Bundespolizei räumt ICE zwischen Berlin und Hamburg - Hintergründe vorerst unklar

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„Vielleicht fallen die Kollateralschäden am Ende massiver ins Gewicht als die gesundheitlichen“, befürchtet Günther Groissböck.

OPERNSTAR ÄUSSERT SICH ZUR PANDEMIE

Günther Groissböck zu Corona: „Ich habe Angst vor Aktionismus“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Er sieht es anders als viele. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund: Opernsänger Günther Groissböck äußert sich zur Corona-Krise

Eigentlich hätte er in diesem Sommer erstmals den Wotan in Wagners „Ring“ singen sollen. Doch die Bayreuther Festspiele wurden abgesagt, das Mammutprojekt wird nun 2022 herausgebracht. Günther Groissböck treibt allerdings noch anderes um - es sind die seiner Meinung nach zu übertriebenen Maßnahmen in der Corona-Pandemie. Außerdem befürchtet der 43-Jährige eine Aushöhlung der Grundrechte.

Vor was haben Sie momentan am meisten Angst? 

Groissböck: Vor Aktionismus und politischen Überreaktionen. Vor Maßnahmen, die mehr schaden, als dass sie uns vor etwas bewahren. Die Krankheit selbst oder eine Infektion machen mir persönlich überhaupt keine Angst. Ich stelle noch immer eine Art Schockstarre bei vielen Menschen fest. Und es gibt eine große Zahlenverwirrung. 

Sie trauen den offiziellen Zahlen nicht? 

Groissböck: Doch, das schon. Maßgeblich sind für mich allerdings die Anzahl der Todesfälle, auch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, und die Zahl der Intensivpatienten. Infektionszahlen interessieren mich daher weniger, weil diese von der Testhäufigkeit in den einzelnen Ländern abhängen und damit nicht für einen Vergleich taugen. Darauf wird auch von kritischen Experten, sofern sie überhaupt noch zu Wort kommen dürfen, immer wieder ausdrücklich verwiesen, und man sollte das auch immer berücksichtigen. Es existiert bei uns nach wie vor eine Angst, dass das Gesundheitssystem kollabieren könnte. Nun haben wir aber bereits die dritte Woche mit extremen Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen, und in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Notlagen in dieser Form nicht annähernd eingetreten. Also wie lange sollen und können wir einen Zustand beibehalten, in dem in Grundrechte so vehement eingegriffen wird? Vielleicht fallen diese Kollateralschäden am Ende massiver ins Gewicht als die gesundheitlichen.

Es regt sich derzeit eine Art Widerstand, weil immer häufiger über die Rückkehr zur Normalität gesprochen wird. Der „Spiegel“ schrieb von einer möglichen „Revolution der Mittelschicht“. Wie wird das weitergehen in den nächsten Tagen?

Groissböck: Die soziale Frage könnte natürlich bald zum Problem werden. Die meisten Menschen, die in der freien Wirtschaft arbeiten, stehen momentan den Einschränkungen naturgemäß viel skeptischer gegenüber, als es zum Beispiel Beamte tun. Man spürt ein gewisses Rumoren und Hinterfragen, gerade weil man ahnt, dass das Wirtschaftssystem schwer geschädigt wird. Was man aber darüber hinaus nicht vergessen darf: Es geht auch und besonders um die Einschränkung von Freiheitsrechten, wie wir das seit dem Zweiten Weltkrieg so noch nie kannten. Steht das überhaupt im Verhältnis zu den tatsächlichen Gefahren? Auch Meinungskorridore und das Unterbinden von Kritik an den Maßnahmen der Regierungen, das in sozialen Medien bis hin zu Löschungen von Inhalten geht, könnte zu einer neuen Art des Aufbegehrens beitragen. Egal, wie die einzelne Meinung ausfällt – das freie Wort muss weiter erlaubt sein dürfen. Ich kenne einige Leute, die eigentlich hinter den Einschränkungen standen, aber nun auch aus diesen Gründen langsam aufmerken. 

Welche Alternativen schlagen Sie denn vor für die verhängten Maßnahmen? 

Groissböck: Ich hätte alles, so weit als möglich, laufen lassen. Man hätte eindringlichst und mit massiven Argumentationen die Risikogruppen warnen können – und ihnen jede erdenkliche Hilfe zur Verfügung stellen. Es ist eben ein Appell zur Eigenverantwortung. Für Berufstätige in einer solchen Gruppe hätte man einen Extra-Fonds einrichten können, damit sie nicht durchs Netz fallen. Der weit überwiegende Teil der Infizierten hat mit Corona wirklich so gut wie kein Probleme. Es geht natürlich auch ums Psychosoziale: Die Leute sind total verunsichert. Einerseits ging es bis vor Kurzem immer um eine kontrollierte Infektion der Nicht-Risiko-Gruppe, um schnellstmöglich die sogenannte Herdenimmunität zu erzielen, andererseits wird, auch durch die Medien befeuert, eine irrsinnige Panik vor Ansteckung verbreitet. Das finde ich irgendwie schizophren. Und dass manche Menschen die Situation nicht mehr aushalten, davon haben wir ja mittlerweile auch erfahren. 

Sie gehen von einer grundsätzlichen Vernunftbegabung aus. Und wenn man sich dann vor zwei Wochen die Massen an der Isar und in den Cafés anschaute...

Groissböck: Vernunftbegabung ist die Voraussetzung einer jeden freien, demokratischen Gesellschaft. Der Straßenverkehr zum Beispiel funktioniert doch nur so: Wir gehen davon aus, dass der andere die Regeln kennt und mir bei der nächsten Kreuzung eben nicht in den Wagen fährt. Wenn ich also einer Risikogruppe angehöre, dann muss mir klar sein oder klar gemacht werden, dass das mit der Isar im konkreten Fall wahrscheinlich keine gute Idee ist. Allerdings sehen gerade ältere und gefährdete Mitmenschen die Sache oft sehr viel entspannter, weil sie am Ende ihres Lebens einfach die Nähe zu ihren Liebsten suchen. Auch wenn sie sich damit einem erhöhten Risiko aussetzen, so ist für viele die Umarmung eines echten, nahestehenden Menschen viel wichtiger als die sterile, risikofreie Behandlung durch Pflegepersonal im Plastikoverall. Wir haben in unserer Familie gerade einen solch traurigen Fall, wo eben jemand bald in Einsamkeit und unter solchen Umständen sterben könnte. 

Es wird viel diskutiert: Was nehmen wir aus der Corona-Krise mit? Solidarität, sich neu besinnen auf das Zusammenleben... Was bleibt an Negativem? 

Groissböck: Diese positiven Aspekte sehe ich genauso. Wir können uns in dieser stillen Zeit nun auch wieder etwas darauf besinnen, was Leben überhaupt ausmacht – dass es auch Ungewissheit bedeutet und nicht alles kalkuliert werden kann. Das ist für unsere Vollkasko-Gesellschaft, die in ihrem totalen, mittlerweile leider sogar totalitären Materialismus diese Tatsachen auszublenden versucht, gar nicht so einfach. Das für mich Negativste ist, dass sich nun innerhalb kürzester Zeit wieder eine Art moralisierende Blockwart-Kultur entwickelt hat. Viel entscheidender ist aber: Was bleibt von den Einschränkungen unserer Rechte, von Maßnahmen, die uns quasi über Nacht überfallen haben? Als man zum Beispiel 2015 „temporäre Grenzkontrollen“ zwischen Österreich und Deutschland einführte, hieß es, das sei aufgrund der Flüchtlingskrise und nur auf drei Monate beschränkt. Jeder hat's -trotz Schengen- damals verstanden. Nach fast fünf Jahren gibt‘s diesen Unsinn noch immer. Von Verhältnismäßigkeit kann auch da überhaupt keine Rede mehr sein. Peu à peu werden so Grundrechte ausgehebelt, und es wird Vieles einfach so hingenommen. Man denke jetzt aktuell auch nur an die gerade diskutierte Überwachung per Handy. So etwas wollen wir doch nicht, oder? 

Ist das jetzt gerade die Zeit der starken Männer, hinter denen sich alle versammeln – ob hinter Markus Söder, Sebastian Kurz oder Christian Drosten? 

Groissböck: Ich denke und hoffe, dass das nur ein kurzfristiges Phänomen ist. Sich profilierende Hardliner müssen aufpassen, weil die Stimmung bei solch drastischen Maßnahmen auch schnell kippen kann. Verunsicherte, verängstigte Menschen sehnen sich in solchen Krisensituationen oft reflexartig nach einer starken Hand. Ich bin zum Beispiel sehr gespannt, wie lange man in einem Land wie Frankreich, wo es – siehe Gelbwesten – ein hohes, soziales Explosivpotenzial gibt, die Leute noch in ihren Wohnungen einsperren kann. In den nächsten beiden Wochen wird das sicher spannend. 

Wie geht es Ihnen eigentlich in der Situation jetzt?

Groissböck: Ich war in der vergangenen Woche völlig am Boden. Man hat einen Kalender, der so verrückt ist, weil man von einem Höhepunkt zum nächsten jagen darf – und plötzlich wirst du sozusagen von 200 auf Null heruntergebremst. Vor allem ist für mich das Singen viel mehr als ein Beruf. Beinahe etwas Überlebenswichtiges. Natürlich trifft einen das auch wirtschaftlich hart. Und man mag sich als freier Künstler gar nicht ausmalen, wie es ist, wenn alles noch bis zum Herbst anhält. Ich mache mir ernsthaft Gedanken über einen beruflichen Plan B.

Als Jürgen Klopp einmal zu Corona gefragt wurde, hat er den Fragesteller wütend niedergebügelt: Er sei als Trainer kein Experte. Und wenn nun Menschen sagen: Was will Günther Groissböck überhaupt, der soll lieber singen? 

Groissböck: Das würde ich ja gern! Ich rede ja auch kaum über die Krankheit oder das Virus an sich. Mir geht’s nur um harte Fakten wie Todesfälle und Intensivpatienten, die dann solch extreme Maßnahmen rechtfertigen sollen. Mein Vater war Arzt, meine Schwester ist Ärztin und mein Schwager ist auch Arzt, immerhin ist da also ein gewisses familiäres, medizinisches Umfeld vorhanden. Aber ich bin klarerweise kein Experte, auch wenn ich bei diesem Wort immer skeptisch bin und ich mich sofort frage: Woher kommt der betreffende Experte? Von wem wird er bezahlt? Wem steht er in der Pflicht? Das muss alles immer hinterfragt werden, ob in Kultur, Politik, Journalismus oder eben auch in der Wissenschaft. Jürgen Klopp wurde außerdem zu einem relativ frühen Zeitpunkt der Krise gefragt. Damals hätte ich wohl auch so reagiert. Aber mittlerweile darf sich in dieser heiklen Situation keiner mehr um eine Meinung drücken. Denn das Argument „Wir haben es nicht wissen können“ gilt diesmal nicht! Und damit wären wir wieder bei Demokratie, Mündigkeit und Eigenverantwortung.

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