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„Jetzt ist eine größere Gelassenheit da“: Bariton Johannes Martin Kränzle vor dem Bayreuther Festspielhaus. Am 25. Juli hat er dort Premiere als Beckmesser in Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“.

Interview mit Johannes Martin Kränzle

Opernsänger kämpft sich ins Leben zurück: „Es ist ein Wunder“

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Bis vor kurzem hat Johannes Martin Kränzle nicht geglaubt, dass er jemals wieder auf der Opernbühne stehen würde. Jetzt probt er sogar bei den Bayreuther Festspielen.

Bayreuth - In seinen Rollen ist er dem Tod ständig begegnet. Im Frühjahr 2015 wurde dies für Johannes Martin Kränzle plötzlich sehr real, als eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks festgestellt wurde. Eineinhalb Jahre musste sich der gebürtige Augsburger, einer der spannendsten, intelligentesten Singdarsteller der Opernszene, zurückziehen. Nun ist der 54-Jährige wieder da und bereitet sich auf die „Meistersinger“-Premiere bei den Bayreuther Festspielen vor.

Wie geht es Ihnen?

Es ist unglaublich, dass ich seit einem Dreivierteljahr wieder ohne Einschränkung im Beruf bin. Nach der Stammzellen-Transplantation tauchte nämlich ein neues gefährliches Problem auf, die Spender-Empfänger-Krankheit. Auch wenn die DNA meines Bruders meiner sehr ähnlich ist, gibt es Entzündungsmöglichkeiten. Guido Westerwelle, der zwar eine andere Grunderkrankung, aber dieselbe Transplantation hatte, verlor den Kampf, bei mir äußerte sich das in zum Teil heftigen Infektionen, etwa im Darm. Da war ich schwächer drauf als vor der Behandlung. Ich muss noch immer starke Medikamente nehmen, Immunsuppressiva, die das neue Blut in seiner Wirkung etwas dämpfen. Mein Blut ist jetzt eineinhalb Jahre alt, ich werde wie ein Kind geimpft und habe – noch – keine Allergien. Früher hatte ich Heuschnupfen und eine extreme Allergie auf Pferdehaare, davon spüre ich gerade nichts. Es ist wie ein Neustart. Das sind so die kleinen freudigen Dinge.

Von Anfang an gingen Sie offensiv mit der Krankheit um. Weil Sie einen Spender suchten? Oder weil Sie Gerüchten vorbeugen wollten?

Eher das Zweite. Die Suche war relativ schnell beendet, auch weil nach meiner Diagnose „aggressiv fortschreitendes MDS“ bald der Notfall eintrat. Es gab keine Zeit mehr. Ich habe eines Tages das Bewusstsein verloren, lag allein in meiner Wohnung auf dem Boden. Ein Bein war total geschwollen. Ich konnte gerade noch den Notarzt rufen. Es war in der Klinik nicht sicher, ob man mich retten konnte. Ich hatte kein Abwehrsystem mehr. Ich habe alle so offensiv informiert, weil klar sein sollte, warum ich aussteige. Als ich im vergangenen Herbst zu den ersten Proben von „Così fan tutte“ nach London gereist bin, zu meinem Comeback, da dachten meine Mutter und meine Freundin: „Er ist verrückt.“ Anfangs war noch fraglich, ob ich sechs Stunden täglich proben kann. Ich hatte keine stimmlichen Probleme, eher welche mit der Kondition. Das wurde die vergangenen Monate immer besser.

Haben Sie während Ihrer Zwangspause täglich die Stimme getestet? Denkt man überhaupt an eine Rückkehr auf die Bühne?

Anfangs ging es ums Überleben. Durch die vielen Medikamente, vor allem durch das Cortison, war die Stimme weg. Sogar als später ab und zu ein Privatschüler kam, konnte ich nichts vorsingen, geschweige denn eine Stunde durchsprechen. Der Gedanke, dass ich jemals wieder auf einer Bühne stehen könnte, kam erst zwei Monate vor der Londoner „Così“ wieder zurück. Vorher sah ich keine Chance. Meine Familie hatte das auch hart getroffen – gerade wenn man, was gefährlich ist, dauernd im Internet surft und liest, dass die Chancen 70:30 stehen.

Welchen Plan B hatten Sie, falls es mit dem Singen nicht mehr klappt?

Ich hatte schon mal eine Gastprofessur in Köln, das wäre eine Möglichkeit gewesen – obwohl ich mich nicht vollzeitlich als Lehrer sehe. Ich hätte mich eher im administrativen Bereich eines Opernhauses gesehen, Besetzungsbüro, Operndirektor zum Beispiel.

Haben Sie die entscheidende Hürde genommen? Oder gibt es noch immer die Angst, dass die Krankheit zurückkommt?

Mich hat das alles einfach gelehrt, dass einen das Leben oft überraschen kann. Und dass man bei allen Plänen, die einem so einfallen, sehr vorsichtig sein muss. Angst habe ich nicht. Wenn meine Freundin aber nun manchmal meint, wir müssten im Krankenhaus vorbeischauen, um uns zu bedanken, und Kuchen mitbringen, lehne ich ab. Da zieht’s mich nicht hin. Als ich neulich meinen ersten Wozzeck gesungen habe, eine Rolle, von der ich immer träumte, musste ich danach erst einmal in meine Garderobe, wo ich eine Viertelstunde lang vor Fassungslosigkeit und Glück durchgeheult habe. Wenn ich über all das erzähle, bin ich oft nahe am Wasser gebaut. Es ist also wohl ein Trauma da, das man erst über Jahre hinweg verarbeitet. Oder nie.

Wie optimistisch waren Sie in der schlimmsten Phase, als nicht klar war, ob das neue Blut funktioniert?

Es gab viel Optimismus, ich habe mich aber auch innerlich verabschiedet. Ich wurde eigenartigerweise sehr ruhig. Ich resümierte: Du hast so viel Schönes erlebt in deinem Leben. Zum Beispiel sängerisch viel mehr, als du es während der Studienzeit erträumt hast. Wahrscheinlich hätte ich das Singen gar nicht vermisst. Demut gab es, Hoffnung, aber auch Tage, an denen ich dachte: Jetzt mache ich die Augen zu, und dann gibt’s mich nicht mehr.

Wenn Sie wie jetzt in Bayreuth proben: Ist Ihnen diese ganze aufgeregte Opernszene ein Stück weit egal geworden? Sehen Sie die mit anderen Augen?

Insgesamt ist wirklich eine größere Gelassenheit da. Andererseits ärgern mich wie früher Schlampereien oder Planänderungen. Ich bin also gar nicht so anders geworden. Viele Opernhäuser verstanden meine Situation und hielten am Engagement fest. Bei zwei, drei anderen musste ich – zum Teil ohne Mitteilung – feststellen, dass ich nicht mehr auf der Besetzungsliste stand. Das war ärgerlich. Manche warten ab und wollen erst mal wissen, wie ich funktioniere. Ich bin für meine Ärzte ein Phänomen, weil ich momentan der Einzige mit dieser Transplantation bin, der wieder so extrem körperlich arbeiten kann. Ein Wunder.

In Bayreuth sind Sie für eine Ihrer Paraderollen engagiert. Die hat schon vor einiger Zeit eine Umwertung erfahren: Der Beckmesser wird nicht mehr als Karikatur angesehen. Macht es das leichter?

In dieser Figur fließt vieles zusammen, auch Komik. Aber die muss immer im Augenblick entstehen. Wenn man den Clown machen will, wird die Rolle vorhersehbar, eindimensional und langweilig. Gerade weil Beckmesser keinen Humor hat, wird er für den Zuschauer mit seiner Schadenfreude komisch. In dieser Inszenierung wird es eher deftiger, aber ich darf ja nichts verraten... Egal, wo ich ihn singe, versuche ich zu verdeutlichen, dass dieser Mensch uns sehr nahe ist durch seine Unzulänglichkeit. Versagensängste hat jeder.

Und spüren Sie die Weihe Bayreuths?

Es ist natürlich eine Ehre, dass man am Mutterpunkt der Wagner-Musik in prominenter Position auftreten darf. Ich sage mir aber immer: Letztlich ist es egal, ob ich die Rolle in Coburg, Frankfurt oder eben hier in Bayreuth singe. Jedes Publikum verdient eine Bestleistung.

Sind Sie eigentlich ein Schnelllerner?

Komischerweise wird bei mir die Kluft zwischen Musik und Text immer größer. Die Töne lerne ich relativ schnell, beim Text bin ich manchmal ziemlich fantasievoll. (Lacht.)

Das kann beim Konversationsstück „Meistersinger“ ja heiter werden.

Na, den Beckmesser habe ich inzwischen im Kleinhirn.

Der funktioniert wie Autofahren?

Das nicht, der hat schon harte Kurven. Im zweiten Akt zum Beispiel lässt die Partie fast kaum Raum zum Atmen. Die Stimme lässt sich nur schwer beruhigen. Da kann man sich eher einen Kolbenfresser einfahren. Die Rolle wird in diesem Sinne nicht einfacher.

Wenn Sie morgens aufwachen: Denken Sie zuerst an den Beckmesser oder an die Krankheit?

In der Früh denke ich an die Krankheit, weil ich die vielen Pillen nehmen muss. Manche Kollegen sind auch ganz heiß darauf, dass ich alles erzähle, insofern bin ich hier dauernd damit konfrontiert. Aber sonst ist die Krankheit manchmal ganz weg aus meinem Bewusstsein. Das ist auch das Positive: Dass ich anderen zeige, wie offen man mit so einer Krankheit umgehen kann und sollte. Ich kann Mut machen.


Zur Information: Was bedeutet MDS?
Das Myelodysplastische Syndrom, kurz MDS, ist eine Art Blutkrebs. Dabei wird die Bildung roter oder weißer Blutkörperchen im Knochenmark behindert, Johannes Martin Kränzle litt an Letzterem in einer aggressiven Form. Der Patient ist einer extremen Gefahr von Infektionen ausgesetzt. Manche Ausprägungen von MDS werden mit Bluttransfusionen behandelt. Die einzige Therapie, MDS dauerhaft in den Griff zu kriegen, ist derzeit die Knochenmarkstransplantation. Dafür ist allerdings ein Spender notwendig, dessen Körpergewebe eine hohe Ähnlichkeit mit dem des Patienten aufweist. Bei Kränzle war dies ein Bruder. Das „alte“ Knochenmark wird dann durch Chemo- oder Strahlentherapie zerstört.

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