Brand an der Wiesn - Einsatz läuft - Beißender Gestank in der Luft

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„Bei uns dreht es sich nicht nur um Blödsinn und Karikaturen“: Szene aus „Der tapfere Soldat“ von Oscar Straus.

INTERVIEW ZUR GÄRTNERPLATZ-PREMIERE

Peter Konwitschny: „Bayern lachen ungern über Helden“

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Das hat aber lang gedauert: Mit einer Militärsatire debütiert Peter Konwitschny am Münchner Gärtnerplatztheater. Am 14. Juni hat „Der tapfere Soldat“ von Oscar Straus Premiere.

München - Ein Schweizer Geschäftsmann bandelt in serbischer Uniform mit einer bulgarischen Schönheit an, deren Papa mit dem künftigen Gatten im Krieg gegen die Serben kämpft: So etwas Abstruses passiert nur in der Operette. Oscar Straus schrieb seine Groteske „Der tapfere Soldat“ nach dem Theaterstück „Helden“ von George Bernard Shaw. Genug satirisches, sozialkritisches Futter für Peter Konwitschny (73). Einer der wichtigsten Regisseure unserer Zeit debütiert damit am Münchner Gärtnerplatztheater, Premiere ist am 14. Juni.

„Auf der Musiktheater-Bühne dreht es sich viel zu oft ums Design“, findet Peter Konwitschny (73).

Die Bundeswehr muss sich ADAC-Hubschrauber für Übungen ausleihen, nur ein Bruchteil der Panzer ist einsatzbereit: Wird auch im Falle der Armee die Satire von der Realität überholt?

Konwitschny: Es scheint so. Das Kriegsspiel wird beim „Tapferen Soldaten“ ziemlich verhohnepipelt, aber das liegt auch Shaws Vorlage. Unsere Geschichte hier ist nicht so zeit- oder ortsgebunden, sie hat andere Dimensionen. Es geht um die Abschaffung der Soldaten insgesamt. Auch in uns gibt es schließlich Militantes, dazu muss man kein Gewehr in der Hand halten.

Es gibt schier unzählige Soldaten-Satiren. Birgt das Militär per se komisches Potenzial?

Konwitschny: Ja, zum Beispiel das dauernde Anbrüllen. Auch das Strammstehen. Das alles muss angeblich sein, damit diese Maschine funktioniert, ist dem Menschen aber gar nicht angemessen. Daraus kann man ziemlich schnell Satirisches gewinnen. Dennoch: Das Thema ist im Wortsinn blutiger Ernst, auch das muss auf der Bühne gezeigt werden. Es dreht sich nicht nur um Blödsinn und Karikaturen.

Aber hat sich die Operetten-Regie nicht ohnehin verändert? Das sieht doch heute nicht mehr so aus wie im Nachkriegsfilm mit Peter Alexander.

Konwitschny: Jein. Es sieht oft nicht mehr plüschig und pseudo-historisch aus. Aber anstelle dessen sind keine konkreten gesellschaftlichen Aussagen getreten. Es dreht sich weiter ums Design, das kennen wir auch aus der Oper. „Rigoletto“ im Schlachthaus zum Beispiel. Wichtig ist immer die Ästhetik, aber die Sänger transportieren dabei genauso wenig vom Inhalt ihrer Rolle wie in den Fünfzigerjahren.

Es wirkt auf vielen Opernbühnen, als dämmere da ein zweites Barockzeitalter herauf: modernistische Ausstattungen, die Konvention nur tarnen.

Konwitschny: Ich würde sogar noch weitergehen: Es ist eine Form von Lüge. Und damit macht man es sich viel zu einfach. Schwieriger ist es doch, auf diese ganzen szenischen Mittel zu verzichten, um den Kern des Stücks freizulegen. Den Regiestudenten wird schon in der Ausbildung ausgetrieben, etwas Eigenes, Selbstreflektiertes auf die Bühne zu bringen. Der Impuls wird abgetötet, ein Stück aus dem eigenen Körper heraus, aus eigenen Ängsten, Erfahrungen und Emotionen heraus zu denken – und damit den Inhalt als Ausgangspunkt zu nehmen. Also sucht man Zuflucht beim Design. Bei unserem „Tapferen Soldaten“ wird es herzlich wenig auf der Bühne geben. Anfangs und am Ende ein Bett, im zweiten Akt ein Rosen-Rechteck. Das Bett ist allerdings so gebaut, dass es zusammenbrechen kann, teilweise wie von Geisterhand.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie heute mehr als früher inszenieren. Weil Sie das aktiv verfolgen oder weil es Ihnen passiert?

Konwitschny: Vielleicht ist es auch die Angst vor dem Ende. (Lacht.)  Es mag sein, dass ich Aufträge annehme, bei denen ich mir irgendwann sage: Puh, das wird eng. Andererseits fühle ich mich gerade gut drauf.

„Die Probensituation ist das eigentliche Leben für mich“ – auch so ein Zitat von Ihnen. Eine gefährliche Aussage: Man muss ja wieder raus aus dem Theater auf die Straße.

Konwitschny: Genau. Inzwischen habe ich aber gelernt, dieses Leben zu leben – als Ehemann und Vater. Ich hänge eben mit einer so wahnsinnigen Spannung und Lust an meiner Arbeit. Das Tolle ist doch: Ich habe eine Aufgabe, mit der ich Leben darstellen kann. Und die Stücke wiederum helfen mir. Stücke, in denen sich Menschen lieben wollen, sich belügen oder am Ende sind. Regie-Arbeit in einem großen Kollektiv kann massives Glück verursachen. Ich bin ja, was unsere Zivilisation angeht, ein Pessimist. Trump, der allgemeine Rechtsruck, die zunehmende Intoleranz, das sind alles Symptome einer viel größeren Sache. Auf der anderen Seite gibt es mein eigenes Leben und den Willen, gegen die allgemeine Entwicklung Laut zu geben. Bevor ich tot bin, will ich nicht tot sein.

Fühlen Sie sich manchmal als Feigenblatt? Nach dem Motto: Ich hole mir den Konwitschny, der garantiert für Aufmerksamkeit und mischt den Laden mal auf?

Konwitschny: Vielleicht. Sicher wird man von einem System vereinnahmt. Aber dann ist die Sache ja an mir. Als mich die Salzburger Festspiele einmal kurzfristig als Einspringer für Luc Bondy holten, hätte ich sagen können: „Jahrelang nicht und jetzt so plötzlich? Ihr spinnt wohl!“ Aber nein, ich habe mein Ding durchgezogen. Und es hat großen Spaß gemacht.

Wie ist es eigentlich um Ihre militärische Erfahrung in der damaligen DDR bestellt?

Konwitschny: Ich hatte Glück. Bei mir ist der fünfte Lendenwirbel nicht in Ordnung, da fehlt ein Stückchen. Normalerweise merkt man das nicht. In der Schule war ich in Hoch- und Weitsprung der Beste. Durch diese ständige Belastung hat sich der Defekt verstärkt. Da stellte mir der Arzt ein Attest aus, damit war ich befreit. Den Schrieb, dass ich ausgemustert bin, habe ich heute noch – auch wenn’s den Staat gar nicht mehr gibt.

Waren Sie als Kind von Waffen fasziniert?

Konwitschny: Na klar. Ich hatte ein Luftgewehr. Der Sekretär meines Vaters (der Dirigent Franz Konwitschny, Anm. der Red.)  brachte mir bei, auf welche Vögel ich schießen durfte. Mittlerweile besitze ich natürlich keine Waffe mehr. Mir leuchtet das aber sehr ein, warum Leute auf die Jagd gehen. Man bringt den Tod. Das ist eine Art Allmachtsfantasie. Die bekommen manchmal auch Dirigenten, wenn sie meinen, Gott zu sein.

„Der tapfere Soldat“ wird im angelsächsischen Raum besonders gern gespielt. Lachen eigentlich Deutsche oder Österreicher anders über Militaristisches?

Konwitschny: Das weiß ich nicht. Ich lebe ja seit einigen Jahren in Bayern. Und manchmal denke ich, dass der Humor hier mit dem Glauben zu tun hat. Das Lachen über Helden wird da oft als Sünde empfunden.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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