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Nina Stemme: „Jetzt ist die Zeit der Ernte“

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Von: Markus Thiel

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„Wenn ich etwas über mich erzähle, dann durch meine Rollen“: Nina Stemme als Kundry im neuen Münchner „Parsifal“. © Foto: Wilfried Hösl

Weltkarriere mit Familie und ohne PR-Tamtam: Das geht, wie Nina Stemme, die derzeit führende Wagner-Sopranistin, beweist. Ein Interview.

München - Um die Karten für den neuen „Parsifal“, der an diesem Donnerstag Premiere hat, dürften sich die Fans fast geprügelt haben. Der Grund ist die Blockbuster-Besetzung mit Kirill Petrenko am Pult, Jonas Kaufmann (Titelrolle), René Pape (Gurnemanz), Christian Gerhaher (Amfortas) – und mit Nina Stemme, 55, der zurzeit führenden Wagner-Sopranistin, als Kundry.

Wie fühlt sich für eine Kundry-Sängerin der dritte Akt an, wenn es nur zwei Worte zu singen gibt?

Stemme: Ich mag den dritten Akt nach dem so intensiven zweiten. Man singt nicht, man schwingt mehr mit. Es geht auch darum, für die Figur der Kundry die innere Unruhe in Ruhe und Erlösung zu verwandeln – was auch immer das Letztere sein mag. Das bedeutet nicht, dass man sich ausruht! Vielleicht bin ich sogar noch präsenter, wenn ich nicht singe.

Kundry singen Sie in München in Ihrer zweiten Neuproduktion. Wer rät Ihnen zu Rollen?

Stemme: Ich mache eigentlich alles mit mir selbst aus. Das kann auch zum Problem werden, wenn es zu Entscheidungen kommt, die von außen gesehen komisch, für mich aber total logisch waren. Zum Beispiel, als ich 2001 Marguerite in Gounods „Faust“ gesungen habe, danach Isolde, später bin ich zur Marguerite zurückgekehrt. Ich fand, dass es konsequent war – zumal es beim „Faust“ am Ende sehr dramatisch wird.

Sie mussten zu Beginn Ihrer Karriere die Stimme komplett aufbauen. Hilft das nun, wenn man sich nicht allein auf die Naturstimme verlassen muss?

Stemme: Ich denke ja. Für mich war es der einzige Weg, weil ich alle Fehler vorher gemacht habe. Man steht im Grunde völlig allein da. Alle wollen einen zum Star machen. Doch ich habe mir erlaubt, immer wieder zu sagen: „Nein, halt, ich bin noch nicht fertig!“ Bei uns Frauen kommt noch das Problem der Wechseljahre dazu, da hilft nur eine gute Technik.

Sie haben einmal gesagt, das Wichtigste sei, nicht zu lange zu singen. Haben Sie sich schon früh Gedanken über Ihren Bühnenabschied gemacht?

Stemme: Das nicht. Ich habe noch keine Pläne für die Zeit danach. Ich kann nur weitermachen, jeden Tag, Schritt für Schritt und mein Bestes tun. Ich sortiere mich, weiß aber noch nicht, wohin es geht. Und manchmal will ich auch nicht darüber reden. (Lacht.) Man muss sich in Demut und Geduld üben.

Haben Sie Geduld?

Stemme: Nein! Äußerlich mag das so wirken. Ich kann leicht explodieren, aber dann ist diese Phase auch gleich wieder vorbei. Dafür habe ich ja das Singen als Therapie. Ich musste auch erst lernen, dass es bei mir etwa 15 Vorstellungen dauert, bis ich eine neue Partie im Körper habe. Manchmal warte ich ab, bis ich weiß, wie viel ich geben möchte und kann. Außerdem: Ich habe ja einige Jahre lang ausschließlich neue Rollen gelernt. Jetzt ist gerade die Zeit der Ernte. Eine neue Partie ist für mich wie eine Geburt. Man ist schwanger und glücklich. Es gibt zwar auch Probleme, und irgendwann tut es sehr weh. Aber das Kind muss raus, und gleichzeitig hat man Glücksgefühle. Unglaublich viel wirkt da zusammen.

Sie singen im Vergleich zu anderen nicht viele Vorstellungen und sprechen abgeklärt über Themen wie Karriere. Fühlen Sie sich manchmal als Außenseiterin, obwohl Sie sich mitten in diesem Opernbusiness bewegen?

Stemme: So weit habe ich noch nicht gedacht. Wir sind in diesem Geschäft doch alle Außenseiter und Einzelgänger, auch wenn man fest an einem Haus engagiert ist oder im Fall Wagner immer wieder dieselben Kollegen zusammenkommen. Ich merke, dass ich mit meiner Erfahrung eine andere innere Schwere, ein inneres Gewicht habe. Und damit versuche ich auch anderen zu helfen.

Vielleicht wird ja auch der Sängerberuf ein Stück weit normaler. Dass alle auf hehren Sockeln stehen, gibt es doch nicht mehr.

Stemme: Meine Kinder dachten früher: Aha, Mama ist Sängerin, also stehen alle Mütter auf der Bühne. Wir sind Kulturarbeiter geworden, was mich überhaupt nicht stört. Nur manchmal, wenn Menschen nicht begreifen, dass wir ein paar andere Bedürfnisse haben, gerade weil wir auch seelisch so viel investieren für das Publikum – was ich übrigens mag. Ich finde es auch schön, ein paar Geheimnisse zu bewahren. Man muss nicht alle Backstage-Vorgänge zeigen. Das nimmt der Sache etwas von ihrem Zauber. Ich habe auch vor zehn Jahren geglaubt, dass ich diese großen Partien irgendwann mit etwas Routine singen könnte. Doch dann begriff ich: Darum geht es nicht. Es geht um Leben und Tod auf der Bühne.

Haben Sie einen weiteren Karriereschub gefühlt, weil die drei Kinder groß und aus dem Haus sind?

Stemme: Ja. Wobei ich nie den Produktionen nachgetrauert habe, die ich früher wegen meiner Rolle als Mutter ablehnen musste. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, ist das Thema erledigt. Meine Kinder haben mich immer unterstützt. Ich habe eher Nein gesagt als sie. Mein damaliger Agent meinte übrigens: „Ein Kind ist okay für eine Sängerin, ab zwei wird es zu viel für die Karriere.“ Ich habe das für mich anders entschieden – und es war richtig. Klar muss man Geld verdienen. Aber wenn sich das Karriere-Ende nähert, wird eine Frage wichtig: Was bleibt dann noch im Leben, wenn das Singen weg ist? Familie natürlich. Und ich stelle fest, dass immer mehr Sängerinnen Kinder bekommen. Gut so!

Sie sind ein Beispiel dafür, dass eine große Karriere auch ohne großes PR-Tamtam funktioniert – ähnlich wie bei Anja Harteros. War das für Sie von Anfang an eine Grundsatzentscheidung?

Stemme: Ja, ganz klar. Ich habe viel darüber nachgedacht, aber gespürt: Ich habe gar keine Zeit dafür. Außerdem schätze ich mein Privatleben zu sehr. Wenn ich etwas über mich erzähle, dann durch meine Rollen. Gerade weil ich auf der Bühne mehr Schattierungen und Charakterzüge ausspielen kann, bin ich dort fast echter als privat.

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