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Eine der jüngsten Kandidatinnen von „The Voice Kids“: Die zehnjährige Marlene aus Römerberg bei Speyer wird bei den „Blind Auditions“ das Lied „Leiser“ von Lea singen. Stimmexperte Matthias Echternach freut die Sing-Begeisterung.

Stimmexperte Matthias Echternach über Formate wie „The Voice Kids“

„Jeder kann singen!“

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Am Sonntag startet auf Sat.1 eine neue Staffel von „The Voice Kids“. Was die Kinder da für Auftritte abliefern, verblüfft. Doch: Ist das überhaupt gesund? Oder kann eine Stimme durch zu frühes Ausreizen kaputtgehen? Wir sprachen darüber mit Professor Matthias Echternach. Er leitet die Abteilung für Phoniatrie und kindliche Hörstörungen der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Ist es eigentlich gut für die stimmliche Entwicklung, wenn schon im Kindesalter so professionell gesungen wird?

Ich glaube, dass man erst einmal definieren muss, was professionelles Singen ist. Dass gesungen wird, ist eine ganz hervorragende Sache. Das verkommt ja so ein bisschen. Die meisten Eltern singen mittlerweile sehr wenig mit ihren Kindern. Von daher ist es erst einmal schön, Gesang medial darzustellen. Was die Professionalisierung der Stimme angeht, muss man unterscheiden. Nehmen wir etwa Knabenchöre wie den Tölzer Knabenchor – die sind hochprofessionell. Entscheidend ist, dass diese Kinder gesangspädagogisch sehr behutsam betreut und nicht gestresst werden. Kinder, die bei Shows wie „The Voice Kids“ mitmachen, erleben vermutlich viel Stress durch die medialen Herausforderungen. Ich bin mir nicht sicher, ob jedes Kind, das da teilnimmt, diesem medialen Druck gewachsen ist.

Das heißt, wegen der Kameras und der vielen Zuschauer lassen sie sich zu Höchstleistungen treiben, die sie überfordern?

Das ist denkbar. Wie gesagt: Ich unterstütze, dass Kinder singen. Das ist ein Credo von mir, ich habe selbst im Knabenchor gesungen. Aber ich denke, dass eine gesangspädagogische Begleitung eine Notwendigkeit ist, gerade auch bei solchen Formaten.

Wie läuft denn Gesangspädagogik im besten Sinne ab?

Im besten Sinne so, dass die Stimmgebung immer weiter trainiert wird. Das ist wie Hochleistungssport. Das bedeutet, ich muss die Atemsteuerung gut machen, ich muss die Stimmlippenschwingung im Sinne von Lautstärke und von Tonhöhe koordinieren. Und das ohne zu viel Druck. Dieses „zu viel Druck“ kann zu einer Überlastung oder sogar zu organischen Veränderungen führen.

Besonderes Projekt: Matthias Echternach, der durch eine MRT-Aufnahme den gewaltigen Gesangsapparat von Georgia Brown begutachtet. Eine Szene aus dem Film „Der Klang der Stimme“.

Wann beginnt man idealerweise mit dem Gesangsunterricht?

Das Wichtigste ist, dass man vor irgendeinem Unterricht schon daheim mit den Kindern singt. Das beginnt mit Babyliedern. Wenn die Eltern dem Neugeborenen vorsingen, passiert schon so viel in dem kleinen Gehirn, da wird die Musikalität gefördert. Die Stimme ist unser wichtigstes Instrument – da kann man gar nicht früh genug beginnen, es zu beüben. Also Vorsingen im Babyalter ist schon eine ganz tolle Sache. Dann können Kinder in einen Chor eintreten oder bei der musikalischen Früherziehung mitmachen, bei der ganz behutsam gesagt wird: Jetzt probieren wir mal ein bisschen hoch zu sein, ein bisschen tief zu sein. Es soll Freude machen. Keine pädagogische Überfrachtung – sondern die Lust am Singen wecken.

Ist es denn irgendwann zu spät? Kann ich noch singen lernen oder ist der Zug abgefahren?

(Lacht.) Ich hoffe, Sie singen! Da ist kein Zug abgefahren. Da ist nie ein Zug abgefahren.

Das heißt, ich könnte auch mit, sagen wir, Mitte 40 zu einem Lehrer gehen und mir die nötigen Tricks vermitteln lassen, damit es für mehr als das Singen unter der Dusche reicht?

Es ist die Frage, wohin Sie wollen. Singen ist ja nicht nur Leistungssport, sondern auch ein Wohlbefinden. Es gibt Studien, die zeigen, dass beim Singen Körperabwehrstoffe gebildet werden, dass Stresshormone gemindert werden, dass viele körperlich gesunde Sachen passieren. Unabhängig davon, wie gut es dann klingt. (Lacht.) Sie können in einen Laienchor gehen, einfach nur als Ausdruck Ihrer selbst. Das können Sie auch noch im Alter von 45 Jahren tun. Sie müssen dann ja nicht mehr auf die Opernbühne oder zu „The Voice of Germany“ oder was weiß ich wohin gehen.

Das wäre zu spät, oder?

Das kann man so auch nicht sagen. Es gibt Naturtalente, es gibt nicht ausgeformte Stimmen, die aber eine hohe Musikalität in sich tragen. Es ist ein bisschen wie bei einer Geige. Mit einer exzellenten Geige können Sie durch die richtige Technik tolle Töne spielen. Ist die Geige weniger gut gebaut, fällt das schon schwerer. Aber die Stimme ist das Hauptkommunikationsmittel des Menschen, das heißt, wir nutzen sie sowieso. Von daher kann man in jedem Alter damit beginnen, das auszunutzen – und hoffentlich Spaß daran haben.

Wenn die Stimme ohnehin unser natürliches Instrument ist – woran liegt es, dass uns das Singen immer mehr verloren geht? Ist das kulturell bedingt?

Würde ich vermuten, ja. Wenn wir uns beispielsweise mit Schweden vergleichen – da jemanden zum Singen aufzufordern hieße Eulen nach Athen zu tragen. Die Schweden singen die ganze Zeit. Sie haben eine reiche Chorszene, in Skandinavien überhaupt. In Deutschland ist das nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Wer kennt heutzutage noch Volkslieder? Diese Selbstverständlichkeit von Liedern, die jeder kennt, ist nicht mehr vorhanden. Der Fokus der Gesellschaft ist im Moment ein anderer.

Was geht uns damit verloren?

Die Musikalität. Auch das Zuhören. Das Integrative einer musikalischen Sache. Zu singen ist eine komplett andere Kommunikationsform als die Sprache per se. Das heißt, dass ich singend mit einer anderen Person ganz intim oder ganz anders interagieren kann. Viele Menschen gehen zum Beispiel in die Oper, weil durch die Musik ständig etwas neben den Worten kommuniziert wird.

Das heißt, so eine Sendung wie „The Voice Kids“ würden Sie nicht verteufeln, weil es letztlich Werbung für den Gesang ist?

Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Ich freue mich sehr, dass Menschen sich um Stimme kümmern. Ich freue mich auch sehr, dass Kinder singen. Doch ich freue mich nicht ganz so über das mediale Vermarkten des Ganzen. Das kann Kinder überfordern, und damit habe ich meine Probleme. Ebenso ist es mit den Wertungen der Jury; vor allem, wenn gesagt wird, man könne nicht singen. Ich glaube, jeder kann singen – in seinen Möglichkeiten. Klar, dass es nicht bei jedem zu einer großen Karriere reicht. Doch das bei Kindern abzuschätzen, ist zusätzlich schwer, weil die Stimme sich noch weiterentwickelt.

Also Ihr Plädoyer: Lieber ab in den Chor statt zu Sat.1?

Wie gesagt: Ich will es nicht verteufeln. Ich finde es toll, wenn Kinder singen. Ohne den Wunsch, ins Fernsehen zu kommen, würden manche gar nicht singen. Im besten Fall gehen sie durch diesen Wunsch zum Gesangspädagogen. Wenn der dann sagt: „Mensch, es reicht nicht ganz für ,The Voice Kids‘“, dann macht das nichts. Sie werden sicher trotzdem dadurch glücklich, dass sie ihre Stimme kennenlernen und sich ganz anders artikulieren können, ein anderes Ventil erhalten. Das ist Gold wert.

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