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Matthias Echternach: Expeditionen im Stimmbezirk

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Von: Markus Thiel

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Da muss sogar der Forscher passen: Matthias Echternach staunt über Georgia Brown, deren Stimme zehn Oktaven bis zu den weltweit höchsten Tönen umfasst. © Foto: Verleih

Er schaut den Menschen in den Hals. Nicht aus Grippe-, sondern aus Forschungsgründen. Matthias Echternach, Professor an der Münchner Uni, wirkte an der aufregenden Kino-Doku „Der Klang der Stimme“ mit.

Dieser Film ist keine dröge Doku. Das kostbarste Instrument, das die Menschheit kennt, wird in „Der Klang der Stimme“ auf vielfältige, faszinierende, auch humorvolle Weise beleuchtet. Nicht nur Sängern wird in die Kehle geschaut, auch einer Jodlerin oder einem Beatboxer. Beteiligt am Projekt war Professor Matthias Echternach. Der Stimmexperte ist ausgebildeter Sänger, war zuvor in Freiburg tätig und ist seit diesem Herbst an der Abteilung für Phoniatrie und kindliche Hörstörungen der Ludwig-Maximilians-Universität. Kino-Start ist am Donnerstag.

Sie sagen einmal im Film über das Phänomen Stimme, das alles sei doch letztlich unerklärbar. Und dann trotzdem Ihre Forschungsanstrengungen?

Echternach: Das mag eine widersinnige Situation sein – die ich aber als sehr spannend empfinde. Damit ich weiß, wohin ich mit der Stimme will, muss ich verstehen, wie alles funktioniert. Andererseits lässt man sich als Arzt schon gern in die ästhetische Klangwelt entführen und will am Mysterium nicht rühren.

Die „Reparatur“ einer Stimme ist etwas sehr Intimes, unter Umständen persönlich Verletzendes. Sind Sie manchmal mehr Psychologe als Kehlkopf-Experte?

Echternach: So könnte man es ausdrücken. Nicht ohne Grund sind die Begriffe Stimme und Stimmung verwandt. Wir hören sofort, in welcher Situation ein Mensch ist. Und wenn Hochleistungssänger zu mir kommen, stelle ich oft Probleme mit Intendanzen oder Agenten fest. Es geht auch um falsche Fachverträge und ähnliche Dinge, die man im Gespräch oft erst nach einer Dreiviertelstunde herauskitzeln kann. Die Stimmproduktion ist eben ein sehr komplexes System, das auch stark durch die Psyche gesteuert wird. Es wäre absurd, alles auf die Aktivität des Kehlkopf-Apparats zu reduzieren.

Können Sie überhaupt noch unbefangen Stimmen zuhören?

Echternach: Das kann, so glaube ich, keiner. Es rattert immer ein Programm im Hintergrund herunter. Tonfälle, Sprachmelodien – da wird von uns allen viel unbewusst wahrgenommen. Wir als Forscher versuchen zu verstehen, was diese Programme mit uns machen und welche Zusatzinformationen gesendet werden. Trotzdem: Es gibt kaum etwas Schöneres, als im Publikum zu sitzen, und plötzlich geht bei einem Ton die Sonne auf. Ich muss nicht immer alles wissen.

Babys, so sagt man, können am natürlichsten schreien. Ist es tatsächlich so, dass danach die Verbildung der Stimme einsetzt und man erst wieder einiges freischaufeln muss?

Echternach: Das ist schwer zu beantworten. Unser System entwickelt sich ständig fort. Am Anfang gibt es einen großen Blasebalg im Verhältnis zur kleinen Dimension des Stimmapparats. Außerdem beginnen wir mit wenigen Frequenzen und Stimmumfängen. Dann erweitert sich das, flexibilisiert sich. Nach dem Stimmbruch muss vieles neu erlernt werden. Vor allem anderen bleibt wichtig, dass man gern singt. Die Verwendung von Stimme schafft Neuroplastizität. Das bedeutet, dass das Gehirn diese Areale viel besser nutzen kann.

Meistens ist es doch eine Sache der Scham, bis man sich zur eigenen Stimme bekennt. Haben Männer eher diese Probleme?

Echternach: Es kann sein, dass dies heutzutage zugenommen hat. Aber denken Sie an die Fangesänge. Oder an Männergesangsvereine. An Knabenchöre, Pfadfinder oder Studentenverbindungen... Wir reden nun ständig von Sängern. Es gibt aber auch eine große Zahl von Lehrern, die vokale Probleme haben und ihre Inhalte nicht mehr richtig vermitteln können, das ist ebenso berufsgefährdend.

Wie kann man hier gegensteuern?

Echternach: In der universitären Ausbildung ist das Vermitteln von stimmlichen Grundlagen zum Teil nicht vorgesehen. Später gibt es keinerlei technische Überprüfungen mehr. Als ich noch in Freiburg war, wurde ein Präventivprogramm für Referendare entwickelt. Wir sind zu einer Modellrechnung gekommen: Wenn man Ausfall- und Krankheitskosten gegenrechnet, könnte man bei ungefähr 90 000 Lehrern in Baden-Württemberg durch richtiges Training – trotz der Fortbildungskosten – sechs Millionen Euro pro Jahr sparen. Umgerechnet auf Bayern käme man hier auf fünf Millionen. Ich habe große Hoffnung, dass wir mit dem Kultusministerium ein solches Programm etablieren können.

Das bedeutet, dass Ihre Patienten Sie aufsuchen an einem Punkt, an dem es fast zu spät ist.

Echternach: Bei Sängern nicht, die kennen ihr Instrument meist sehr gut. Vielleicht nicht vom physiologischen Standpunkt her, aber intuitiv erfühlend. Es gibt sogar einige, die einen konkreten physischen Befund haben, darunter aber gar nicht leiden. Wir stellen häufig Gebrauchsspuren fest, die null Bedeutung haben. Hier können unsere Methoden viel erhellen.

Wenn bei Sängern ein derartiges Bewusstsein existiert – warum läuft dann vieles schief?

Echternach: Es passieren schon oft Fehleinschätzungen. Ob es sich um einen grundsätzlichen Defekt handelt, um eine kleine Schwellung oder ein Problem an einem Gefäß, das können die Patienten nicht diagnostizieren. Wir kennen ja auch klassische Natursänger. Neulich war ein bekannter Solist bei mir, der meinte: „Es ist ein Wunder, dass ich so weit gekommen bin – trotz der Musikhochschule.“ Das ist sicher nicht verallgemeinerbar. Aber man kann eben immer Eigenwege abseits der gängigen Lehre verfolgen. Viele führen nach Rom, manche ins Dunkle. Deswegen sage ich auch nie: Dieser Sänger ist gut. Eine große Rolle spielt der Geschmack. Eine belastbare Definition, die ich auch nicht mag, wäre: Ein Sänger ist gut, wenn er gut bezahlt wird. Auch wenn ich schon jetzt Proteste höre...

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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