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Seit 2003 amtiert Serge Dorny als Intendant der Opéra de Lyon, 2021 kommt er nach München.

INTERVIEW MIT DEM KÜNFTIGEN INTENDANTEN

Serge Dorny, ab 2021 Intendant der Bayerischen Staatsoper: „Handwerk ist wichtiger als Handschrift“

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Vor der Tradition der Bayerischen Staatsoper hat er Respekt. Und doch möchte Serge Dorny dem Haus ab 2021 Flügel verleihen, damit es in andere Richtungen fliegen kann. Ein Gespräch.

München - Welche Opern er bringen will, welche Künstler, dass verrät Serge Dorny noch nicht. Und doch wird klar: Die Bayerische Staatsoper wird sich in eine andere Richtung bewegen. Ein Gespräch mit dem derzeitigen Intendanten der Opéra de Lyon (hier ein Porträt des Hauses), der 2021 in selber Funktion nach München wechseln wird.

Sie haben in Lyon die Publikumsstruktur umgekrempelt. Muss der Münchner Opernfan nun Angst haben, dass ihm das Abo entzogen wird?

Dorny: Nein. Man kann Lyon nicht auf München übertragen. Geschichte, Tradition, Struktur, das ist dort ganz anders. Ich muss mir Zeit geben, das alles kennenzulernen, bisher habe ich die Bayerische Staatsoper ja nur als Besucher erlebt, und das seit der Sawallisch-Zeit. Ich habe schon damals die Dynamik des Münchner Kulturlebens wahnsinnig geschätzt, und damit meine ich alle Institutionen.

Es gibt, ähnlich wie in Wien, Extremfans, Aficionados, vielleicht anders als in Lyon, die immer wissen, wie alles zu sein hat. Ist es schwer, mit diesem Publikum umzugehen?

Dorny: In jeder Stadt, in jedem Bereich gibt es Aficionados, auch im Fußball. Aber sie sind nicht die alleinige Publikumsschicht. Aficionados können auch Botschafter und Stütze eines Hauses sein. Ich bin ja auch einer. Wenn Aficionados in ihrer Liebe Offenheit bewahren, finde ich das nur gut. Nehmen wir die verschiedenen Theatersprachen, die in den vergangenen Jahrzehnten in München gepflegt wurden. Die Öffnung zum Barock zum Beispiel unter Peter Jonas – das Publikum ist mitgegangen. Das wird es sicherlich auch bei anderen Sprachen tun.

Die Auslastungszahlen in München sind sehr hoch. Was soll man noch besser machen?

Dorny: Natürlich ist die Auslastung beeindruckend. Der Münchner Erfolg hat fantastische Wurzeln. Es geht nun darum, für solide Flügel zu sorgen, um auch in eine andere Richtung zu fliegen. Eine Kulturinstitution, die sich trotz ihres Erfolges nicht ständig befragt, hat keine Zukunft.

Und in welche Richtung geht es? Wo sind die weißen Flecken im Münchner Opernbiotop?

Dorny: Es gibt schon einige. Aber bitte verstehen Sie, dass ich keine Einzelheiten nennen kann. Was ich dringend will: Kontakte zu anderen Kulturakteuren knüpfen. Zu den Akademien, zur Biennale, zu den Museen, zur Filmhochschule.

Ist es in München leichter, Theater zu machen, weil Kultur quasi zum Alltag gehört?

Dorny: Die Basiskenntnis ist in München schon riesig, egal bei welcher Institution. Einfach ist es nie. Wenn man auf ein Spielfeld geht und sagt, es wird einfach, verliert man. Der künftige Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski und ich sind, was die künstlerische Ästhetik betrifft, sehr offen. Am wichtigsten aber ist mir vor allen anderen Dingen nicht die Handschrift, sondern das Handwerk.

Im Schauspiel wird gerade das Material, das Stück an sich immer mehr aufgebrochen. Wie sakrosankt ist denn die Partitur?

Dorny: Strukturen aufbrechen, die Formbefragung, all das sollte auch in der Oper möglich sein. Ich sage damit nicht, dass es sein muss. Wenn es nur ein Effekt ist, finde ich das wenig sinnvoll und uninteressant. Wir zeigen in Lyon gerade „Don Carlos“. Es gibt viele Fassungen, für Verdi hatte das musikalische Material etwas Dynamisches.

Aber hier war der Komponist noch selbst für die Eingriffe verantwortlich.

Dorny: Mozart hat doch auch Händel bearbeitet. Bei alledem geht es immer um Respekt und Wissen. Nichts ist verboten, es soll aber richtig im Sinne der Werkaussage sein. Wenn eine zeitgenössische Installation in einem Raum mit klassischen Gemälden steht, zum Beispiel Jan Fabre oder Joseph Beuys, dann wird der Raum neu beleuchtet, dann sind andere Deutungen möglich.

2021 fangen Sie in München an, erst jetzt wurden Sie endgültig berufen. Ist die Planung für die erste Saison nicht ein bisschen knapp angesichts des Produktionsvorlaufs?

Dorny: Ich habe schon einiges besprochen, die erste Saison wird gerade geplant. Auch an anderen großen Häusern wie in Wien, Paris und London gibt es Wechsel. Das heißt, die Branche ist gerade in Bewegung. Es gibt viel Offenes in den internationalen Planungen – das kommt uns, wo nun das Team feststeht, zugute.

Wenn man die Sawallisch-Zeit mit der jetzigen vergleicht, so werden pro Monat weniger Stücke gespielt. Geht die Entwicklung auch an großen Repertoirehäusern immer mehr in Richtung Semi-Stagione?

Dorny: Es stimmt, München ist kein klassisches Repertoiretheater mehr. Qualität lässt sich mit einem solchen System vielleicht besser erhalten. Und letztlich geht es nur darum. Sie haben ja in den vergangenen Jahren durch Kirill Petrenkos Probenarbeit festgestellt, wie das musikalische Niveau gehoben werden konnte. Es wird aber, da kann ich viele beruhigen, nicht zum Stagione-System kommen.

Jeder Intendant muss in München eine bestimmte Visitenkarte abgeben, das ist Wagners „Ring“. Planen Sie schon einen? 

Dorny: Das ist nicht meine Priorität dort. Ich schaue mir gerade das gesamte Münchner Repertoire an, um festzustellen, wo es Neuerungen geben könnte und muss. Und gerade weil München ein Repertoirehaus ist, brauchen wir auch viele Stücke. Der „Ring“ gehört nicht zum „klassischen“ Repertoire, weil er vieles blockiert und Ressourcen bindet. Ich bin zuallererst dazu verpflichtet, den Repertoirebetrieb weiterzuentwickeln. Ich bitte einfach um ein bisschen Zeit.


Das Gespräch führte Markus Thiel.

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