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Vor 20 Jahren war er in Salzburg der Papageno, jetzt übernimmt Matthias Goerne den Sarastro.

SALZBURGER FESTSPIELE

Mozarts „Zauberflöte“ mit Matthias Goerne: „Hier ist der Tod im Spiel“

  • Markus Thiel
    VonMarkus Thiel
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Erste Premiere der Salzburger Festspiele ist Mozarts „Zauberflöte“. Und nicht nur Matthias Goerne als Sarastro garantiert dafür, dass alles anders wird als bei diesem Hit üblich. Ein Interview.

Salzburg - Ein Bariton wildert im Revier der tiefen, seriösen Bässe: Matthias Goerne traut sich was. Der 51-Jährige übernimmt den Sarastro in der „Zauberflöte“, die am 27. Juli im Großen Festspielhaus herauskommt. Das passt zu diesem so reflektierten Sänger, der sich gerade in seinen Lied-Interpretationen nicht mit dem direkten Weg von A nach B zufriedengibt. Regie führt Lydia Steier, am Pult steht Constantinos Carydis.

Diese „Zauberflöte“ ist eines der großen Debüts. Auch Dirigent Constantinos Carydis, gerade in München bei „Le nozze di Figaro“ am Pult, leitet erstmals die Wiener Philharmoniker.

Goerne: Mir ist ein solcher Dirigent noch kaum begegnet. Seine extrem erscheinenden Tempi, auch alle anderen Dinge, die überraschen mögen, sind wirklich rein aus der Partitur und dem Stück begründet. Es ist eine für mich vollkommen neue, aufregende, richtige Sicht auf dieses Werk. Unter anderen Umständen hätte ich meinen ersten Sarastro vielleicht gar nicht gemacht. Für mich war dieses Debüt in allererster Linie abhängig vom Dirigenten.

Es wird also eine Anti-Klischee-Aktion.

Goerne: Als ich mich früher mit dem Stück beschäftigte, erschien mir Sarastro immer als einzige dieser Figuren statisch, ruhend, irgendwie klobig und unflexibel. Man hat fast den Eindruck, ein anderer Komponist sei plötzlich am Werk gewesen. Sarastro verkörpert aber auch ein diktatorisches Prinzip, er ist eine zwiespältige Figur in all ihrer Radikalität. Nehmen wir die „Hallen-Arie“. Zwei Strophen, dieselbe Musik. Für mich ist das so genial wie ein Schubert-Lied, bei dem die Melodie den unterschiedlichsten Texten und ihren Inhalten Stand halten kann. Das gilt es zu verdeutlichen. Die „Zauberflöte“ ist die komplexeste aller Mozart-Opern, weil sie diesen großen inhaltlichen, universalen, emotionalen Bogen schlägt.

Jetzt Sarastro, zuvor Wotan: Gerade ist für Sie, den genuin lyrischen Bariton, eine Phase der Grenzgänge angebrochen. Testen Sie sich und Ihre Stimme gerade aus?

Goerne: Das ist kein Test. Natürlich klinge ich als Sarastro nicht so wie einst Kurt Moll. Bei allem großen Respekt vor diesen herrlichen Stimmen: An der damit verbundenen Starre in der musikalischen Geste habe ich auch meine Zweifel. Schauen Sie sich doch alle anderen Figuren der „Zauberflöte“ an, wie viril sie sind, wie sie aus dem Moment heraus ihre Musik entwickeln. Mit einem rein pastosen Ton dagegen teilt sich mir irgendwie nichts mit. Mir ist natürlich das Risiko bewusst, dass sich mancher vom Sarastro eine andere Klanglichkeit erwartet und das vielleicht kritisieren wird. Aber deswegen vom Mönchsberg springen? Dazu bin ich zu lange im Beruf. Hier, in Zusammenarbeit mit diesem wunderbaren Team, das bereit ist, andere Wege zu gehen, ist es mir das Experiment wert.

Wie ehrlich ist Sarastro überhaupt, wenn er sich gütig präsentiert?

Goerne: Das meint er schon so. Als Diktator ist er stark genug, um nicht lügen zu müssen.

Es gibt genug Autokraten, siehe Russland oder USA, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

Goerne: Im Fall der „Zauberflöte“ erscheint mir das anders. Und das liegt daran, dass ihre Gedankenwelt mit dem Freimaurertum verbunden ist. Mit einem Ehrenkodex, dem man sich verpflichtet fühlt. Es gibt schon diese gravitätischen Momente beim Sarastro, die will ich gar nicht leugnen. Aber wenn er von „heil’gen Mauern“ singt, handelt es sich doch um einen Bezirk, der befestigt ist und dessen Grenzen geschützt sind – folglich dreht es sich um Unfreiheit. Oder denken Sie an die Feuer- und Wasserprobe. Hier ist tatsächlich der Tod im Spiel. Dass Tamino und Pamina sterben, wird von Sarastro als Möglichkeit gesehen. Dahinter steckt doch ein enormer Fanatismus. Diese Probe gegen Ende wird meistens mit so einem Augenzwinkern inszeniert. Das halte ich für falsch.

Leidet die „Zauberflöte“ unter ihrer Beliebtheit? Weil sie so häufig gespielt wird, glaubt jeder, wie es sein muss.

Goerne: Das geht auch anderen hochbeliebten Stücken so, weil sie von einer Masse an Dirigenten und einer Masse von Sängern gemacht werden, die auf eine Masse von Publikum treffen. Die Gefahr des Kopiertwerdens, des Sich-Einschleifens ist extrem groß. Und irgendwann glaubt man, eine gültige, nur in Aspekten zu variierende Version gefunden zu haben. Das versuchen wir hier aufzubrechen. Wobei das letztlich, gerade was die Tempofragen betrifft, alles in der Partitur so vorgegeben ist.

In welchen Stücken fühlen Sie sich, abgesehen vom Technischen, nicht zu Hause?

Goerne: Bei italienischen Opern geht es mir oft so, dass einem das Erzählen der Geschichte wie ein Galopp über den Bodensee erscheint. Diese schnellen Brüche, das gewollte Holpern der Dramaturgie, all das hat mich immer zutiefst gestört – auch wenn ich mich der Schönheit der Musik und der Finesse der Melodien nicht entziehen kann. Mir ist schon klar, dass die Stringenz dieser Stücke gerade über die Melodie funktioniert. Aber das muss man auch so differenziert dirigieren, was selten vorkommt. Wenn mir nun jemand eine solche Partie anbietet und sagt, er könne sich das nur mit mir vorstellen: Warum nicht? Es muss halt der Richtige sein.

Genießen Sie als Lied-Experte die Oper, weil man da, was die Emotion betrifft, noch zwei, drei Fenster aufmachen kann?

Goerne: Ich halte es für existenziell wichtig, beides zu machen. Ein Opernsänger braucht umgekehrt genauso die Auseinandersetzung mit der Lied-Form. Bei jungen Sängern beobachte ich das oft, wenn sie ein 45-sekündiges Lied singen. Dieses genaue Erforschen von Grauzonen, von Hellgrau zu nicht mehr ganz Hellgrau bis zu leichtem Dunkelgrau: Dem Publikum teilt sich das doch, gerade in größeren Sälen, gar nicht mit. Man braucht also auch die andere, größere, durchgehende emotionale Geste. Alles nur in homöopathischen Dosen funktioniert doch nicht – zumal Homöopathie ja nicht bei jedem anschlägt.

War eigentlich die „Zauberflöte“ auch Ihre erste Oper?

Goerne: So weit ich mich erinnern kann, war das „Così fan tutte“. Die wurde zu Hause am häufigsten gehört. Das mag nicht die leichteste Kost für ein Kind sein. Der Rahmen, der in diesem Stück gesteckt wird, ist aber längst nicht so groß wie der der „Zauberflöte“. Und ich finde: In den wenigsten Inszenierungen ist sie eine kurzweilige Oper. Manchmal verzettelt man sich auch in der Kleinteiligkeit, in vielen Gags und Einfällen, das rauscht dann so durch. Eine reduzierte „Zauberflöte“ mit wenigen großen emotionalen Bögen, das wär’s.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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