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Dirigentin mit Riesenprognose: Seit diesem Herbst ist Joana Mallwitz (32) Generalmusikdirektorin in Nürnberg.

INTERVIEW MIT NÜRNBERGS GENERALMUSIKDIREKTORIN

Joana Mallwitz: „Geh’ raus und schmeiß’ dich rein“

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Nürnberg klingt anders - und dafür ist Joana Mallwitz, die neue Generalmusikdirektorin, verantwortlich. Ein Gespräch über Dirigententypen und die schlimmen Stunden vor der Aufführung.

Nürnberg - Es gibt Menschen, die Wetten abschließen: Wie lange wohl Joana Mallwitz Nürnberg erhalten bleibt? Wann wechselt sie auf einen der absoluten Spitzenposten der Klassikszene? Durch ihren Amtsantritt wurde das Staatstheater in diesem Herbst auf eine neue musikalische Stufe gehoben. Die Generalmusikdirektorin, 32 Jahre jung, Dirigentin mit Riesenprognose und verheiratet mit dem Tenor Simon Bode, war zuvor in gleicher Position in Erfurt. Am 4. November debütiert sie an der Bayerischen Staatsoper mit Tschaikowskys „Eugen Onegin“.

War für Sie die Premiere von Prokofjews „Krieg und Frieden“ das entscheidende Ereignis, nachdem Sie sich sagten: Jetzt bin ich angekommen? 

Mallwitz: Damit habe ich sicher eine Schwelle genommen. Ein toller Abend. Trotzdem waren die vergangenen Monate für alle Beteiligten als Prozess insgesamt sehr wichtig. Der Beginn unserer Zusammenarbeit war wahnsinnig intensiv. Ich habe seit Anfang September täglich dirigiert. Man konnte gar nicht innehalten, Luft holen und darüber nachdenken, sondern hat sich sofort in der Arbeit sehr gut kennengelernt. 

Ist Ihnen Nürnberg also quasi passiert?

Mallwitz: Intendant Jens-Daniel Herzog hat mich, nachdem er mich in Frankfurt mit einem "Pelleas" erlebt hat, gefragt, ob ich mich hier vorstellen möchte. Für mich war bereits länger klar, dass ich Erfurt nach vier Jahren verlassen würde. Ich dachte zunächst daran, als freie Dirigentin weiterzumachen. Als nach einem erfolgreichen Vordirigat einige Monate später dann das Nürnberger Angebot kam, war meine Saison 2018/19 eigentlich schon mit Gastengagements durchgeplant. Deshalb dirigiere ich in dieser Nürnberger Spielzeit auch nur zwei Neuproduktionen, das wird sich künftig ändern.

Das bedeutet: Chefin müssen Sie nicht unbedingt sein?

Mallwitz: Für mich geht es durchaus ohne einen solchen Posten. Die beiden ausschlaggebenden Gründe sind für mich: Es muss mit dem Orchester und die Chemie innerhalb der Leitung des Hauses stimmen.

Bekannt wurden Sie vor einigen Jahren als jüngste Generalmusikdirektorin Deutschlands. Ging es Ihnen manchmal zu flott?

Mallwitz: Zumindest auf dem Papier lief alles wahnsinnig schnell. Ich bin eher der Typ, der erst einmal zu viel als zu wenig Ehrfurcht vor einer Aufgabe hat. Wenn man bedenkt, dass ich mit 19 meine erste feste Stelle als Korrepetitorin am Theater hatte, relativiert sich das Ganze etwas. Für meine Persönlichkeit war es gut, dass sich alles so abgespielt hat, später wäre ich womöglich noch zurückgezuckt.

War Ihre Jugend jemals ein Problem?

Mallwitz: Nein, obwohl das anfangs keine einfache Zeit war. Man hat kaum Repertoire, arbeitet die Nächte durch, um Partituren zu futtern, muss den Theaterbetrieb kennenlernen und so weiter. Ich dachte mir damals: Okay, so etwas macht ein Dirigent halt durch. Erst im Nachhinein sage ich mir: Wahnsinn, was du dir aufgeladen hast.

Die permanente Überforderung als Hilfe?

Mallwitz: Wahrscheinlich schon. Ich habe mich immer gefragt: Mit welchem Recht stehst du da vorn und darfst den Musikern etwas sagen? Es geht nur, wenn man perfekt vorbereitet ist. Aus all diesen Gründen bin ich auch eine Verfechterin der klassischen deutschen Kapellmeister-Laufbahn. Jedem Sänger würde ich raten: Lass‘ dir Zeit. Jedem Dirigenten rate ich dagegen: Geh’ raus und schmeiß’ dich rein. Man kann sich als Dirigent ja relativ wenig kaputtmachen. Schlagtechnik kann man sich nur durch ständige Praxis aufbauen, Stimmbänder sind gefährdeter.

Sind Sie also ein pragmatischer Typ, der sich sagt: Ich springe ins Wasser und schaue dann, wie ich mich freischwimme?

Mallwitz: Gar nicht! Eher ein panischer Typ. (Lacht.) Ich konnte zum Beispiel mein erstes Engagement in Heidelberg gar nicht richtig einschätzen. Ich komme aus keiner Musikerfamilie, da hörte ich also Reaktionen wie: „Oh Gott, muss das sein? Ist das nicht zu stressig?“ Hätte mir jemand vorher gesagt, dass ich in meinem dritten Heidelberger Monat bei der Premiere von „Madame Butterfly“ einspringen soll, hätte ich wahrscheinlich eine Riesenangst gekriegt. Im entscheidenden Moment zählt aber nur ein Ja oder Nein. Und dann gibt es nur noch einen Plan A. Dadurch bekommt man Energie.

War es für Sie einfacher, weil sich das Selbstverständnis des Dirigentenberufs geändert hat?

Mallwitz: Genau. Es gibt eine größere Vielfalt von Dirigententypen, die nun akzeptiert sind. Was sich nicht geändert hat, ist die Situation, wenn man erstmals vor ein Orchester mit hochprofessionellen Individuen tritt. Grundsätzlich hilft nur Eines: authentisch sein. Etwas vorspielen, etwas sein wollen, was man nicht ist, das bringt nichts. Das hat auch nichts mit männlich oder weiblich zu tun. Was sich allerdings geändert hat, sind die Moden. Zum Beispiel dass heute gern ein junger Superstar aufgebaut wird, der durch alle großen Orchester gehetzt wird. Dem Reifungsprozess ist das nicht unbedingt zuträglich.

Auch wenn das jetzt zu negativ klingt: Ist die junge, aufstrebende Dirigentin auch gerade in Mode?

Mallwitz: Ich würde die Tatsache, dass es ab dem nächsten Jahr fünf Frauen gibt, die einen der über hundert deutschen Klangkörper leiten, nicht unbedingt als Mode bezeichnen. Es ist aber doch, ohne meinerseits zu negativ zu klingen, bezeichnend, dass dieser minimale Prozentsatz schon als solcher wahrgenommen wird. Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, hieße das ja auch, dass unqualifizierte Frauen an die entscheidenden Stellen kommen, nur weil die Entscheidungsträger eben einer „Mode“ folgen. Das nun kann ich gerade mit Blick auf meine Kolleginnen wirklich nicht beobachten.

Gab's irgendeinen Punkt, ob in der Ausbildung oder später, an dem man Ihnen gesagt hat: Warum willst du dir das als Frau antun? 

Mallwitz: Ja. Bei mir war das, bevor ich tatsächlich im Beruf stand. Ich wollte schon Dirigentin werden, als ich zwölf war. Es gab in Hannover das IFF Institut zur Förderung musikalisch Hochbegabter, da haben wir mit 14 Jahren Partituren analysiert. Für mich war das eine neue, fantastische Welt. Und mir war klar: Wenn ich Schuberts „Unvollendete“ realisieren will, muss ich sie eben dirigieren können. Mir ging es da gar nicht um eine Führungsposition, sondern ums Musikmachen. Gerade von den Menschen, denen ich wichtig war, kamen dann Einwände: „Haifischbecken, Höhle des Löwen – tu' dir das nicht an, du bist doch so sensibel und feinfühlig...“

...also die typischen Klischees.

Mallwitz: Aber es ist ja auch was dran. Ich weiß gar nicht, ob die Einwände kamen, weil ich eine junge Frau war. Diese Ratgeber dachten eben, in diesem Beruf müsse man ein härterer, unbeschwerterer Charakter sein – was ich nicht unbedingt war. 

Und hatten die Unkenrufer Recht? 

Mallwitz: Sich als junger Dirigent freizukämpfen und bei jedem Schritt beobachtet zu werden, ob von Musikern oder dem Publikum, das ist für jeden Charakter hart. Alle meine ersten Opern habe ich ohne Probe dirigiert, einfach ab in den Graben für die Vorstellung. Da gab es kein Entweder-Oder. Diese Zeit hat mich in jedem Falle ziemlich abgehärtet.

Kommt irgendwann der Punkt, an dem das Dirigieren selbstverständlich wird wie Autofahren?

Mallwitz: Nein. Da müssen Sie mich nur vor Vorstellungen erleben. Andauernd denke ich: Das kannst du nicht dirigieren, du weißt gar nichts über das Werk. Auch wenn ich inzwischen eine sehr genaue Arbeitsstruktur habe, wie ich eine neue Partitur angehe: Jede neue Oper bleibt eine neue Welt, deren Gesetze man begreifen muss. Ich weiß, dass ich dafür viel Zeit brauche. Das sind unzählige Analysedurchgänge, ein ständiges Befragen der Noten, viele Stunden Einsamkeit über der Partitur.

Hilft es, wenn man mit einem Künstler verheiratet ist?

Mallwitz: Ja, wobei wir häufig unabhängig voneinander und in verschiedenen Städten zu tun haben. Es gibt Zeiten, in denen ich sage: „Du, die nächsten beiden Nächte muss ich durchlernen, bleib' mal lieber in Hannover.“ Was bedeutet, dass es keinerlei normalen Lebensrhythmus gibt. 

Wünschen Sie sich den? 

Mallwitz: Generell: nein. Aber wenn Sie mich zwei Stunden vor einer Vorstellung fragen: ja. In manchen Momenten gibt es keine größere Sehnsucht, als frei zu haben und im Wald spazieren zu gehen. 

Wobei es doch Voraussetzung ist für eine künstlerische Tätigkeit, dass man gerade nicht zu balanciert ist. Ist man zu normal, wird auch die Kunst langweilig. 

Mallwitz: Zumindest für mich stimmt das. Es gibt andere Kollegen, die ökonomischer, lockerer mit der Arbeit umgehen, und trotzdem funktioniert es. Entscheidend ist das ständige Reflektieren, eventuell auch die daraus resultierende Verzweiflung, die man in die Arbeit einbringt, das Infragestellen – anders kann man sich am Ende nicht freikämpfen. Die Aufführung darf nicht nur das Ergebnis der Vorarbeit sein. Im Ernstfall muss man alles vergessen. Man muss durchlässig sein für alles, was gerade passiert. Auch für das, was nicht geprobt wurde.

Sind Sie froh, dass Sie Anfang des 21. Jahrhunderts Karriere machen?

Mallwitz: Ja, gerade weil sich in den vergangenen Jahren so viel für uns Frauen getan hat. Simone Young musste sich ganz anders verhalten als wir Dirigentinnen heute. Sie hat uns wahnsinnig viel geebnet. Ich hätte das nicht gekonnt. Ich hätte mich nicht verstellen oder härter machen können. Übrigens betrifft Letzteres auch die Männer. Heutzutage gibt es die Chance, dass ein Dirigent oder eine Dirigentin geschätzt wird, weil erkannt wird: Das ist ein interessanter Musiker. Egal, wie er oder sie sich gibt. Nicht Kraft oder Macht sind entscheidend, es ist die Authentizität. Für mich sind die ersten Probenminuten immer qualvoll, weil ich nie weiß, ob alle mit mir in eine Richtung gehen wollen. Ich bin nicht der Typ, der sagt: „Okay, Mahlers Erste. Wir spielen mal den ersten Satz durch, genießen, wie toll der ist, und danach sage ich, wie's geht.“ Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Haltung vor dreißig Jahren bestanden hätte.

Können Sie demnach schwer loslassen?

Mallwitz: Der Moment, an dem ich in der Aufführung ans Pult gehe, ist wie eine Befreiung von mir selbst. Genau deshalb bin ich so süchtig nach diesem Beruf. Das hat nichts mit Applaus oder Ruhm zu tun. Rein vom Kopf her ist mir bewusst: Die Proben sind anstrengend, sie treiben mich fast in die Depression, außerdem sind die Stunden vor dem Ernstfall furchtbar. Ich weiß aber auch: Mit dem ersten Einsatz fällt das alles von mir ab. Man lebt dann nur noch im Jetzt.

Schaffen Sie es, dieses Im-Jetzt-Sein auch ins Private mit hinüberzunehmen?

Mallwitz: Oh nein. Deshalb ist der Aufführungsmoment ja eine Sucht. Ich werde ganz allergisch, wenn mir Leute sagen, ich solle mich doch entspannen. Ich muss immer etwas tun, was mich irgendwie fordert oder auspowert. Ich mag zum Beispiel Yoga. Und mein Mann macht sich immer lustig darüber, dass ich am Ende der Übungen das einminütige Nichtstun überspringe und schon etwas anderes unternehmen will.

Welche Frage können Sie als Dirigentin nicht mehr ausstehen?

Mallwitz: Eigentlich alles, was in Richtung Frauenklischee geht. Ehrlich gesagt habe ich dazu auch nicht viel beizutragen – weil das Berufliche in meinem Fall ja funktioniert. Mir ist Inhaltliches wichtiger.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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