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„Wir nehmen das Stück relativ wörtlich“: Szene aus dem „Rheingold“.

INTERVIEW ZUR PREMIERE

Wagners „Ring“ in Niederbayern: „Wir können größer denken“

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Mit der Premiere von Wagners „Rheingold“ in Landshut startet das Landestheater Niederbayern ein so ehrgeiziges wie monumentales Projekt: einen eigenen „Ring des Nibelungen“. Ein Gespräch mit Intendant Stefan Tilch.

Landshut - Mit Opern-Schwerstgewichten hat das Landestheater Niederbayern gute Erfahrungen gemacht. Verdis „Aida“, Wagners „Tristan und Isolde“ oder Strauss’ „Rosenkavalier“ wurden an den Spielstätten Landshut, Passau und Straubing schon gestemmt. Doch jetzt kommt’s zum Äußersten: Intendant Stefan Tilch zeigt und inszeniert selbst Wagners „Ring des Nibelungen“. Pro Saison kommt eines der vier Stücke heraus, gestartet wird am kommenden Samstag in Landshut mit der „Rheingold“-Premiere.

Stefan Tilch, Intendant des Landestheaters Niederbayern, inszeniert selbst.

Muss sich eigentlich jeder Intendant den „Ring“ ans Revers heften?

Tilch: Wir bringen ihn jetzt heraus, weil es die räumlichen Voraussetzungen dafür gibt. Das Landshuter Theaterzelt als Ausweichspielstätte ist groß genug, in Passau spielen wir in der Dreiländerhalle. Wir können also größer denken. Es geht bei alledem auch nicht ums Schmücken oder um eine Art Trophäe, sondern einfach um ein herausragendes Stück Musiktheater. Und wenn man den „Ring“ ansetzt, wäre ein regieführender Intendant etwas verrückt, wenn er das Kollegen machen ließe. Wie oft bekommt man schon diese Chance? Außerdem: Wenn ich einen Gastregisseur verpflichte, und mit dem kommt am Haus keiner klar, kann ich ihn ja nach dem zweiten Teil nicht einfach verabschieden.

2015 brachten Sie „Tristan und Isolde“ heraus, 2018 den „Fliegenden Holländer“ – eine Art Wagner-Steigerung. Wann kam Ihnen die „Ring“-Idee?

Tilch: Schon vor über zehn Jahren haben wir damit innerlich experimentiert, ob dieses Projekt darstellbar ist – rein vom geforderten Personal her. Es wurde letztlich nie realisiert wegen der notwendigen Orchestergröße. Interessanterweise ist das anders bei Korngolds „Toter Stadt“ oder beim „Rosenkavalier“ von Strauss. Hier tut die verschmälerte Besetzung der Wirkung keinen großen Abbruch, eine klangfarbliche Vielfalt ist möglich. Nur zwei Kontrabässe bei Verdis „Don Carlos“ sind dagegen nicht machbar. Das wirkt dann wie das Zitat eines Stücks. Nach dem Erfolg des „Tristan“ haben wir Wagner sehr aktiv als Thema verfolgt.

Auf Ihrer Webseite sind beim „Rheingold“ Sponsoren aufgeführt. Funktioniert das niederbayerische „Ring“-Projekt demnach nur mit Extra-Hilfe?

Tilch: Im Vergleich zu anderen Häusern haben wir ein viel flexibleres System. Unsere Gelder sind nicht so starr gebunden, ich kann also leichter innerhalb des Etats umschichten und mich auf bestimmte Produktionen fokussieren, um an anderer Stelle zu sparen. Natürlich hilft der Sponsor. Aber wir haben von Anfang an gesehen, dass wir nicht in Teufels Küche kommen, wenn wir keine zusätzlichen Finanziers finden. Klar ist aber: Je mehr, desto schöner. Dieses Thema wird vor allem aktuell, wenn es einmal um eine zyklische Aufführung geht.

Intendant Klaus Zehelein forderte seinerzeit, man müsse den Theatern zehn Jahre „Ring“-Pause verordnen, weil fast alle Regie-Varianten durch seien und man sich nur noch verkrampfe.

Tilch: Letztlich erklärt der „Ring“ alles, was wir heute in der Welt vorfinden. Auf keinen Fall etwas zeigen, was es andernorts gab – von diesem Gedanken muss man sich freimachen. Das wäre für uns die falsche Aufgabenstellung. Wir in Niederbayern hatten ja nicht zehn Jahre „Ring“-Abstinenz, sondern 150. Dies ist auch Wagner für Erstseher. Das Problem beim „Ring“: Wenn ich mit Walhalla an der Wallstreet eine bestimmte Schublade öffne, verkleinere ich auch und verbaue mir andere Interpretationsmöglichkeiten. Wir nehmen das Stück also relativ wörtlich und versuchen, einen überzeitlichen Sagen-Charakter zu erhalten – um in einzelnen Situationen trotzdem von heutigen Konflikten zu erzählen. Ich kenne außerdem kein Werk, das mit seiner mythologischen Motivik in unserer Pop-Kultur so aktuell ist. Nehmen Sie „Game of Thrones“ oder die Marvel-Filme. Es scheint ein Bedürfnis nach diesen Sagenkreisen zu geben.

Kommen nur Erstseher? Sobald irgendwo Wagner gezeigt wird, machen sich dessen Anhänger doch sofort auf Reisen.

Tilch: Das stimmt. Es kommen bei Wagner die lokalen Abo-Besitzer – sofern sie von den viereinhalb Stunden nicht verschreckt werden – und Delegationen der Wagner-Verbände. Es ist wie bei FC-Bayern-Fans, denen sind im Zweifelsfalle die Kilometer egal.

Ihr „Ring“ ist auf vier Spielzeiten gestreckt. Wissen Sie als Regisseur jetzt schon, wie das Schlussbild der „Götterdämmerung“ aussieht? Oder lassen Sie sich noch ein bisschen durchs Werk treiben?

Tilch: Ich weiß, wo es hingeht, bin mir aber bei Details noch nicht sicher, da lasse ich mir tatsächlich noch Zeit. Das erste Bild im „Rheingold“ ist eine Bibliothek. Da liegt der Gedanke schon nahe, dass sie am Ende der „Götterdämmerung“ in Flammen aufgeht und damit alles dem „Namen der Rose“ nicht unähnlich sein wird.

Wie steht es um die Personalkonstanz? Sind bei Ihnen über die Spielzeiten gestreckt dieselben Siegfried-, Brünnhilden- und Wotan-Solisten aktiv?

Tilch: Wir versuchen es. Als kleinstes Haus der Welt sind wir von der Toleranz der Partnertheater abhängig. Unser Wotan zum Beispiel ist in Mainz engagiert, für die kommende Spielzeit schaut’s gut aus. Für danach hoffen wir. Unsere Brünnhilde-, Siegfried- und Wotan-Solisten sind Rollendebütanten, das finde ich sehr wichtig – auch für meine eigene Unbefangenheit. Ich kenne die Wagner-Welt gut aus meiner Zeit als Spielleiter an der Bayerischen Staatsoper. Wenn die Wagner-Profis sich trafen, schien es oft, dass es ihnen egal war, ob sie sich in München, New York oder Wien befinden. Die wollten sich immer szenisch rasch verabreden, um dann ihr Ding durchzuziehen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.


Informationen
zu den Aufführungsorten und zum Vorverkauf unter www.landestheater-niederbayern.de.

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