann funktioniert die Sache.

Welser-Möst: Natürlich! Wenn man die Wahl hat zwischen erneutem Auftreten oder noch ein Jahr zu Hause hocken, kann man doch  leicht  ein paar Auflagen erfüllen. Wir haben dem österreichischen Gesundheitsminister klar gemacht: Wenn es einen Betrieb gibt, der das Nachverfolgen von Infizierten ermöglicht, dann ist es die Kultur. Jede Karte ist personalisiert. Man muss sich ausweisen. Außerdem: Bars und Restaurants sind geöffnet. Und dort, wo alle hoffentlich den Mund halten, nämlich während kultureller Aufführungen, sollte eine vergleichbare Besucherzahl nicht möglich sein? Das ist doch nicht logisch. Alkohol und die dämliche Hintergrundmusik in Bars, während der man sich anschreien muss, bieten ein viel größeres Risikopotenzial.

Also machen Sie der Politik Vorwürfe?

Welser-Möst: Nein, zu denen gehöre ich nicht. Besserwisserei bringt gar nichts. Außerdem haben wir alle diese Situation noch nicht erlebt.

Trotzdem brauchen die politischen Entscheidungsträger einen Kreativitätsdruck aus der Kultur – weil sie zu wenig über sie Bescheid wissen.

Welser-Möst: Vollkommen richtig. Das haben ja die Salzburger Festspiele getan. Man kann nicht erwarten, dass die Politik alles weiß. Wir sollten ihr folglich zuarbeiten. Die Zeiten, als bei einem Konzert im Wiener Musikverein ein Drittel der österreichischen Bundesregierung saß, sind vorbei. Aber liegt das nicht auch an uns? Deshalb hat Daniel Froschauer, der Vorstand der Wiener Philharmoniker, mit Bundeskanzler Sebastian Kurz telefoniert, der nie ins Konzert geht. Dass ihn das nicht interessiert, ist okay. Also muss man ihm helfen.

Die Kulturszene hat demnach Fehler gemacht, weil sie in der Corona-Zeit zu wenig geliefert hat?

Welser-Möst: Eindeutig. Die Krise hat gezeigt, dass viele auf zu hohem Ross oder im Elfenbeinturm sitzen. Als ob alles gottgegeben sei. Jammern hilft nichts. Cleveland hat 385 000 Einwohner, wir erreichen pro Jahr 40 000 Schüler. Wir haben das jüngste Publikum in den USA. Vor allem damit ist man relevant. Vieles in der Kulturszene ist zum Touristenschuppen verkommen. Oder zum Event. Wir müssen uns viel mehr in die Gesellschaft hineinbewegen und unseren Teil dazu tun, dass wir nicht vergessen werden. Wir haben uns zu viel hofieren lassen. Demut ist jetzt gefragt. Das alles hat mit dem Zeitgeist zu tun. Was heute alles unter dem Begriff Kultur läuft... Wir müssen alles wieder von unten aufbauen. 80 Prozent aller Kinder in China lernen ein Instrument. Nicht nur, weil die Musik plötzlich toll finden, sondern auch aus beinharten wirtschaftlichen Interessen: weil bewiesen ist, dass diese Kinder in welchem Beruf auch immer kreativer sind.

Sind Sie faul geworden während des Lockdowns? Mancher Künstler hat die Zeit ja auch genossen.

Welser-Möst: Überhaupt nicht. Ich habe das als geschenkte Zeit empfunden. Ich hatte viel mit meinem Buch zu tun, dass im August herauskommt. Ständig hatte ich Internet-Meetings mit Cleveland. Ich habe sehr viel gelesen, was eine große Freude war. Und ich habe keine 20 Corona-Kilo zugenommen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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