+
Mit seinem Album „Vincero!“ wagt sich Piotr Beczala vor in den Verismo.

INTERVIEW

Piotr Beczala: „Opernregie ist wie essen“

  • schließen

Gespräch mit Piotr Beczala über seine ersten Verismo-Erkundungen, die Corona-Quarantäne und Inszenierungen, die bloß satt machen.

Als strahlenden, noblen Stilisten kennt man Piotr Beczala. Doch das wird jetzt ein bisschen anders. In der kommenden Saison singt der polnische Star seinen ersten Radames in einer „Aida“ an der New Yorker Met. Und auch sonst will der 53-Jährige kleine Ausflüge ins Schwergewichtigere unternehmen, quasi in die Dunkelkammern des Tenor-Repertoires. Dokumentiert ist das alles auf seiner neuen CD „Vincero!“.

Eben noch an der New Yorker Met, jetzt im idyllischen polnischen Haus in der Zwangspause. Wie kam das?

Beczala: Das war ein bisschen abenteuerlich. Ich wurde einen Tag vor der Generalprobe von „Werther“ arbeitslos. Da meine Frau und ich leicht erkältet waren, durften wir nicht fliegen. Als wir einigermaßen okay waren, waren alle Flüge weg. Plötzlich hieß es, dass es eine Verbindung ab Chicago gebe. Also sind wir Hals über Kopf hin, saßen fast elf Stunden am Flughafen, sind dann nach Warschau und fast 400 Kilometer mit dem Taxi in unser polnisches Haus. In New York waren wir in freiwilliger Quarantäne, in Polen zwei Wochen in Pflichtquarantäne. Die Polizei kam jeden Tag, um zu kontrollieren, ob wir zu Hause sind. Ich finde es fragwürdig, nicht nur in Polen, dass Verfassungsrechte durch die Hintertür außer Kraft gesetzt werden. Und was mich noch stört, ebenfalls nicht nur in Polen: Es gibt Experten, die von der Regierung berufen werden, und alle anderen mit abweichenden Meinungen sollen die Klappe halten.

Wie sieht Ihre Prognose aus?

Beczala: Unser Beruf steht unter einem großen Fragezeichen. Ich bin in einer privilegierten Situation. Aber ich weiß, dass ungefähr 90 Prozent der Sängerinnen und Sänger um ihre Existenz kämpfen. Jetzt sind Rechnungen zu bezahlen, obwohl kein Einkommen mehr da ist. Mir ist bewusst, dass es noch schlimmere Schicksale gibt. Firmenpleiten, Menschen, die ihren Job verlieren und vor dem Nichts stehen – eine schreckliche Situation.

Zu Ihrem neuen Album: Was heißt eigentlich für Sie Verismo? Ist das ein ebenso dehnbarer Begriff wie Belcanto?

Beczala: Verismo hat für mich mit ehrlicher, direkter, expressiverer, nicht künstlicher Kunst und Emotion zu tun. Fast das Gegenteil von Belcanto, der ist ordentlich, strukturiert, klar. Bei Verismo-Opern stehen oft Vortragsanweisungen in der Partitur wie „con dolore“ oder „con fuoco“. Für mich ist das jetzt kein Fachwechsel, sondern eine Erweiterung des Repertoires.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere die Stimme überbeansprucht haben. Ist das jetzt die Rückkehr zu geliebten Rollen, aber technisch abgesichert?

Beczala: Jein. Ich habe mit 20 auf den Rat meiner Professorin Sena Jurinac auf Puccinis Cavaradossi verzichtet und mit Mozarts Tamino begonnen. Cavaradossis Arien sang ich, auch mit Erfolg bei den Kolleginnen, aber eben nicht die ganze Partie. Mit Tamino hätte ich auf keinen Fall diesen Eindruck bei den Damen hinterlassen... Man kann beim Verismo selbst schwer erkennen, ob man es richtig macht. Gott sei Dank habe ich meine Frau als kritische Zuhörerin. Beim Verismo muss der Ton für einen selbst nicht unbedingt schön sein. Das hat etwas Robustes, Primitives, Animalisches. Erst wenn der Ton in den Saal projiziert wird, gewinnt er nach ein paar Metern an Qualität und Schönheit. Die Stimme scheint sich in einer Art freiem Raum von links nach rechts zu wälzen.

Gibt es Verismo-Partien, die abgesehen vom Stimmlichen nicht zu Ihnen passen? Der Bandit Dick Johnson in Puccinis „La fanciulla del West“? Piotr Beczala in Cowboy-Kluft?

Beczala: Die ganze Oper ist doch skurril.(Lacht.)Es gibt im Verismo nichts Royales, nichts Adliges von der Art, mit dem ich sonst immer zu tun habe. Wenn, dann sind die Blaublüter die Bösen, Gebrochenen. Das Adlige gibt der Stimme Schönheit, Rundung, auch das Parfümierte. Aber alles, was ich hier aufgenommen habe, könnte ich unter Umständen auf der Bühne singen. Cowboy-Hut oder eine sizilianische Mütze in „Cavalleria rusticana“ ist bei mir aus anderen Gründen problematisch: Ich bin kein Freund von Kopfbedeckungen. Das betrifft übrigens auch Zylinder.

Sie äußern sich häufig über Auswüchse des sogenannten Regietheaters. Fühlen Sie sich im italienischen Fach sicherer als bei Wagner, wo mehr Experimente üblich sind?

Beczala: Das weiß ich nicht. So viele Erfahrungen habe ich mit Wagner ja noch nicht. Vielleicht ist es im italienischen Fach sogar schlimmer, weil manche Opern so oft aufgeführt werden, dass sich die Regisseure künstlich unter Druck setzen. Deshalb singe ich so häufig in den USA. Dort ist die Gefahr nicht so groß, dass man in einer schrecklichen Produktion auf der Bühne stehen muss. Wenn man die Engagements auf Europa und Amerika aufteilt, kann man schon ganz gut mit Regie umgehen.

Sie erholen sich in Amerika von Europa?

Beczala: Ich habe keine Probleme auch mit schrägsten Produktionen. Aber das muss im klugen Rahmen bleiben. Man kann das mit dem Essen vergleichen. In Amerika schmeckt alles gleich, es gibt große Portionen, aber wenig Verfeinerungen. Für eine Weile macht’s aber Spaß. In Europa gerät man in eine Haute Cuisine, die kann zwar sehr interessant sein, aber sonst... Die moderne Regie ist fast wie Molekularküche. Mini-Steaks schmecken wie Gurken und umgekehrt, dazu gibt es Lachsforellenbällchen und so weiter. Ab und zu als Abenteuer ist das okay. Man kann sich aber nicht jeden Tag davon ernähren. Entweder wird man verrückt oder man verhungert.

Was vermissen Sie gerade am meisten?

Beczala: Das Publikum! Anfangs war das wie Urlaubsstimmung. Ich darf mich nach Jahrzehnten einmal so richtig entspannen. Ich muss nichts müssen. Ich arbeite jetzt alle zwei Tage ein bisschen an „Aida“, an Liedern – aber ohne Zwang. Das genieße ich. Aber man darf nicht faul werden, ich muss im Training bleiben. Außerdem bin ich gern in der Küche. Gerade habe ich einen Corona-Kuchen gebacken. Da lagen ein paar faule Bananen und Kiwis – und da dachte ich: Mach’ einfach was draus. Ich habe improvisiert. Es ist kein Verismo-Kuchen, eher was Leichtes aus dem Belcanto.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor
Hubert von Goisern ist als Musiker weit gereist und weltbekannt. Nun hat er mit „Flüchtig“ seinen ersten Roman veröffentlicht – unter seinem Geburtsnamen Hubert …
Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor

Kommentare