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„Beethoven wendet sich an den angstfreien Interpreten“, sagt Pianist Igor Levit (32).

INTERVIEW ZUM BEETHOVEN-JAHR

Igor Levit über Beethoven: „Er reißt etwas aus mir heraus“

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„Beethoven zu spielen, ist nicht genug“, findet Pianist Igor Levit. Deshalb dieses Interview zum demnächst losbrechenden Gedenkjahr. 

Spätestens seit seiner CD-Box mit den 32 Klaviersonaten, die im Herbst herauskam, gilt Igor Levit (32) als einer der Beethoven-Interpreten. Ohne Ludwig kann der Mann einfach nicht, das war schon in Levits Kindheit so. Dass es zur Pflege des Komponisten viel Kritisches zu sagen gibt, versteht sich bei diesem auch unbequemen Pianisten von selbst. Eine Begegnung an Igor Levits Wohnort Berlin.

Muss man Beethoven schützen? Als Komponist, dessen Werke so häufig missbraucht wurden und werden?

Levit: Daran werden wir nichts mehr ändern können. Der Kraftakt lohnt sich also nicht. Es geht auch gar nicht darum, ihn zu schützen, sondern den ganzen Beethoven in seiner Verschiedenheit offenzulegen. Das betrifft die selten gespielten Werke, seine musikalischen Wurzeln und Verwandtschaften, aber auch Persönliches.

Was hat diese Musik, dass sie missbraucht werden kann, dass sie taugt für den repräsentativen Anlass? Mit Mozarts „Zauberflöte“ werden keine Opernhäuser eingeweiht, mit dem „Fidelio“ schon.

Levit: Die Neunte ist ein Paradebeispiel für alles Schöne und, wenn man viele ihrer Aufführungen im politischen Kontext bedenkt, für alles Schreckliche, was mit ihr und um sie passiert. Ich frage mich immer: Wofür steht dieses Stück? Vielleicht ist es gar nicht so weltumfassend, so übervoll mit Aussagekraft, wie wir alle denken. Und dann erleben wir, wie sie 2017 beim Hamburger G20-Gipfel gespielt wird. Zutiefst Empathisches, Humanes als Garnierung für Erdogan, Putin und Trump – ein Sündenfall. Oder man nehme Macron, wie er zu den Klängen des Freudenthemas, also der Europahymne, über den Platz des Louvre schreitet und sich an sich selbst berauscht.

Ist Beethoven interpretatorisch gesehen unkaputtbarer als Komponisten wie Schumann oder Schubert? Hält er mehr aus?

Levit: Das ist ein weites Feld: Welches grundsätzliche Entscheidungsrecht habe ich als Interpret? Ich bin da ziemlich klar. Im Prinzip darf ich doch alles machen. Wer soll mir das verbieten? Ob ich tatsächlich so handle, ist dann eine andere Frage. Wir können doch nicht staatstragend über die Freiheit des Individuums philosophieren, und ausgerechnet bei der künstlerischen Freiheit soll es plötzlich Grenzen geben. Was würde mit der „Mondschein-Sonate“ passieren, wenn ich sie plötzlich sehr, sehr laut spiele? Ich glaube, sie wäre immer noch ein grandioses Stück Musik. Ich gebe Ihnen aber Recht: Es kann wirklich sein, dass Schumann und Schubert weniger aushalten.

Wie begegnet einem der Mensch Beethoven in seinen Werken? Gerade vor dem Hintergrund des wilden, fast unlesbaren Schriftbilds seiner Originalnoten. Als Dauerzweifler? Sind die Werke nur Durchgangsstationen, weil er sie später nochmals ganz anders komponiert hätte?

Levit: Genau so ist es. Er benutzt auch ständig Worte in seinen Partituren, die wir nicht richtig definieren können. Es ist ein Unterschied, ob ich „Ritardando“ oder „Crescendo“ schreibe – oder wie er „mit innigster Empfindung vorzutragen“, „dämmernd“ und „schwankend“. Neulich im Unterricht hatte ich einen Aha-Moment. Eine asiatische Studentin, eine tolle junge Pianistin, die ganz gut Deutsch spricht, fragte mich entwaffnend: „Was heißt eigentlich innig?“ Ich habe dann einen Riesenvortrag gehalten, was alles innig sein kann: Liebe, Wut und so weiter. Bis ich meinte: „Ich kann nur sagen, was für mich innig ist.“ Busoni meinte, der Akt des Niederschreibens von Noten, also der Überführung von dem, was ich im Kopf habe, auf das Blatt Papier, sei ein Akt der Eingrenzung, des Einsperrens. Die Aufgabe des Interpreten sei es daher, alles wieder freizulassen. Ich glaube daher ganz sicher, dass Beethoven die „Mondschein-Sonate“ zehn Jahre später ganz anders geschrieben hätte – als ein komponierender Interpret, der er ja war. Und dann stellen sich manche auf die Bühne und meinen: „Ich spiele nur, was Beethoven schreibt.“ Als ob dieser schrecklich falsch verstandene Purismus einem Werk gerecht werden würde.

Es heißt, dass bestimmte Stücke unspiel- und unsingbar seien. Das Finale der Neunten, die Missa Solemnis, die Große Fuge... Muss man bei der Aufführung die Anstrengung mithören? Ist das Fast-Scheitern einkomponiert?

Levit: Absolut. Es gibt ein paar Stellen in den Sonaten, die ich – rein physisch gesehen – nicht ganz ausspiele, weil ich es einfach im Gesamtkontext nicht kann und mir die Dinge einteilen muss. Stücke, die jedes Mal zum Ritt auf der Rasierklinge werden.

Welche Interpreten hatte er im Sinn? Schrieb er für reale Aufführungen oder doch für fiktive Idealinterpreten?

Levit: Er wendet sich an den angstfreien Interpreten. Diese Stücke verlangen eine absurde Reaktionsschnelligkeit. Und Selbstsicherheit. Wenn man nur mit dem Bewältigen beschäftigt ist, wird es schnell sehr, sehr schwer. Kann sein, dass der angstfreie Interpret wirklich ein fiktives Ideal ist. Bestimmte Stellen der „Hammerklavier-Sonate“ sind vor diesem Hintergrund Utopie.

Gibt es eine Art Beethoven-Stil? Grundzutaten, die es für seine Interpretationen braucht?

Levit: Ich glaube schon. Es dreht sich dabei um das Verständnis seiner Vortragsanweisungen – also darum, wie sein Text zu lesen ist. Zum Beispiel gibt es in der Einleitung der Sonate „Les Adieux“ kein einziges Pianissimo außer im allerletzten Takt. Was bedeutet das für die Takte zuvor? Was bedeutet überhaupt, dass Beethoven fast nie Mezzopiano oder Mezzoforte schreibt, also eine mittlere, gemäßigte Dynamik? Was heißt es, dass er wohl der Erste war, der ein dreifaches Fortissimo verlangt? Oder dass er bewusst Bindebögen setzt und an Parallelstellen keine? Wenn ich einen Interpreten frage, welche Dynamikvorschrift in einem bestimmten Takt zu finden ist, dann erwarte ich, dass er es weiß. Das Verständnis dafür ist extrem wichtig – um dann in der Aufführung vollkommen frei und bewusst damit umzugehen. Und wenn Beethoven schreibt „Prestissimo“, dann heißt das: Los, gib’ alles, was Dir möglich ist. Er fordert permanent einen Grenzzustand.

Wie kann man sich wie Sie als Kind ausgerechnet in die rätselhafte Missa Solemnis verlieben?

Levit: Ein Live-Erlebnis ist daran schuld. Es war so laut, so groß, so überwältigend, so irre. Ich habe sie dann am Klavier rauf und runter gespielt. Irgendwann habe ich mir für sehr viel Geld das Faksimile der Partitur gekauft. Es ist so schön zu sehen, wie er gerungen hat, wie er sich verhalten hat zum Text.

Nikolaus Harnoncourt meinte, ihm seien Komponisten suspekt, die ständig „Ich“ in ihren Werken sagen. Keinen interessiere, wenn einer die Magenverstimmung seiner Frau komponiere. Wie ist das
bei Beethoven?

Levit: Ich kenne keinen Komponisten, der so stark „Ich“ sagte wie Beethoven – wobei es bei ihm ja gerade nicht um belanglos Privates geht. Er spricht nicht eitel von sich. Ich empfinde seine Musik in allen Schichten, in den schönsten und furchtbarsten, als gewalttätig. Da greift jemand ohne Erlaubnis in mich hinein und reißt etwas heraus. Ich meine gewalttätig im Sinne von unmittelbar, viel zu nahe gehend – gegenüber dem Hörer, dem Interpreten und auch dem Instrument. Es ist eine zutiefst individuelle Musik, die Gemeinschaft erzeugt.

War Beethoven ein sympathischer Mensch?

Levit: Ich glaube nein. Aber mit Blick auf seine Kunst ist mir das auch egal.

Warum wird er von den Deutschen auf den Sockel des Nationalkomponisten gestellt?

Levit: Das hat sehr viel mit der Wiedervereinigung zu tun. Und zum Beispiel mit dem Beethoven-Jahr 1970, als der 200. Geburtstag gefeiert wurde. BRD und DDR kämpften da um „ihren“ Beethoven. Er ist eine Identitätsfigur wie Goethe, dazu kommt der politische Kontext seiner Musik. In unserem Land wird ja immer auf eine extreme Art mit Geschichte umgegangen. Man muss sich sofort zu einem Ereignis verhalten, und dann zählen nur Schwarz oder Weiß. Wenn ich mir das Konzertleben so angucke, dann scheinen wir in jedem Jahr Beethoven-Jubiläum zu feiern. Bei uns gibt es eine Tendenz, die Musik als Ersatz für irgendetwas behandelt. Da kommt Beethoven gerade recht mit seinen Botschaften. „Alle Menschen werden Brüder“. Wunderbar, kann keiner was dagegen sagen. Eine echte Auseinandersetzung mit Text und Sinn wird aber verschleiert – oder im Falle von Beethoven einfach überdröhnt. Die Aufführung seiner Musik ist kein Ersatz für Toleranz, für Empathie, für Wahrheit. Beethoven zu spielen, ist nicht genug. Ich rette nicht die Welt mit der Neunten.

Wird 2020 daran etwas ändern? Oder erschöpft sich alles in Ritualen?

Levit: Wahrscheinlich wird es größtenteils bei Ritualen bleiben. Aber immerhin wird man. häufiger zu diesem Thema gefragt und kann den Umgang mit Beethoven dann kritisieren.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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