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Igor Levit: Wir spielen nur Musik weißer toter Männer

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Von: Markus Thiel

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Jenseits von Schwarz und Weiß: Igor Levit hat mit dem Album „Life“ eine sehr persönliche Lebensbilanz vorgelegt. © Foto: Peter Meisel

„Life“ heißt seine aktuelle CD, die sehr tief blicken lässt. Ein Gespräch mit Igor Levit über Krisen, Konzertstrukturen und gesellschaftliches Engagement.

München - Mittlerweile ist er ein Gesamtkunstwerk. Als einer der wichtigsten Pianisten unserer Zeit. Und als aktiver Bürger, der sich - gern über Twitter - in den gesellschaftlichen Diskurs einmischt. In dieser Woche ist Igor Levit zu Gast beim BR-Symphonieorchester, der 31-Jährige spielt Beethovens fünftes Klavierkonzert. Zugleich ist bei Sony seine CD „Life“ erschienen.

Der Titel Ihrer CD ist „Life“, darauf sind Stücke, die nicht gerade von der Sonne beschienen sind: Das wirkt schon jetzt wie eine Lebensbilanz, die recht zwiespältig bis dunkel ausfällt.

Levit:

Das ist tatsächlich so. Da ist etwas zu Ende gegangen für mich, hinter mir liegen teilweise sehr bescheidene Jahre. Freunde sind für immer gegangen, es tauchten Ängste auf, es gab Schlafverlust und Schlimmeres, ohne das jetzt zu vertiefen. All das war verbunden mit einer inneren Abhärtung. Und immer, wenn's gut zu werden schien, kam etwas anderes. Ich bin jetzt nicht gebrochen, ganz im Gegenteil. Aber ich habe mit dem Igor Levit vor 2014 herzlich wenig zu tun.

Daraus folgt die klassische küchenpsychologische Frage: Hilft die Musik in solchen Phasen?

Levit: Nein. Ich kann ja nicht mit ihr reden, mich mit ihr austauschen. Ich kann mit Musik etwas ausdrücken, das war's aber auch. Das Einzige, das hilft, sind andere Menschen, ist die echte Kommunikation. Ich hänge auch kein Foto von Beethoven an die Wand und sage: „Er ist mein Lehrer.“ Ich kann ja nicht mit ihm diskutieren. Ein Konzert spielen, dann in die Garderobe, umziehen, ins Hotel oder nach Hause – so war ich ohnehin nie. Ich brauche andere Menschen. Ich bin einfach ein Kind meiner Zeit. Und diese Zeit sauge ich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf. Solche Künstler gibt es mehr, als man denkt. Sie stehen vielleicht nicht im Rampenlicht eines kommerziellen Klassikpodiums. Apropos: Wann wird noch mal der neue Münchner Konzertsaal eröffnet?

Vielleicht 2025, 2026...

Levit:

Okay. Mir kann doch keiner erzählen, dass man sich gerade ernsthaft über 2025 Gedanken macht und darüber, was dann gesellschaftspolitisch passiert sein wird. Ich sage immer: „Macht euch eure Jetztzeit zu eigen und zieht daraus die Konsequenzen, sonst werdet ihr überrannt.“ Es hat keinen Sinn, wenn ich im Falle dieses Saales alles wie gehabt fortsetze und dies nur unter besseren akustischen Bedingungen. Was ist mit dem Inhalt?

Aber das alte System, die alten Strukturen bedienen doch auch die Künstler. Sie selbst spielen gerade in München – wieder einmal – Beethovens fünftes Klavierkonzert.

Levit: So ist es. Punkt geschenkt. Aber ich kann mich bemühen, meine Bekanntheit dafür einzusetzen, um auf Gesellschaftspolitisches hinzuweisen. Oder auf Werke abseits des Kanons, den wir Europazentrierten für den einzig wahren halten. Das ist im Übrigen eine lächerliche Sache – wir halten uns für international und führen nur Musik weißer toter Männer auf. Und noch etwas: Ich kann mich für exzellente Künstler einsetzen, die noch keiner kennt, und damit Veranstalter und Agenten nerven. Ich kann versuchen, etwas anzustoßen. Das heißt aber nicht, dass ich aufhören muss, Beethoven zu spielen. Das ist genau dasselbe, wenn man sagt: „Du kannst dich nicht für Arme einsetzen, weil du eine Rolex trägst.“ Natürlich geht das!

Interessant ist doch, dass – so melden jedenfalls Konzert- und Opernhäuser – diese Musik weißer toter Männer gerade immer mehr Zulauf erhält.

Levit: Fantastisch. Super. Ich stelle diese Strukturen mit ihrer Programmatik gar nicht infrage. Ich würde niemals fordern: „Keinen ,Don Giovanni' mehr!“ Alle müssen sich aber darauf einstellen, dass neue Menschen mit neuen Geschichten kommen, und auch die wollen sich in der Kulturszene wiedererkennen. Ein Konzertsaal mit Toyota-Akustik ist für bestimmte Zwecke gebaut worden. Aber wirklich für alle künftigen? Wir müssen aufhören, auf Zukunftsfragen Antworten aus früheren Jahrhunderten zu finden. Ich würde mir da ein bisschen mehr Demut wünschen, ein bisschen mehr Offenheit. Und abwarten: Ich werde noch vieles spielen, das nicht von Beethoven ist.

Weil Sie als Künstler eine Bekanntheitsschwelle überschritten haben, die Carte blanche erlaubt?

Levit: Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich mit Karriere verbinde: dass ich mit Partnern beschenkt bin, die mir vertrauen. Wenn ich davon schwärme, dass ich ein tolles, total unbekanntes zweieinhalbstündiges Stück entdeckt habe, geht nicht gleich die Tür zu.

Und man muss keine Angst davor haben, dass eigene Beiträge in den Sozialen Netzwerken karriereschädigend sein könnten.

Levit: So denke ich nie. Wenn es da irgendeinen Solisten gibt, egal in welchem Genre, der vielversprechend bis herausragend ist, wird sich kein Veranstalter aufgrund von Facebook- oder Twitter-Einträgen vom Engagement abhalten lassen. Falls so etwas passiert, dann in verschwindend geringem Maße. Wenn ich mit den Verantwortlichen meiner Plattenfirma oder mit Veranstaltern rede, sind die ja auch nicht froh über das, was gerade in der Welt passiert.

Haben also gerade Künstler eine besondere Verantwortung für Außermusikalisches, Gesellschaftspolitisches, weil sie als hehrer, unbefleckter im Vergleich zu Politikern begriffen werden?

Levit: Nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Bürger auch.

Wo liegen die Grenzen? Bei der aktiven Teilhabe an Parteien?

Levit: Was für mich nicht ginge: dass eine Partei mich vereinnahmt. Wenn also jemand sagt: Das ist der Partei-X-Pianist. Aber als Künstler zu meinen, man stehe über allen gesellschaftlichen Dingen, ist ein Luxus, den wir uns in der jetzigen Situation nicht mehr leisten können. Es geht um aktives Engagement. Ich saß neulich in einer Gruppe von, sagen wir: auf der richtigen Seite stehenden Menschen. Bekannte Kulturschaffende im weitesten Sinne. Netter Abend an einem schönen Ort. Dann die Frage: „Was können wir jetzt tun?“ Und die Antworten: „Rechts ist doof, Europa ist toll, Gemeinschaft ist super, man muss was unternehmen.“ Aber das ist mir zu wenig, das ist keine Politik. Diese Haltung gab es schon vor zwanzig Jahren. „Alle Menschen werden Brüder“ ist keine Antwort. Liberalität vorleben in jeder Situation, das könnte eine sein. Gerade dabei helfen mir die Sozialen Netzwerke, weil ich die Welt und was in ihr passiert, auch die vielen fremden, genauso wichtigen Dinge abseits meiner Lebenswirklichkeit, in Echtzeit mitgeteilt bekomme. Und dann gehe ich raus, reiße meinen Mund auf und rede darüber.

Und wenn dann alle Welt von Igor Levit denkt: Na, was sagt er heute wieder? Es soll mittlerweile ein Buch mit den besten Trump-Tweets geben.

Levit: Das war ein Foul, das ich verzeihe. Meine Äußerungen auf Twitter oder, ganz selten, im Konzert sind nie taktischer Natur. Ich bilde mir schon ein, dass ich da sehr glaubwürdig bin.

Gibt es auch eine Igor-Levit-Fastenzeit? 40 Tage ohne Soziale Netzwerke?

Levit: Es gab mal 14 Tage ohne iPhone vor ein paar Wochen. Außerdem (fischt ein altes Nokia-Handy aus seiner Jacke) habe ich auch das! Ein Telefon mit Telefonnummer, mit dem man telefonieren kann. Wahnsinn.

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