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„Gerade wir Künstler haben es mit humanistischen Werten zu tun. Das sollte zu Konsequenzen führen.“ Igor Levit (30) gastiert am 9. und 12. August in Salzburg – und wird vielleicht nicht nur spielen.

VOR DEN KONZERTEN BEI DEN SALZBURGER FESTSPIELEN

Igor Levit: „Schweigen ist schlimmer Luxus“

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Nur als Lieferant von - allerdings herausragend interpretierter - Klaviermusik ist Igor Levit schon lange nicht mehr zu haben. Ein Gespräch mit dem 30-Jährigen über die Rolle des Künstlers auch als politisches Wesen.

Salzburg - Beim Start der Londoner Proms-Konzerte hat er gerade hintergründigen Brexit-Protest geübt: Als Zugabe spielte Igor Levit eine Bearbeitung des „Freudenthemas“ aus Beethovens Neunter, die Europa-Hymne. Der 30-Jährige hat sich nicht nur in die olympischen Ränge der Pianistenszene gespielt, auch abseits der Musik wird er wahrgenommen als sehr aktiver Teilnehmer am politischen Tagesgeschäft – nicht zuletzt durch seine Präsenz auf Twitter und Facebook. Am 9. und 12. August tritt Levit bei den Salzburger Festspielen auf; unter anderem auf dem Programm: Schostakowitschs Präludien und Fugen sowie die Revolutions-Variationen „The People united will never be defeated“ von Frederic Rzewski.

Sie haben auch während eines Brüsseler Konzerts ein Statement verlesen. Wird der Protest jetzt zum Regelfall?

Igor Levit: Wann immer ich etwas sagen muss und sagen will, werde ich es tun.

Nervt es, dass alle Igor Levit, den Twitterer, porträtieren wollen?

Levit: Nein. Es nervt nur, wenn die Leute sagen: „Ach, was bist du mutig.“ Um diese Kategorie geht es doch gar nicht.

Besteht trotzdem die Gefahr, dass man abgestempelt wird – oder bedienen muss, was die Netz-Gemeinde erwartet?

Levit: Ich bin immer sehr anarchisch an solche Dinge herangegangen. Ich schmiede aber keine Pläne und nehme mir nie vor, pro Tag irgendetwas absetzen zu müssen. Twitter habe ich kennengelernt, als die Piratenpartei hochkam. Ich fand dieses Medium sofort witzig und intuitiv. Aber ich sehe die Nutzung nicht als Gefahr.

Und warum nutzen nicht mehr Künstler dieses Medium offensiv? Weil sie es sich gemütlich in ihrem Berufswohnzimmer eingerichtet haben und sich nicht trauen, den Mund aufzumachen?

Levit: Ganz unabhängig von den Künstlern: Ich verlange von niemandem, dass er sich per se zu irgendetwas äußert. Und schon gar nicht schreibe ich dabei das Medium vor. Aber jemand, der auch aus beruflichen Gründen durchs Leben läuft, die Augen offen hält und dabei wie wir Künstler mit Werten, Inhalten, Haltungen, Meinungen konfrontiert wird, kann nicht einfach stillhalten. Alles andere wäre inkonsequent. Ich verlange, dass sich die Menschen bewusst sind, was passieren kann, wenn man zu bestimmten Entwicklungen schweigt. Zu sagen, der Alltag interessiert mich nicht, gerade als Künstler, ist ein Luxus allerschlimmster Sorte. Bei so was fallen mir gleich die Resthaare aus.

Müssen wir also politische Meinungen einfordern? Muss sich der Russe Valery Gergiev zur Krim-Politik äußern? Hätte man vom US-Amerikaner Lorin Maazel verlangen sollen, zu Guantanamo Stellung zu beziehen?

Levit: Nochmals: Keinem kann etwas vorgeschrieben werden. Aber wir Künstler haben es ja in der Auseinandersetzung mit den Werken auch mit humanistischen Werten zu tun. Und das sollte zu Konsequenzen führen. Man beruft sich leicht und gerne auf Großes. Doch wenn’s mal wirklich aktuell und dringlich wird...

Begünstigen die Sozialen Netzwerke nicht eine Nivellierung von Themen? Bald werden Trump-Tweets doch nurmehr belächelt, die Empörung ist weg.

Levit: Das kann schon sein. Und es gibt genug – ich vermeide jetzt ein Schimpfwort –, die diese Medien pervertieren. Aber eine Kollegin von Ihnen sprach neulich vom „Social-Media-Gebrabbel“. Das finde ich echt arrogant, aus dem gemütlichen, sicheren Deutschland heraus so zu argumentieren. Andere hat ein angebliches „Gebrabbel“ ins Gefängnis gebracht. Für viele ist es die letzte verbliebene und damit existenzielle Mitteilungsplattform. Ich bin natürlich nicht in einer solchen Situation. Aber allein, dass ich die lebensnotwendige Funktion der Sozialen Netzwerke mitbekomme, verändert etwas in mir. Gemeint sind also nicht Tweets wie: „Toll, in vier Stunden beginnt mein Konzert.“ Twitter ist so viel mehr als das!

Ist das nicht ein Widerspruch: im Netz für Neuerungen, Umdenken eintreten und dann ein Rädchen des rückwärtsgewandten Konzertbetriebs zu sein wie jetzt in Salzburg?

Levit: Ja, es ist zum Teil schizophren und ein Konflikt. Aber ich will nichts missen von diesem Betrieb. Ich habe eine sehr hohe Meinung vom Publikum. Außerdem suche ich ja das Gespräch mit den Leuten. Ich spiele nicht ein Revolutionsstück wie „The People United“, hole mir den Applaus ab und sage dann: „Danke, auf Wiedersehen.“

Wie wird ein Konzert in 15 Jahren aussehen? Immer noch Frontalunterricht, bei dem man sich schweigend Inhalte abholt und bestenfalls bereichert wird?

Levit: Das wird sich ändern. Einfach auch, weil sich das Publikum verändert, gottlob. Ich bin keiner, der etwas für tot erklärt und das Alte gegen das Neue ausspielt. Der Musikmarkt ist nicht bedroht. Der Werk-Kanon wird sich verändern, auch die Form der Präsentation, mag es den Freunden der Tradition passen oder nicht. Ich hatte auch nie Zukunftsängste, was meinen Beruf betrifft. Es kommt immer etwas anderes, oft aufregend Neues nach. Schließlich gab es nach Callas und Fischer-Dieskau durchaus noch Sänger.

Bedeutet das auch, dass die Rolle der Interpretation in der öffentlichen Wahrnehmung immer kleiner wird? Weil immer mehr Menschen die Stücke gar nicht kennen?

Levit: Finde ich gar nicht schlimm. Alles dreht sich um den Fetisch Interpretation. Es geht vielmehr auf beiden Seiten der Rampe ums Verstehen, um Kommunikation, um das, was ein Klang in mir und den anderen auslösen kann. Wenn ich die Taste drücke und Glück höre, kann ich nicht garantieren oder verlangen, dass dies im Parkett ebenfalls so ist.

Jetzt machen Sie die Sache etwas klein. Es ist doch schade, wenn Strukturen von Werken nicht mehr erkannt werden und alle nur noch genießen wollen.

Levit: Einverstanden. Ich würde nie sagen, dass ein solches Wissen ein Unding oder verzichtbar ist. Aber es ist eben nur ein Aspekt unter mehreren.

Geht’s eigentlich mal ohne Musik und Smartphone? Igor Levit am Strand mit Comic-Heft?

Levit: Pfff, ich war schon lange nicht mehr am Strand. Und beim letzten Mal gab’s einen fetten Sonnenbrand. Ich bin einfach gern in Bewegung. Dabei kann ich am besten nachdenken. Außerdem bin ich sehr menschenfixiert, das inspiriert mich.

Andererseits verschließen Sie sich auch. Es gibt im Netz nur Spurenelemente von Privatem. Man erfährt viel über Ihre politischen Meinungen. Man sieht kleine Musikausschnitte, aufgenommen in der Wohnung. Oder Fotos auf Reisen. Aber man erfährt zum Beispiel nicht, wer die Fotos gemacht hat.

Levit: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. In meine Wohnung muss ich nicht unbedingt per Video Einblicke gestatten. Die sieht nicht dementsprechend aus. Das wäre doch langweilig.

Auf gar keinen Fall. Das gäbe irrsinnig viele Klicks.

Levit: Ach,  lasst  doch  die  Kirche im Dorf. Der unglaubliche „New York Times“-Kolumnist Charles M. Blow hat etwa 375.000 Follower, bei mir sind es  etwas über 6000. Ich bin nur ein kleines Licht.

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