Sänger Joris auf der Bühne.
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Mit viel Liebe gespielt: Joris auf der Bühne.

Sänger Joris über sein neues Album, seine Fans und „Sing meinen Song“

Interview mit Sänger Joris: „Musik war immer ein guter Freund“

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Zweieinhalb Jahre hat er im Studio gearbeitet und viel Herzblut in elf neue Songs fließen lassen. „Willkommen Goodbye“ heißt das Album von Joris. Auch sonst läuft’s für den 31-Jährigen rund: In „Sing meinen Song“ wird er vom Publikum gefeiert. Ein Interview.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe keine Lust mehr, über Corona zu reden. Wollen wir über etwas anderes sprechen?

Joris: Au ja, gerne! Worüber?

Zum Beispiel darüber, wie Musik ein Kraftquell sein kann. Welche Musik legen Sie auf, wenn Sie so richtig entnervt sind?

Joris: Das kommt darauf an, ob ich entkräftet bin oder ob mich etwas ärgert. Wenn mich etwas ärgert, dann höre ich eher was Rockiges. Ich hab früher Schlagzeug in einer Hardrock-Band gespielt – meine ersten Platten waren von Linkin Park, Green Day, Limp Bizkit. Und wenn ich so ein bisschen down bin, setze ich auf Fröhlicheres – Zaz zum Beispiel.

Musik als Gute-Laune-Quelle. Kennen Sie es auch, diese als Katalysator für miese Gefühle zu nutzen, um in Melancholie zu baden?

Joris: Klar, wenn ich so richtig Liebeskummer habe – natürlich! Musik ist ja nicht nur dafür da, das Kontrastprogramm zu liefern, sondern Musik ist immer auch ein sehr guter Soundtrack. Gerade dieses Gefühl von Melancholie ist natürlich auch wunderschön.

Ein Beispiel?

Joris: „Bitter Sweet Symphony“. Ansonsten gilt: Solange ich merke, dass die Musik aus guten Beweggründen und mit viel Liebe gespielt ist, kann ich mir fast alles anhören.

Gibt es Lieder Ihrer Kindheit, die Sie besonders geprägt haben?

Joris: Absolut. In meinem neuen Song „Nur die Musik“ sind einige verarbeitet. Das ist eine Hommage an alle meine Lieblingslieder. Die Musik ist in Form eines Schlagzeugs mit fünf Jahren in mein Leben gekommen, dann das Klavier und die Gitarre. Musik hat immer die richtigen Töne gefunden, egal in welcher Situation ich war. Ich bin früh Trennungskind gewesen, war viel allein zu Hause. Musik war immer ein guter Freund. 1996 kam eine „Bravo Hits“-CD mit dem Lied „Lemon Tree“ von Fools Garden heraus. Damals fand ich es faszinierend, dass Menschen in einem Studio einfach ein Glas hinwerfen durften, was dann aufgenommen wurde. Fallendes Glas ist in „Nur die Musik“ genauso drin wie etwa die Bassdrum-Figur von Snoop Doggs „Drop it like it’s hot“.

Im Video-Gespräch: Joris und Redakteurin Katja Kraft.

Ihr neues Album beginnt mit „Aurora“, dem Sonnenaufgang, und endet mit „Game over“...

Joris: Genau. Wenn Sie die Vinylplatte haben, haben Sie die Sonnenaufgangsseite mit Kindheitserinnerungen. Wechselt man dann auf die „Nachtmusik“-Seite, gibt es mit „Steine“ einen Song vom Verlust: Jemand ist gegangen, und die Welt bleibt stehen. Es gibt so viele Lieder darüber, die behaupten, dass man diesen Schmerz irgendwie füreinander tragen kann – das ist Bullshit, kann man nicht. Man muss durch den Schmerz durch, aber das, was man füreinander tun kann, ist, füreinander da zu sein. „Ich kann nicht für dich fallen, aber ich kann dich auffangen.“

Willkommen und Goodbye gehören zum Leben dazu. In jedem Abschied steckt ein Willkommen – das klingt leichter, als es ist.

Joris: Nicht in jedem Abschied steckt ein Willkommen. Ich glaube, es gibt Dinge, die sind endgültig, und an dieser Tatsache ist nichts Gutes zu finden. Aber wenn man mal ein plattes Beispiel nimmt: Man wird mit 16 verlassen – und denkt: Das ist das Schlimmste, was man je durchlaufen muss. Ein paar Jährchen später versteht man: Ja, das wird einem vermutlich noch mal passieren. Aber man weiß, dass es danach weitergeht. Und dass es wieder wunderschön wird. Es wird anders, aber es wird wunderschön. Das ist damit gemeint. Was ich nicht meine, sind die Geschichten, die mir Fans erzählen, die Kraft in meiner Musik finden. Da merke ich: Wenn du beispielsweise dein eigenes Kind verlierst, dann gibt’s da kein Willkommen im Goodbye. Das will ich mir auch nicht anmaßen, so etwas zu behaupten. Aber es gibt eben viele Dinge im Leben, die, mit der richtigen Haltung angegangen, einen doch weiterbringen und bei denen man vielleicht am Ende froh ist, dass man mal gestolpert ist.

Wie reagieren Sie auf sehr persönliche Geschichten Ihrer Fans?

Joris: Nach den Konzerten ist das manchmal nicht ganz so leicht, weil ich von der Bühne mit diesem beschwingten Gefühl komme – und dann auch von Schicksalen höre, die hart zu verdauen sind. Trotzdem ist das natürlich sehr wertvoll, dass die Geschichten, von denen ich singe, viele Menschen auf ihre Situation adaptieren. Übrigens auch bezogen auf heitere Momente. Es gibt Geschichten, bei denen ich denke: Aaaah, erzähl’s mir nicht. (Lacht.) Welche Kinder bei meinen Liedern gezeugt wurden, muss ich nicht unbedingt wissen.

Sie haben für neues Leben gesorgt!

Joris: (Lacht.) Stimmt, nach „Herz über Kopf“ ist der Name Joris in der Namensliste von 300 irgendwas auf 103 gestiegen.

Fans benennen ihre Kinder nach Ihnen – denken Sie darüber nach, wie weit Sie sie auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht beeinflussen können?

Joris: Na ja, ich engagiere mich ja sehr viel. Für Europa, gegen Rassismus, bin SOS-Kinderdorf-Botschafter. Ich glaube, es gibt viele Dinge, für die ich mich starkmachen kann. Trotzdem ist es wichtig, dass ich mich nicht für alles hergebe. Bei „Fridays for Future“ stelle ich mich zum Beispiel gerne auf die Bühne, weil ich an diese Sache glaube und auch etwas Gutes dazu sagen könnte, wenn ich kritisch dazu befragt werden würde. Aber am Ende des Tages sind die meisten Themen, hinter denen ich stehe, gesellschaftsrelevant. Da muss jede und jeder Einzelne etwas tun. Ich merke es ja so oft bei mir selbst, dass ich sage: „Da müsste die Politik was tun.“ Aber man muss schon bei sich selbst anfangen. Wir haben etwa bei uns in der Produktion keine Inlandsflüge mehr. Jeder aus der Crew und Band hat von mir eine Bahncard bekommen.

Gerade weil Sie sich gegen Rechts engagieren, müssen Sie viel Gegenwind ertragen. Nehmen Sie verbale Angriffe mit?

Joris: Ich lerne von Tag zu Tag mehr, den Dingen gelassen gegenüberzustehen. Natürlich nimmt mich das mit, ich schreibe Songs, weil ich sie schreiben möchte, und erzähle sehr persönliche Dinge darin – und wenn jemand das mit 08/15-Musik vergleicht, dann denke ich mir: Checken die Leute nicht, dass ich jetzt zweieinhalb Jahre im Studio war für dieses neues Album? Elf Songs, zweieinhalb Jahre – das ist viel Arbeit. Man sollte sich häufiger etwas tiefer gehend mit den Dingen auseinandersetzen, mehr als „Hab’ ich eben halb im Radio gehört und fand ich schon mal scheiße“. Ich habe bei „Sing meinen Song“ mitmachen dürfen, unter anderem mit DJ Bobo, der eine ganz andere Musik macht als ich. Aber von dem konnte ich doch einiges lernen, und zwar sich selbst nicht immer zu ernst zu nehmen.

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