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„Ich bin ein unverbesserlicher Optimist“: Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner rechnet mit Konzerten vor gut 600 Zuhörern.

ENDE DES KULTUR-LOCKDOWNS

Gasteig-Chef Max Wagner: „Wir spielen noch in dieser Saison.“

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Es wird nicht so dünn besetzt sein wie neulich bei den Berliner Philharmonikern: Gasteig-Chef Max Wagner über die Wiederaufnahme des Konzertbetriebs.

München - Eigentlich hatte die Stadtbibliothek nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht. Doch seit diesem Montag ist sie der erste „Bewohner“ des Münchner Gasteig, der wieder Besucher willkommen heißt. Geschäftsführer Max Wagner ist stolz auf die Reaktionsstärke seiner Kollegen – und optimistisch: Er glaubt, dass es noch in dieser Saison Konzerte gibt. Dafür hat sein Kulturzentrum bereits ein Konzept entwickelt.

In Nordrhein-Westfalen gibt es demnächst Konzerte. Dreht sich gerade der Wind?

Wagner: Mein Gefühl sagt, dass sich die Situation wirklich ändert – auch wenn es noch Ängste gibt, ob das Ende der Corona-Krise wirklich in Sicht ist. Es liegt eine Aufbruchsstimmung in der Luft, auch andernorts. Ich höre plötzlich von vielen Kollegen, wie an Hygienekonzepten intensiv gearbeitet wird. Wir provozieren damit eine Reaktion: Wenn wir schon nicht berücksichtigt werden, dann bringen wir uns eben ins Spiel.

Fühlten Sie sich allein gelassen?

Wagner: Ja. Vor allem zu Beginn der Pandemie, als gar keine Vorgaben vorhanden waren: Konzerte nur bis 1000 Besucher, wie es anfangs hieß – was bedeutete das eigentlich? Wir waren auf uns gestellt. Manchmal beschlich einen das Gefühl angesichts der Politiker-Äußerungen: Gibt es uns gar nicht mehr? Aber wir sind doch öffentlich gefördert – warum denkt ihr gar nicht an uns? Wenigstens mit einem kleinen Wort zwischen Fußpflegesalon und Baumarkt. Kultur hat anscheinend nicht mehr bei allen den Stellenwert wie früher. Deshalb fühle ich mich auch bestärkt, dass wir die Kulturvermittlung, die ja mein innerstes Anliegen ist, noch weiter vorantreiben.

Wie haben wir uns also ein Konzert in der Münchner Philharmonie nach Ihrem Konzept vorzustellen?

Wagner: Wir rechnen mit bis zu 30 Musikern auf der Bühne, eventuell mit mehr. Zunächst gehen wir von reinen Streicher-Besetzungen aus. Nun liegen ja seit einigen Tagen Expertisen verschiedener Forscher vor, die besagen: Bläser brauchen gar keinen so großen Abstand. In Berlin kürzlich wurde von fünf Metern Abstand ausgegangen, jetzt wird nur noch von zwei bis drei Metern gesprochen. Eine Mozart- oder Beethoven-Besetzung wäre bei uns also möglich.

Vor wie vielen Zuhörern?

Wagner: Jede zweite Reihe bleibt frei. Und zwischen jedem Zuhörer werden zwei Sitze freigelassen. Rund 80 Prozent der Besucher kommen zu zweit. Dies berücksichtigen wir durch eine spezielle Aufteilung der Blöcke: Es gibt welche mit Einzelplätzen und welche mit Zweierplätzen. Man kauft also Tickets für einen Block, aber ohne genaue Sitznummern. Die Besucher werden dann von unserem Personal platziert, die Blöcke werden dabei von vorn nach hinten aufgefüllt. Dadurch gibt es keine Staus und keine Verletzung der Abstandsregeln. Uns helfen die vielen Eingänge, sodass wir die Besucherströme gut lenken können. Alles in allem bedeutet dies, dass wir 600 bis maximal 700 Plätze verkaufen können – bei normalerweise 2400 Sitzen.

Sie haben dies mit den Münchner Philharmonikern entwickelt. Als öffentlich finanziertes Ensemble müssen diese nicht so viel erwirtschaften wie freie Veranstalter. Was sagen Letztere dazu?

Wagner: Ich habe mit ihnen bereits darüber gesprochen. Die Lösung ist: Konzerte, die man eher im Prinzregententheater veranstalten würde oder im Carl-Orff-Saal, die könnten nun in der Philharmonie stattfinden. Für diese besondere Zeit würden wir mit der Saalmiete entgegenkommen. Und vielleicht bestehen manche Musiker auch nicht auf ihre Top-Gagen. Was ich in diesen Tagen immer wieder spüre: Die Musiker wollen unbedingt wieder auf die Bühne. Insofern können alle Seiten aufeinander zugehen.

Christian Stückl beendet die Saison des Volkstheaters und möchte im August spielen. Wäre bei Ihnen Ähnliches denkbar?

Wagner: Viele unserer Veranstaltungen sind ja nicht abgesagt, sondern verschoben worden. Wir sind mit unseren Terminen jetzt schon nach vorne gerückt, in den frühen September. Was hinzukommt: Durch die Oktoberfest-Absage werden diese beiden Wochen, die für Veranstalter immer Saure-Gurken-Zeit waren, auf einmal attraktiv. Ich sehe es aber nicht, dass uns die Menschen schon im August die Türen einrennen. Außerdem gibt es einige kleine Wartungsarbeiten im Gasteig, die längst eingetaktet waren.

Trotzdem will nun jeder wissen: Werden wir auch in der laufenden Saison noch Konzerte erleben?

Wagner: Ja. Auch als Signal wäre das gut. Es hängt natürlich viel ab vom Freistaat. Das Veranstaltungsverbot gilt vorerst bis 17. Mai. Aber ich denke: Allein dadurch, dass wir jetzt unser Hygienekonzept erstellt haben, bei den Behörden einreichen und auch Musiker Druck machen, wird sich etwas Positives ergeben. Die Frage bleibt natürlich: Will man als Konzertgänger solche Aufführungen erleben? Andererseits ist man als Musikfreund doch neugierig. Man will wissen, ob und wie so etwas funktioniert. Wie hört sich das an? Wie kommunizieren die Musiker auf der Bühne? Und wie ist es, wenn nicht direkt nebenan jemand sein Bonbon auspackt? Von vornherein auf Dingen zu bestehen, die immer so waren, bringt uns doch in der Situation nicht weiter.

Wurden Sie durch die Krise zurückgeworfen, was die Gasteig-Sanierung und das Sendlinger Interimsquartier betrifft?

Wagner: Nein, wir liegen im Zeit- und Kostenplan. Ich habe täglich damit gerechnet, dass in Sendling die Baustelle geschlossen wird. Aber es ging immer weiter. Ende Juni stellen wir dann unserem Aufsichtsrat die Vorplanung für den Gasteig-Umbau vor – von der ich begeistert bin.

Vom BR-Symphonieorchester gab es Kritik, dass noch immer keine hundertprozentige Zusicherung gegeben werden kann, ob tatsächlich im Herbst 2021 ins Interimsquartier übergesiedelt wird. Davon hänge viel in der Konzertprogrammierung ab.

Wagner: Jetzt gerade sieht es wirklich so aus, dass wir den Umzug hinkriegen. Aber diese Zeit gerade hat uns doch viel Flexibilität gelehrt. Hundertprozentiges kann man nie zusagen. Jeder kennt Großbaustellen. Ich habe Nikolaus Pont, dem Manager des Orchesters, gesagt: Du hast entweder in Haidhausen die Philharmonie oder in Sendling einen Saal mit Toyota-Akustik. Ist doch wunderbar! Ich weiß, ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Aber besonders in der Gasteig-Angelegenheit darf ich das auch sein.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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