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„So möchte ich mich auch mal aufführen“: Günther Groissböck als Kezal in David Böschs Inszenierung der „Verkauften Braut“.

INTERVIEW ZUR OPERNPREMIERE

Günther Groissböck über „Die verkaufte Braut“: Einfach die Sau rauslassen

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Als „Baron Ochs hoch zwei“ sieht Günther Groissböck den Kezal in Smetanas „Verkaufter Braut“. In München wird er ihn mutmaßlich auch so spielen. Ein Interview.

München - Sehr lang ist es her, dass „Die verkaufte Braut“ von Bedřich Smetana an der Bayerischen Staatsoper zu sehen war – obwohl sie zu den besten Spielopern überhaupt zählt. Am 22. Dezember hat die Inszenierung von David Bösch Premiere. Es dirigiert Tomáš Hanus. Als zwielichtiger Heiratsvermittler Kezal ist Günther Groissböck (42) zu erleben, der damit eine Auszeit von seinem Wagner-Marathon nimmt.

Seinen Wagner-Marathon unterbricht Günther Groissböck in München mit einer Spieloper.

Wie und wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Groissböck: In der Direktion der Oper Zürich. Sie war damals Assistentin des Intendanten Alexander Pereira. Normalerweise wurden die Urlaubsscheine für auswärtiges Gastieren vom stellvertretenden Betriebsdirektor abgezeichnet. Ich wurde als Ensemblemitglied aufgrund der vielen Anfragen, was eigentlich schmeichelhaft ist, schnell zum Problemfall. Der Direktor schickte mich daher ständig zum Intendanten, und da saß die schöne Isabella. Ich war sehr verzaubert von ihr. Sie hat sich in beruflicher Hinsicht meiner erbarmt. Aufgrund der Häufigkeit der Besuche ist aus dem Erbarmen eben mehr geworden. Zwischenzeitlich hatte ich sogar überlegt, ob ich Urlaubsscheine fingieren sollte.

Heiratsvermittler existieren bei uns nicht mehr. Aber es gibt doch manchmal im Freundeskreis den Fall, dass zwei Singles eingeladen werden mit dem Ziel, diese zu verkuppeln. Haben Sie so etwas erlebt? 

Groissböck: Nein. Aus dem Dunstkreis meiner größeren Schwester kenne ich aber Ähnliches – Überlegungen wie: „Die passen so gut zusammen, wir sollten mal was organisieren.“

Ist Ihnen Kezal eigentlich sympathisch?

Groissböck: In unserer Produktion ist er so schräg, so durchtrieben und schleimig, ein solcher Macho, das macht schon Spaß. Wenn ich zum Vergleich an den „Rosenkavalier“ denke, ist unser Kezal ein Baron Ochs im Quadrat. Er bietet einen gewissen Identifikationsfaktor, wenn man sich als Mann denkt: So möchte ich mich auch mal aufführen.

Ist eine solche Geschichte heute denkbar, in irgendeinem Dorf vielleicht?

Groissböck: Genauso nicht. Aber wenn man mal schaut, wie Frauen von Kezal angepriesen werden, weil sie so viel mitbringen in die Ehe: Derart materielle Gedanken schwingen doch auch heutzutage mit, ob man sich’s eingesteht oder nicht. Es geht ja auf dem Land unter anderem auch ums Übertragen von Eigentum, um den Hof zum Beispiel.

In Ihrem Terminkalender, hier Gurnemanz, dort König Heinrich, viel Gewagnere also, da ist der
Kezal ein Sonderfall. Sind das jetzt die Wochen, in denen man als seriöser Bass die Sau rauslassen kann?

Groissböck: Ja! Seit Beginn des Jahres bin ich auf Wagner-Kost. Die schmeckt mir schon sehr. Aber die „Verkaufte Braut“ bietet eine wohltuende Abwechslung. Bei Wagner ist die Verbindung von Text und Musik allein schon ein Kunstwerk an sich mit einer bestimmten Wirkung. Da kann man auf die Kraft des Wortes vertrauen. Bei der „Verkauften Braut“ muss man den Text anders, aktiver gestalten.

Ist man also als deutschsprachiger Bassist in der Schublade mit der Aufschrift „seriös“ gefangen?

Groissböck: Kezal und Baron Ochs sind sicher Ausreißer für uns – auch weil das Spielopern-Repertoire etwas weggebrochen ist an den Häusern.

An wem liegt das? An Sängern, die solche Rollen nicht anbieten? Oder an den Intendanten?

Groissböck: Oft sind Spielpläne einfallslos und bieten die immer gleiche Schlagerkost. Manchmal werden sogar dieselben Besetzungen in die nächste Produktion an einem anderen Haus verschoben. Und manche Intendanten finden außerdem, dass sie mit Spielopern keine politischen Botschaften transportieren können. Oder dass sie für ihre Star-Sopranistin zu wenig Futter und Glamour bieten.

Im Internet haben Sie Videos gepostet aus den Proben zur „Verkauften Braut“. Da scheint eine Rasselbande unterwegs, die vom Regisseur kanalisiert werden muss.

Groissböck: Genau. So ist es übrigens auch in den aktuellen Bayreuther „Meistersingern“. Da kommt eine Gruppe Ritalin-verdächtiger, ideensprudelnder Sänger zusammen, lauter große Kinder, aus deren Verhalten man etwas bastelt, das im Idealfall mit einer gewissen Stringenz aufgehen sollte. Ich hoffe, dass es bei der „Verkauften Braut“ fürs Publikum ebenso lustig ist wie für uns.

2020 steht in Bayreuth mit dem Wotan ein großes Debüt an. Was treibt die Bässe eigentlich nach oben, in die Bariton-Regionen und zu diesen Rollen?

Groissböck: Es geht für mich auch darum, wie man einen guten Wotan definiert. Zeichnet ihn eine breite, satte Mittellage aus, von der aus man in die Extreme operiert? Oder deklamiert man in der unteren Lage eher, weil man eine strahlende Höhe hat? Der Wotan ist wie der Sachs eine Zwitterpartie und liegt zwischen den Fächern. Er bietet, gerade das macht es spannend, ein anderes seelisches Spektrum als viele Bass-Rollen. Natürlich gibt es auch ein sportliches Motiv: Schaff’ ich den Marathon? Alles ist also eine Kombination aus Lust und der Frage, ob man der Partie etwas Neues hinzufügen kann. Ich stelle mir bei einer Rolle immer die Frage, und das hat nichts mit einem übergroßen Ego zu tun: Würde ich in die Oper gehen, wenn der- oder diejenige diese Partie singt?

Und haben Sie den Marathon schon mal am Stück durchgesungen?

Groissböck: Ich habe trainiert. Mit einem Korrepetitor. Oder auf der Autobahn. Oft unter schlechtesten Bedingungen also, das stählt.

Man könnte Sie demnach auf der A 8 hören?

Groissböck: Schlechtes Beispiel. In der Rosenheimer Ecke muss man zu viel lenken. Zwischen Leipzig und Berlin geht es dagegen wunderbar gerade dahin, da funktioniert’s.

Sie haben einmal gemeint, man müsse einem Wotan-Sänger die Mühe anhören. Das gehöre zu seinem dramatischen Charakter.

Groissböck: Es gibt Stellen, die müssen ins Mark gehen. Zum Beispiel in der totalen Verzweiflung des zweiten „Walküre“-Akts: „Fahre denn hin, herrische Pracht...“ Das ist so nihilistisch, so weltzerstörend, das kann man nicht singen wie das „Heidenröslein“. Das darf scho bissl wehtun – also dem Zuhörer. 

Haben Sie nicht Angst, dass es Ihnen schmerzt?

Groissböck: Es ist ein Sprung in eine neue Welt, in der man überleben muss. Voraussetzung jeder sängerischen Weiterentwicklung ist aber eine gewisse Portion Ungewissheit. Nur Ausruhen geht nicht. Sonst wächst man nicht innerlich daran.

Bei Ihnen hat das doch sicher auch eine sportliche Komponente. Wer mal schnell den Großglockner hinaufradelt...

Groissböck: Hm. Ein solches Debüt hat, falls es einigermaßen klappt, doch in erster Linie eine künstlerische Bedeutung. Das andere ist ein Hobby, das für die Welt in etwa so relevant ist wie der berühmte Sack Reis in China. Ob ich also eine Stunde brauche oder eineinhalb...

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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