+
Auf ungewöhnliche Art demonstrierte das BR-Symphonieorchester mit Chefdirigent Mariss Jansons vor einiger Zeit für den Konzertsaal - auf einem Dach im Werksviertel.

Der Konzertsaal und mögliche Proteste

Interview mit Spaenle: „Endlich diskutieren wir über Inhalte“

  • schließen

München - Kunstminister Ludwig Spaenle spricht im Merkur-Interview über den Konzertsaal, mögliche Proteste und sein Nein zur Intendantenlösung.

Wie viel der neue Konzertsaal im Münchner Werksviertel am Ostbahnhof kosten wird, darüber lässt sich Kunstminister Ludwig Spaenle noch immer nichts entlocken. Das Erbpacht-Modell, das auch in die Kritik geraten ist wegen möglicher unvorhergesehener Kosten, verteidigt der CSU-Politiker. Und eines ist mit ihm nicht zu machen: die Verpflichtung eines Intendanten mit umfassender Richtlinienbefugnis.

Im Kulturausschuss des Landtags haben Sie kürzlich fast alle Zahlen zum Konzertsaal mitgeteilt – bis auf die geschätzten Baukosten. Aus Angst, dass man in der Öffentlichkeit für die hohe Summe, mutmaßlich 380 Millionen Euro, kritisiert wird?

Ludwig Spaenle: Nein, weil Konsens darin herrscht, dass wir jetzt erst einmal den Architektenwettbewerb abwarten. Ich halte überhaupt nichts davon, Zahlen in die Welt zu setzen, die – ob in die eine oder andere Richtung – am Schluss nicht stimmen. Andernorts mag man das anders handhaben. Ich bin dafür, belastbare Daten zur rechten Zeit zu veröffentlichen. Dass es sich hier um einen dreistelligen Millionenbetrag handelt, ist ja klar.

Demnächst müssen in der Stadt hohe Summen für die Kultur ausgegeben werden. Der Konzertsaal, das Deutsche Museum mit knapp einer Milliarde, der Gasteig mit einer halben Milliarde – wie groß ist die Gefahr, dass sich eine Bürgerinitiative wie in Augsburg gegen diese Vorhaben bildet?

Spaenle: Ich habe viele Protestbewegungen erlebt, aber noch nie, dass man sich gegen derartige kulturelle Neuinvestitionen wendet. Bei solch grundsätzlichen kulturpolitischen Dingen kann ich mir das nicht vorstellen. Anders gelagert war das seinerzeit zum Beispiel, als man sich gegen den Ankauf von Joseph Beuys’ „Zeige deine Wunde“ durch das städtische Lenbachhaus gewendet hatte. Das war ein echter Aufreger.

Mit dem Spatenstich für den Saal rechnen Sie für 2018. Das bedeutet: Eine Eröffnung 2020 oder 2021, wie ursprünglich einmal vorgesehen, ist doch nicht mehr realistisch, oder?

Spaenle: Auch in dieser Frage halte ich es wie bei den Kosten. Noch gibt es hierfür keine belastbaren Zeitvorstellungen. Das hängt vom ausgewählten Architekten, von seinem Entwurf, von den technischen Anforderungen und vom Akustiker ab. Entscheidend ist: Das Projekt ist jetzt unumkehrbar, und wir können es in dieser Legislaturperiode aufs Gleis setzen.

Ihr Parteifreund Oliver Jörg hat sich dagegen verwahrt, am Standort Ostbahnhof herumzukritteln. Spüren Sie Enttäuschung über diese Variante?

Spaenle: Ich nehme keinen Unmut war. Gott sei Dank wird ja in der Öffentlichkeit schon fleißig über Inhaltliches, Programmatisches oder die Leitungsstruktur diskutiert.

Sie favorisieren keinen Intendanten, sondern eine „Mischlösung“. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Spaenle: Prinzipiell bestimmt ein Intendant darüber, wer was machen und wie viel das kosten darf. Im Fall des Konzertsaals sind mehrere Partner beteiligt, in erster Linie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dann die Musikhochschule mit ihrer geplanten Werkstattbühne und die privaten Veranstalter. Diese wollen auch künftig mitgestalten, das ist ja die Besonderheit der Münchner Musiklandschaft. Und dann könnten noch Gruppierungen einbezogen werden, die bislang nicht mitgemischt haben, zum Beispiel aus der Clubszene. Was bleibt also für einen klassischen Intendanten?

Schwebt Ihnen demnach etwas vor wie beim Gasteig in den ersten Jahren, als Eckard Heintz zwar „nur“ Geschäftsführer war, aber künstlerische Ambitionen entwickelte?

Spaenle: Ja. Jedenfalls keine Lösung, bei dem einer allein die Vollverantwortung übernimmt und das gesamte künstlerische Profil trägt. Deswegen sind zum Beispiel bewusst die Privatveranstalter im Fachbeirat vertreten.

Beim Standort Ostbahnhof wird damit argumentiert, dort könne sich die sogenannte Hochkultur mit der Hallenszene treffen. Wird das wirklich so bleiben? Eigentümer Werner Eckart hat doch ein Gewinninteresse, das dürfte ein ziemlich schicker Stadtteil werden.

Spaenle: Natürlich wird der Kunstpark in der jetzigen Form nicht mehr existieren. München ist ein Zentrum für digitale Unternehmen. Das Werksviertel wird da weiter eine zentrale Rolle spielen. Es handelt sich also um einen Ort, an dem es solche Nutzungen gibt, dazu ein Clubleben und eben viel Musik, und das nicht nur im gewohnten klassischen Format. Freilich hat Herr Eckart das Recht, mit den ihm zur Verfügung stehenden Liegenschaften ein profitables Gesamtkonzept zu entwickeln. Trotzdem werden sich dort auch künftig verschiedene Angebote begegnen.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Elbphilharmonie gibt es Wohnungen, die bis zu zwölf Millionen Euro kosten...

Spaenle: Es entsteht am Ostbahnhof sicher ein neues Stadtviertel. Und dass wir in München leider mit extrem hohen Preisen unterwegs sind, ist auch Fakt. Trotzdem: Die strategische Ausrichtung im Werksviertel mit einem Konzertsaal, der umgeben wird von vielfältigsten Angeboten, ist singulär.

Die Erbpacht-Vereinbarung mit Werner Eckart läuft vorerst 44 Jahre. Das kostet den Staat 25 Millionen Euro, danach hat er das Vorkaufsrecht – für ein Grundstück, das extrem im Wert gestiegen sein wird. Wer garantiert, dass dieses Finanzierungsmodell für den Freistaat nicht nach hinten losgeht?

Spaenle: Sie kennen die Diskussion um die Standorte, von denen am Schluss nur zwei übrig blieben. Letztlich war es eine Güterabwägung, die zur Entscheidung führte. Das Vorkaufsrecht kann, muss aber nicht wahrgenommen werden. Es ging uns darum, dass wir vor 2018 eine Entscheidung treffen, die das Projekt unumkehrbar auf den Weg bringt. Die Paketposthalle wäre sicher reizvoll gewesen. Entstehungs- und Unterhaltskosten hätten aber Summen erzeugt, die deutlich über der Variante Werksviertel liegen. Unser Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen – zumal das Vorkaufsrecht anfangs nicht im Vertrag stand.

Und wenn nach 44 Jahren die Firma Eckart nicht mehr existiert und von einem chinesischen Investor gekauft wurde?

Spaenle: Es ist alles möglich. Man hat sich auch nicht vorstellen können, dass man den Herkulessaal aus einem Trümmerfeld wiederauferstehen lässt, das man selbst mit verursacht hat. Oder dass man den Gasteig schon nach drei Jahrzehnten renovieren muss.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch
Reinhard Kleist legt zum 60. Geburtstag von Nick Cave eine eindrucksvolle Comic-Biografie des Künstlers vor.
Nick Caves Leben – ein Bilderrausch

Kommentare