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„Ich weiß, dass ich mich nicht verstecken muss“: Sally du Randt ist in Augsburg derzeit als Tosca zu erleben.

KARRIERE IM OPERNENSEMBLE

Sopranistin Sally du Randt: „Was heißt überhaupt Star?“

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Augsburg - Große Interpretationen ohne großes Star-Tamtam, das geht. Wie, das beweist die gebürtige Südafrikanerin Sally du Randt, seit 14 Jahren Ensemblemitglied des Augsburger Theaters.

Allein diese Saison Tosca und demnächst Desdemona, zuvor Elsa, Jenufa, Fiordiligi oder Leonore – Sally du Randt hat sie fast alle durch, die Divenpartien. Seit 14 Jahren ist die Südafrikanerin am Augsburger Theater. Eine in der Opernwelt selten gewordene Treue zum Haus. „Säule des Ensembles“, diese gut abgehangene Formulierung trifft auf diese Sopranistin wirklich zu. Dank ihrer apart-herben Stimme und einer intensiven, nie vordergründigen Darstellungskunst glücken Sally du Randt regelmäßig ganz eigene, ganz besondere Charakterstudien.

Gibt es etwas, das Sie noch nicht gesungen haben in Ihrem Fach?

Aber natürlich habe ich noch Wünsche! Die Marschallin zum Beispiel. Immer wenn ich irgendwo weggehe, wird der „Rosenkavalier“ angesetzt. Oder er wird gespielt, bevor ich komme. Überhaupt würde ich gern mehr Strauss singen. Ich kann schon Dramatischeres riskieren, dann aber eben mit den Möglichkeiten meiner Stimme. Ich will sie nicht zu irgendetwas treiben.

Sie sagten einmal, dass es auch einige Rollen gab, die vokal nicht ganz passten. Wie schwierig ist es, dagegen zu arbeiten?

Man muss dann sein Ding durchziehen mit den Möglichkeiten, die man hat. Wenn ich auf die Bühne gehe und jeder merkt, dass ich keine Lust habe, ist das schließlich kontraproduktiv. Ich muss also auch in solchen Rollen etwas suchen, mit dem ich mich anfreunden kann. Luigi Nonos „Intolleranza“ war eine sehr gelungene, tolle Produktion. Die Partie ging aber an meine Grenzen. Ich war nur am Zählen und Überlegen, woher ich meinen nächsten Ton kriegen könnte. „Hier muss man bleiben, hier alles ändern“, das war mein Lieblingssatz. Es war nämlich der letzte.

Warum sind Sie schon so lange in Augsburg? An sich gibt es doch eine große Nachfrage nach jugendlich-dramatischen Stimmen.

Ich gebe zu, dass ich mir mein Leben anders vorgestellt habe. Ich habe an größeren Häusern gesungen und tue das weiter gern. Mit meinem Mann wollte ich hier eine Familie gründen, gerade weil es so schön ist, in Augsburg zu leben. Die Stadt ist außerdem gut angebunden, ich hätte also auch als freie Sängerin arbeiten und meine Fühler ausstrecken können. Doch dann starb mein Mann, und alles kam anders. Die ersten beiden Jahre danach hatte ich keinen Kopf für irgendwelche Planungen. Ich dachte mir immer nur: „Weitermachen, weitermachen!“ Das half mir.

Wobei die sichere Situation in einer Ensemblefamilie nicht nur aus finanziellen Gründen ein positiver Lebensentwurf sein kann.

Eben! Ich mag Augsburg ja und bekomme wunderbare Rollen. Hier ist meine Heimat, außerdem darf ich woanders gastieren. Klar, jeder träumt von der Met oder der Scala, überhaupt vom Grand Slam der Häuser. Aber ich empfinde meine Situation nicht als negativ. Ich habe ein tolles, mich unterstützendes Publikum. Weggehen, um das Gefühl zu bekommen, dass ich gut bin – diesen Wunsch habe ich nicht. Ich glaube nicht, dass ich besser bin, wenn ich an einem großen Haus singe. Was bedeutet überhaupt „internationaler Star“? Diese Kollegen haben die richtige Agentur und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nicht alles hat mit Können zu tun. Ich weiß, dass ich mich nicht verstecken muss – auch wenn ich „nur“ Augsburger Ensemblemitglied bin.

Wie erleben Sie die Sanierungsphase des Hauses?

Wir sind alle froh, dass es endlich vorangeht und dass die Zeit, in der man sich dafür rechtfertigen muss, dass es ein Theater gibt, vorbei ist.

Empfanden Sie das Bürgerbegehren gegen die Sanierung als Verrat?

Ich war erstaunt, wie wenig informiert die Leute waren. Und wie stur. Eine Scheuklappen-Mentalität. Manche wollten gar keine Informationen hören. Sie sagten: „Es ist zu teuer, Punkt, Schluss.“ Aber man kann doch nicht einfach behaupten, dieses marode Haus brauche keine Renovierung! Oder, wie es manche taten, Augsburg brauche überhaupt kein Theater! Andererseits spürte ich eine wahnsinnige Unterstützung in der Bevölkerung – gerade, als wir einmal patschnass in der Fußgängerzone standen und für die Sanierung geworben haben.

Fühlen Sie sich ohne Haus heimatlos?

Zunächst war die Verkündigung der vorzeitigen Schließung ein Schock. Nach einem „Liebestrank“, der letzten Vorstellung im Großen Haus, gab es eine Feier auf der Bühne. Um Mitternacht ging der Eiserne Vorhang herunter. Der Zuschauerraum verschwand aus meinem Blick, da habe ich fast geweint. „Wirst du je wieder hier spielen?“, fragte ich mich. Ich hoffe, dass die Sanierung nicht länger als fünf, sechs Jahre dauert.

Haben Sie sich mental von Südafrika entfernt?

Ich besuche meine Eltern mindestens alle zwei Jahre. Meistens in den Sommerferien. Es ist jedes Mal schwieriger, wieder reinzukommen. Ich bin jetzt eben Augsburgerin. Auch wenn der Einstieg hier nicht einfach war. Es dauerte, bis man mich akzeptierte, vielleicht weil es vorher Sängerinnen gab, die ihr Stammpublikum hatten. Ich fühlte mich wie ein Eindringling, doch das wurde bald besser. Es konnte auch an meiner Stimme liegen: Entweder man mag sie oder nicht. Ich möchte die Leute davon überzeugen, dass ich eine Rolle so gut wie möglich ausfüllen kann, auch wenn sie vielleicht meinen Klang nicht mögen. Technik verwechseln viele mit Timbre. Meine Lehrerin sagte einmal zu mir: „Auch wenn viele um dich herum singen – ich erkenne dich nach drei Tönen.“

Wollten Sie jemals Mezzo sein wegen der fiesen Charaktere?

Nein, aber irgendwie träume ich davon, eine CD aufzunehmen mit Arien, die ich nie im Leben singen sollte. Azucenas „Stride la vampa“, Tenor-Stücke, quer durchs Beet. Und so harmlos ist das jugendlich-dramatische Fach ja nicht. Ich bringe auf der Bühne oft Leute um oder werde getötet. Heulsusen-Rollen mag ich nicht, aber diese Partien passieren mir kaum. Außerdem: Ich bin mit meinen 1,80 Metern auch von der Statur nicht so geeignet für die ewig Leidenden.

War Ihre Größe je ein Problem?

Nicht unbedingt hier, aber in Südafrika. Zwei Sätze konnte ich irgendwann nicht mehr hören. „Sie sind zu groß.“ Und: „Sie sind zu jung.“ Die meisten Bühnenpartner sind kleiner als ich. Ich trage oft flache oder gar keine Schuhe. Oder stehe auf einer Schräge unten. Oder knie oder sitze. Das ganze Programm!

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