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Bereit für die gefährliche Fahrt: In einem selbst gebauten Ballon versucht Peter Strelzyk (Friedrich Mücke, Mi.) mit seiner und Familie Wetzel abzuheben, um aus der DDR zu fliehen.

Interview mit Michael Bully Herbig zu seinem ersten Thriller

Das war‘s jetzt erstmal mit Komödien

  • Katja Kraft
    VonKatja Kraft
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In seinem ersten Thriller „Ballon“ erzählt Michael Bully Herbig über den Fluchtversuch der Familien Wetzel und Strelzyk aus der DDR. In einem selbst gebauten Ballon wagten sie die Fahrt. Herbig inszeniert das hoch spannend als Wettlauf gegen die Zeit. Bei diesem Film sei alles wie am Schnürchen gelaufen, erzählt der 50-Jährige bei unserem Gespräch. Das merkt man dem gelungenen Drama an.

-Weniger als perfekt geht bei Ihnen nicht, oder?

(Lacht.) Klingt gut! Danke.

-Dann wählen Sie für Ihren ersten Thriller auch noch eine bekannte Geschichte. War das der Reiz – so spannend zu erzählen, dass auch mitfiebert, wer das Ende kennt?

Erst einmal gehe ich immer davon aus, dass es auch ein sehr junges Publikum gibt, das noch nie davon gehört hat. Und dann stellst du dir generell die Frage, wie du die Leute auf eine Fährte locken kannst, die sie kurz glauben lässt: Moment mal, das habe ich aber anders in Erinnerung! Wie bei „Titanic“. Als ich gehört habe, dass James Cameron diesen Film macht, dachte ich: Na, also so überraschend wird das zum Schluss jetzt ja nicht sein. Und hab mich ganz selbstgefällig ins Kino gesetzt – nach dem Motto: Jetzt lass’ den Kutter mal untergehen! Doch nach zwei Stunden hab’ ich plötzlich gehofft, dass sie vielleicht doch an dem Eisberg vorbeifahren! (Lacht.) Das ist toll, wenn ein Film das schafft.

-Wann war klar, dass „Ballon“ funktioniert?

Als ich den Film Günter und Petra Wetzel gezeigt habe. Günter Wetzel war immer skeptisch gewesen. Denn er hatte die Disney-Verfilmung ihrer Geschichte gesehen, die fand er – ich sag’s ganz diplomatisch – nicht gut. (Lacht.) Wir sitzen also im Vorführraum, nur wir drei. Zwei Stunden mucksmäuschenstill. Doch als der Film vorbei war, platzte es aus Petra Wetzel heraus – ich habe so was noch nie erlebt. Ihr liefen die Tränen herunter, sie hat mit einer Inbrunst in ihre Hände geklatscht, ist mir um den Hals gefallen. Und meinte nur: „Also wenn jemand weiß, wie die Geschichte ausgeht, dann bin das ja ich. Aber ich hab’ die ganze Zeit geglaubt, wir schaffen’s nicht.“ (Lacht.)

-Sonst warten Sie auf Lacher im Publikum – worauf warten Sie hier?

Für mich ist immer das Wichtigste, die Leute nicht zu langweilen. Die Form spielt da am Ende keine so große Rolle. Klar kann man hergehen, über alle meine Filme drüberbügeln und sagen: Ist ja alles Komödie. Aber was ich schon sehr genossen habe in den vergangenen Jahren, dass ich auch Genrefilme machen konnte. Du kannst in Deutschland nicht einfach einen Western drehen oder Science-Fiction. Unter dem Deckmantel der Komödie aber schon. Viele meiner Filme waren, wenn man so will, Parodien, doch als Regisseur muss man trotzdem das Genre ernst nehmen. Nun eben Thriller. Das mag überraschen. Umso schöner, die positiven Reaktionen zu erleben.

-Die gibt es wegen Ihrer Liebe zum Detail. So farbenfroh sah man die DDR selten.

Das war mir wichtig. Klar, ich habe die DDR auch mal erlebt, als Schüler auf Klassenfahrt. In Ostberlin hab ich’s genau drei Stunden ausgehalten. Das war für mich grauenvoll, fühlte sich alles grau an! Doch die vielen Gespräche mit Menschen, die dort gelebt haben, machten mir klar, dass es falsch ist, die DDR farblos, sepia, trostlos darzustellen. Es gab da schon auch Farben! Es kamen Pakete aus dem Westen mit Klamotten drin. Oder sie haben sich die Sachen selbst genäht. Es gab eine Sehnsucht nach Farbe im weitesten Sinne.

Trafen sich in München: Kultur-Redakteurin Katja Kraft und Regisseur Michael Bully Herbig.

-Waren Sie da vielleicht penibler als andere, weil es für Sie fremdes Terrain ist?

Sehr! Ich wollte vermeiden, dass die Leute sagen: Jetzt kommt der Komiker aus Bayern und will uns erzählen, wie die DDR ausgesehen hat. Ich würde mir auch keine DDR-Komödie zutrauen. Davor hätte ich zu viel Respekt.

-Stattdessen ist es ein Film geworden, der durch die Flüchtlingssituation gesellschaftspolitische Bedeutung bekommt. Er zeigt, was Menschen aufgeben, wenn sie flüchten.

Als wir vor sechs, sieben Jahren angefangen haben, war das erst mal nicht meine Absicht. Ich fand die Geschichte faszinierend. Im Laufe der Jahre bekam der Stoff plötzlich eine gruselige Aktualität. Wenn der eine oder andere durch den Film ins Grübeln gerät, habe ich nichts dagegen. Man kann DDR-Flüchtlinge nicht eins zu eins etwa mit Flüchtlingen aus Syrien vergleichen. Aber am Ende geht es darum, dass Menschen ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren, um ein Leben ohne Bedrohung führen zu können. Ein selbstbestimmtes Leben.

-Nun ging die Geschichte der Geflohenen noch weiter. Die Familien wurden von der Stasi verfolgt. Wieso haben Sie das ausgespart? Man hätte es im Abspann erzählen können.

Stimmt, aber das wäre ein sehr langer Text geworden. (Lacht.) Wir haben darüber nachgedacht, aber ich hab’ irgendwann gesagt: Für mich ist das Wesentliche die Fluchtgeschichte. Mit ein paar Sätzen im Abspann wärst du dem weiteren Schicksal aller Beteiligten nicht gerecht geworden. Ich habe die Familien gefragt, ob sie die Flucht auch gewagt hätten, wenn sie gewusst hätten, dass zehn Jahre später die Mauer fällt. Und bei beiden kam wie aus der Pistole geschossen: Natürlich, denn es geht hier um zehn Jahre mehr in Freiheit. Das muss man sich mal so klarmachen, diese Selbstverständlichkeit, mit der wir heute mit Freiheit umgehen. Darum geht’s!

-Statt einer Weitererzählung entdeckt man im Abspann einen Dank an Roland Emmerich. Wofür?

Na ja, es gab noch die Verträge, die Disney mit den Familien für die erste Verfilmung abgeschlossen hatte. Ich musste mir also die Remake-Rechte holen. Daran habe ich mir zwei Jahre fast die Zähne ausgebissen. Ist ja auch ein Riesenstudio. Also ließ ich es auf einen letzten Versuch ankommen. Ich bin nach Los Angeles geflogen, zu Roland Emmerich. Wir hatten uns ein paar Jahre zuvor mal kennengelernt. Dann sitz ich da bei ihm und erzähle alles. Nach zehn Minuten sagt er den legendären Satz: „Ich hab’ zwar noch nie mit Disney gearbeitet, aber ich ruf da mal an.“ Ich ruf’ da mal an! Nachdem ich zwei Jahre gescheitert bin! (Lacht.) Eine Woche später hatte ich bei Disney einen Termin. Das hat sich schon noch etwas gezogen, bis die Verträge fertig waren. Aber ohne Rolands Hilfe hätte es nicht geklappt.

-Folgt nun Ihr nächster Thriller?

Ja, das Thriller-Machen hat mir schon unheimlich gefallen. Ich kann mir so gut wie jedes Genre vorstellen außer Horror. Als Regisseur schließe ich im Moment die Komödie tatsächlich aus. Es gibt so viele Stoffe zu erzählen! Ich sag’ aber lieber nicht welche, sonst macht’s noch jemand vor mir und das Theater um die Rechte geht von vorne los ...

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