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Energiebündel und Menschenfreund: So wie sich Martin Grubinger an Schlaginstrumenten aller Art austobt, so engagiert er sich auch gesellschaftlich.

Gastspiel beim BR-Symphonieorchester

Martin Grubinger: Mit Musik gegen den braunen Sumpf

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Martin Grubinger gastiert beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit einem Schlagzeugkonzert des Finnen Kalevi Aho. Musikalisches und Politisches fließen da zusammen - ganz im Sinne des Star-Perkussionisten.

München - Wenn Martin Grubinger in der kommenden Woche zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kommt, stellt er Kalevi Ahos Schlagzeugkonzert „Sieidi“ vor. Mit Kultinstrumenten aus vielen Ländern tastet sich der 34-Jährige von Afrika über Arabien bis in den hohen Norden vor. Das Konzert am 23. Februar im Herkulessaal findet im Rahmen des Merkur-Konzertabos statt.

-Internationaler kann man sich ein Stück kaum vorstellen. Das Beste aus allen Musikwelten?

Absolut! Ich sage immer, das Schlaginstrument ist der beste Botschafter der Globalisierung. Zwei Jahre hat bei uns ein syrischer Flüchtling gewohnt. Als er mich die Darbuka spielen sah, war er begeistert: „Wow! Das ist ein Instrument aus meiner Heimat!“ Er hat sich sofort zu mir gesetzt und mit mir gespielt. Ich habe gemerkt, dass er so etwas wie Heimweh empfunden hat. Wie wenn ich im Ausland Mahler höre oder Bruckner – dann assoziiere ich gleich das Salzkammergut, die Natur und alles, was ich an Österreich so liebe.

-Insofern kann Musik auch eine große Macht haben. In Österreich wird über die Burschenschaft Germania diskutiert, deren Liederbuch Nazi-Texte enthält.

Musik kann in einem positiven Rahmen Großartiges bewirken, Menschen können sich durch sie unmittelbar verbunden fühlen. Doch auf derselben Ebene hat Musik die Kraft, für schreckliche Dinge zu emotionalisieren. Nehmen wir diese Nazi-Lieder – das ist etwas, was mich zutiefst erschüttert. Aber was noch schlimmer ist, wie die FPÖ mit dieser Sache umgeht, unser Bundeskanzler aber gleichzeitig nicht die nötigen Schritte unternimmt, um zu sagen: „Mit diesen Leuten wollen wir keine Regierung bilden.“ Das ist genau das Problem in Österreich.

-Sie äußern sich politisch sehr deutlich. Finden Sie, als Person des öffentlichen Lebens ist man dazu ein Stück weit verpflichtet?

Ich denke, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Menschen wie der Pianist Igor Levit beeindrucken mich, der mit einer großen Leidenschaft für seine Überzeugungen einsteht. Genauso wie viele andere, die sich für ein gemeinsames, wirklich gemeinsames Europa einsetzen. Wissen Sie, mein persönlicher Zugang ist der: Ich spiele Musik von Xenakis, ein Mann, der vor dem Regime in Griechenland ins Exil flüchten musste. Ich spiele Musik von Strawinsky, von Bartók, von Friedrich Cerha – jemand, der zweimal aus der Wehrmacht geflohen ist und der sich dann dem Widerstand angeschlossen hat. Der zu mir sagt: „Martin, in meiner Musik verarbeite ich nach wie vor meine Erlebnisse.“ Das heißt, ich spiele Komponisten, die eine essenzielle Botschaft in ihrer Musik transportieren wollen. Die sagen, Musik ist nicht bloß dazu da, die Leute zu bespaßen. Das auch natürlich. Doch wenn ich diese Werke spiele, hat das für mich einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Und so will ich mich auch als Person engagieren.

-Was motiviert Sie dazu?

Ich glaube einfach an den Humanismus, an die humanistischen Grundwerte, an Demokratie, an Meinungsfreiheit, an Menschenrechte. Und was bei uns in Österreich passiert, ist ganz, ganz, ganz gefährlich. Diese rassistische Partei müssen wir als Künstler mit allen demokratisch legitimen Mitteln bekämpfen. Man muss laut sagen, dass es nicht sein kann in einem gemeinsamen Europa, dass die FPÖ mit ihrem braunen Sumpf Österreich auch international in ein ganz schlechtes Licht stellt.

-Wenn man in den Sozialen Netzwerken schaut, sieht man eine große Allianz gegen die FPÖ. Macht Ihnen das Hoffnung?

Wissen Sie, ich habe immer das Gefühl, wir leben in den Sozialen Netzwerken in unserer Blase, wo wir uns gegenseitig bestätigen, dass nicht alles ganz schlimm ist – aber gleichzeitig haben die FPÖ, die AfD, der Front National und wie sie alle heißen einen noch viel stärkeren Hebel als wir Künstler. Deshalb müssen wir im besten Sinne Kampfgeist entwickeln. Und rauskommen aus unserer Blase. Ich lebe auf dem Land. Da hat die FPÖ unglaublich Zuspruch. Aber auch deswegen, weil wir als Gesellschaft diese Regionen ein bissl aufgegeben haben. Das Postamt hat zugesperrt, die Eisenbahn hält nicht mehr, die Polizei ist weg, der Arzt ist weg – viele Leute machen sich Sorgen, wie sie weiterleben können, wenn die Infrastruktur kaputtgemacht wird. Alles orientiert sich in Richtung urbaner Raum. Diese Leute haben das Gefühl, sie sind in einem Land wie Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, Bürger zweiter Klasse. Um diese Leute müssen wir uns kümmern.

-Wie?

Wir müssen dorthin gehen, wo die FPÖ-Wähler sind und die überzeugen und sagen: „Schaut’s genauer hin! Überlegt’s euch genauer, wen ihr wählt.“ Ich lebe in einer Umgebung, in der die Kirche eine zentrale Rolle spielt. Doch was hat das mit den christlich-sozialen Prinzipien zu tun, wenn wir die FPÖ oder die AfD wählen? Die sind zutiefst menschenverachtend.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

Konzerteinführung mit Martin Grubinger am 23. Februar, 18.45 Uhr, im Münchner Herkulessaal. Es moderiert Merkur-Redakteur Markus Thiel.

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