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„Ich habe nicht die Bohne Angst davor.“  Waltraud Meier kehrt ein letztes Mal auf den Grünen Hügel zurück.

BAYREUTHER FESTSPIELE

Waltraud Meier: „Ich will intelligent gefordert werden“

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Ein letztes Mal kehrt Waltraud Meier zu den Bayreuther Festspielen zurück - nach 18 Jahren Abstinenz. Ein Gespräch über ihr Comeback, den Abschied von Rollen und über Regisseure, die sich nicht trauen. 

Bayreuth/ Berlin - 18 Jahre ist es her, dass Waltraud Meier die Bayreuther Festspiele im Streit verließ – ausgerechnet sie, einer der größten Wagner-Stars unserer Zeit. Mit dem damaligen Festival-Chef Wolfgang Wagner hatte sie sich irgendwann ausgesöhnt. Und dieses Jahr nun das große Comeback der 62-Jährigen: als Ortrud in der Neuinszenierung des „Lohengrin“. Premiere ist am 25. Juli, es dirigiert Christian Thielemann. Ein Besuch bei Waltraud Meier in Berlin.

Opernstar Waltraud Meier im Gespräch mit Merkur-Redakteur Markus Thiel in ihrer Berliner Wohnung.

Als Sie das erste Mal nach Bayreuth wollten, riefen Sie dort an. Haben Sie das nun wieder getan? Nach dem Motto: Hallo, mich gibt’s noch?

Waltraud Meier: Nein. Das Angebot kam überraschenderweise von der anderen Seite. Katharina Wagner hat über meinen Agenten angefragt. Auch weil dieses Engagement ein Wunsch von Christian Thielemann war.

In Robert Schumanns „Dichterliebe“ heißt es „Ich grolle nicht“. Wie geht es Ihnen mit Blick auf Bayreuth? 

Waltraud Meier: Das hat sich schon lange ausgegrollt. Wolfgang Wagner und ich hatten uns irgendwann einmal ausgesöhnt. Damit ist der Fall wirklich erledigt.

Sie sagten einmal, Wolfgang Wagner sei der beste Intendant gewesen, den Sie erlebt haben. 

Waltraud Meier: Während meiner Bayreuther Jahre war das auf jeden Fall so. Einer, der sich wirklich hinter die Künstler gestellt hat. Ihm war alles bekannt, was im Haus passiert. Wenn auf der Probebühne der Wasserhahn tropfte, wusste er das mindestens als Zweiter und hat sich darum gekümmert. Ein allgegenwärtiger Intendant, der auch kurz vor Beginn der Vorstellung grundsätzlich auf der Bühne war. Er lief sogar mit dem aufgehenden Vorhang von der Bühne, man musste ihn manchmal daran erinnern, dass es losgeht. Bayreuth war für uns Sänger damals wie ein Campus. Da habe ich für drei Monate mein Zeug zusammengepackt, das Auto war bis unters Dach voll. Ich war immer außerhalb untergebracht, mitten in der Natur. Und es gab einen starken privaten Kontakt zu den Kollegen.

Ist ein Comeback wie dieses schlimmer als ein Debüt?

Waltraud Meier: Das werde ich sehen. Beim Debüt als Kundry habe ich 1983 noch eine gewisse Frechheit an den Tag gelegt. Ich konnte ja nur überraschen, weil ich noch nicht so bekannt war. Ich gebe zu, dass es nun ein bissl schwer ist. Deshalb befinde ich mich in Berlin jetzt in einem harten Trainingslager und singe die Partie dreimal pro Woche durch mit Thomas Guggeis als Korrepetitor, dem künftigen Ersten Kapellmeister in Stuttgart. Auch aus Konditionsgründen tu' ich das. Gerade weil ich in letzter Zeit fast nur noch Klytämnestra, Waltraute und Liederabende gesungen habe, muss ich mich rüsten für die Langstrecke. Das ist wie beim Sport.

Wenn Sie nun nach Bayreuth zurückkehren: Wie schützen Sie sich vor den Emotionen und Erinnerungen, die einen überschwemmen und die vielleicht einen Neuanfang beeinträchtigen können?

Waltraud Meier: Ich habe da nicht die Bohne Angst davor. Ich bin ohnehin ein eher pragmatischer Mensch. Nicht, dass ich jetzt ohne Gefühle durch die Welt laufe, ganz und gar nicht! Man kann nie sagen, was in einer solchen Situation mit einem passiert. Ich glaube eher, dass ich überrascht sein werde davon, wie viel sich verändert hat. Das ist ja nicht mehr das Bayreuth meiner dortigen letzten Sieglinde.

Wie hat sich die Ortrud für Sie verändert mit dieser Wiedervorlage?

Waltraud Meier: Es gibt immer wieder Sätze, zu denen mir jetzt eine andere Bedeutung einfällt. Was bleibt – aber das ist ja bei jeder meiner Partien so: Ich möchte sie von innen heraus darstellen. Ich will sie verstehen. Jede Figur, ob schrecklich oder wunderbar, hat eine innere Wahrheit. Was nicht wahrhaftig ist auf der Bühne, überträgt sich nicht nach außen. Was ich als Figur sage, muss ich mit voller Überzeugung tun nach dem Motto: Ich hab' Recht. Das Furchtbare an dieser Person muss dann von außen gesehen werden, ob von den anderen handelnden Personen oder vom Zuschauer.

Ist denn Ortrud so schrecklich? Bei der Klytämnestra sind Sie ja auch auf eine Anti-Klischee-Aktion aus, auf eine Hexen-Vermeidung. 

Waltraud Meier: Richard Wagner sagte, Ortrud sei so schrecklich, weil sie die Liebe nicht kenne. Die Frage ist also: Ist sie sich dessen bewusst? Benutzt sie Liebe und Erotik nur? Vielleicht komme ich während der Proben der Antwort etwas näher. Sie ist auf jeden Fall hochpolitisch. Sie fragt: Warum wirft sich das Volk zu Boden, nur weil da plötzlich ein glänzender Ritter erscheint und sich als Retter darstellt? Die eigentlichen Kontrahenten in dem Stück sind Lohengrin und Ortrud. Weiße und schwarze Magie treffen aufeinander. Wie aus dem gleichen Holz geschnitzt, aber Antipoden.

Sie kennt die Liebe nicht? Und was ist mit ihrem Mann Telramund?

Waltraud Meier: Das ist nicht wirklich Liebe. Sie instrumentalisiert Gefühle zum Machterhalt ihrer Sippe. Weil sie glaubt, dass ihr Geschlecht das Recht darauf hat.

Der berühmte Fluch „Entweihte Götter“ ist ja auch kein spontaner Wutausbruch, hier fürchtet sie, dass ein System, nämlich das ihrige, ins Wanken gerät.

Waltraud Meier: Exakt so ist es. Da spielt unheimlich viel mit rein, Rache allerdings auch. Noch einmal: Ich sage nicht, dass sie wirklich Recht hat – sondern dass ihr Agieren nachempfindbar ist. Ich mache mich nicht zum Richter über sie.

Ist sie Ihnen ein bisschen sympathisch? Könnten Sie mit ihr ein Gespräch führen?

Waltraud Meier: Aber sicher. Ich führe ja nicht nur Gespräche mit Menschen, die mir sympathisch sind. Man muss doch kommunikationsbereit bleiben. Das erleben wir ja auch bei Angela Merkel und Donald Trump.

Wenn es um Ihre letzten Isolden und Kundrys ging, sprachen Sie oft von einer „Kultur des Abschieds“, die man lernen müsse. Wie verhält sich das mit der Ortrud, die nun plötzlich wieder auftaucht in Ihrer Karriere?

Waltraud Meier: Eigentlich dachte ich, ich hätte mit ihr schon abgeschlossen. Als das Bayreuther Angebot kam, sagte ich mir dann: Ach ja, das macht diese Sache rund. Dadurch wird sie zu einem Anliegen. Also wollte ich eine letzte Ortrud, die hoffentlich gut wird. Und dann kommt sicher dieses Gefühl: abschließen, abgeben, loslassen.

Wie schwer ist das – gerade bei Lebenspartien wie Isolde und Kundry?

Waltraud Meier: Jeder Abschied hat zwei Seiten. Er bedeutet auch Erleichterung. Seitdem die anderen großen Partien weg sind, habe ich erst im Nachhinein gemerkt, unter welchem Druck ich stand. Immer Höchstleistungen vollbringen, ja nie einen Fehler zu machen. Und das geht jetzt schon 42 Jahre so. Insofern tut loslassen auch gut. Es gibt da verschiedene Phasen. Das Hochkommen zu Karrierebeginn. Dann das Bestreben, auf dem Plateau zu bleiben. In Phase drei kommen Kolleginnen nach, man muss sich also behaupten. Phase vier schließlich: Wie wickele ich mich in allen Ehren ab? Es gibt nichts Schlimmeres, als peinlich in der Gegend herumzusingen. Ich habe es oft genug bei Kollegen erlebt und mitgelitten.

Und welche ist die schlimmste Phase?

Waltraud Meier: Wenn man merkt: So, jetzt plan' mal wirklich deinen Rückzug. Wobei man einfach wissen muss: Wann genau soll er sein? Als dann die Entscheidung gefallen war, eine Rolle abzugeben, war es wieder okay. Was allerdings passiert: Ich kann mir „Tristan und Isolde“ noch immer nicht anhören. Oder den „Parsifal“. Heuer lief er wieder in Berlin, Daniel Barenboim bat mich darum zu kommen. Ich verehre Nina Stemme sehr. Aber es geht nicht, es ist mir noch zu nah. Trotz alledem: Es gibt nix Natürlicheres, als dass irgendetwas auch mal zu Ende geht.

Das Problem ist doch auch, dass man mit dem Status als lebende Legende zurechtkommen muss.

Waltraud Meier: Das stimmt. Ich ärgere mich ja auch furchtbar über mich selbst, wenn manche Sachen wie jetzt bei der Ortrud nicht mehr so locker klappen wie früher. Aber das ist ja wie so oft mit zunehmendem Alter: Klugheit besteht darin, Strategien zu entwickeln, das zu kompensieren.

Die wären?

Waltraud Meier: Ausdruck zum Beispiel. Ich muss einfach darauf achten, ob ein Gesamtbild entsteht, mit dem ich noch etwas Wichtiges, Gutes über die Rolle zeigen kann. Ich habe Christian Thielemann gleich gesagt: Du weißt, ich habe die 30 überschritten, ich kann im Zweifelsfall auch die Notbremse ziehen.

Richard Wagner meinte, „Lohengrin“ sei seine traurigste Oper. Und wie ist es um den „Tristan“ bestellt?

Waltraud Meier: Der ist nicht traurig. Der bietet einen Ausblick, eine Vision. „In des Welt Atems ewigem All ertrinken, versinken“ - was kann es Schöneres geben? „Tristan“ tröstet, auch der „Parsifal“, wenn er wirklich mal richtig inszeniert wird. Hören Sie doch nur auf die letzten Takte.

Na ja, aber da wird doch eine Männergesellschaft auf sich zurückgeworfen...

Waltraud Meier: ...Sie dürfen nicht gesellschaftspolitisch denken. Denken Sie musikalisch! Hören Sie auf die Utopie am Ende, auf den Optimismus. Da hat sich etwas verwandelt durch Parsifal, der einen Leidensweg gegangen ist und zur Reife gekommen ist. Das ist nicht mehr die alte Männergesellschaft, Parsifal wird eine neue aufbauen. Ich bin auch heute fest davon überzeugt, dass Kundry am Ende sterben soll. Das muss sie, das ersehnt sie sich als Erlösung.

Wie der „Fliegende Holländer“. Nur mit dem Unterschied, dass Kundry am Ende nicht in Zweisamkeit erlöst wird.

Waltraud Meier: Ja. Aber es geht doch letztlich ums Einswerden mit sich, ums Aufgehen in etwas Höherem, wie es Wagner oft geschildert hat. Zweisamkeit in unserem täglichen Leben ist doch eher ein Vehikel. Geboren wird jeder allein, und sterben muss jeder allein.

Aber es ist schön, wenn jemand dabei ist.

Waltraud Meier: Nicht für jeden. Sie wissen doch, dass viele Menschen sterben, wenn ihre Lieben gerade mal zur Tür raus sind.

Hätten Sie eigentlich, im Unterschied zu Elsa, Lohengrins Frageverbot beachtet?

Waltraud Meier: Aber wirklich nicht! Sobald Lohengrin die Bühne betritt, hätte ich sofort losgelegt: Woher kommst du? Wer bist du? Was willst du hier? Ich hätte alles abgecheckt. Sonst hält man es ja nicht aus.

Sänger, die viel nachfragen in den Proben und viel Eigenes einbringen, gelten gern als schwierig.

Waltraud Meier: Ein dämliches Vorurteil. Schwierig ist derjenige, der nicht richtig mitdenkt. Ich war nie und habe nie schwierig auf jemanden gewirkt, der gern künstlerisch gedacht hat. Diese Regisseure waren froh, dass man diskutieren konnte. Das heißt nicht, dass ich immer Recht bekommen habe. Aber man redete auf einer Ebene miteinander. Ich will einfach über eine Diskussion, in der beide Seiten etwas einbringen, zu einem Ergebnis kommen. Vielleicht sogar zu einem, an das beide zunächst gar nicht gedacht haben. Und oft ging es bei großen Regisseuren wie Patrice Chéreau und Klaus Michael Grüber darum, dass man immer einfacher, immer schlichter wurde auf der Bühne, dass man ständig reduzierte, bis man sich sagte: So stimmt's.

Es gab bestimmt auch Regisseure, die sich nicht trauten, Ihnen etwas zu sagen.

Waltraud Meier: Aber das ist doch dumm. Als was gelte ich denn? A priori beiße ich nicht. (Schmunzelt.) Ich finde es gut, wenn jemand mit einem begründeten Selbstbewusstsein kommt – und nicht mit einer oberflächlichen Sturheit. Es ist natürlich schon so, dass ich in gewissen Partien gegenüber dem Regisseur einen langen Erfahrungsvorsprung hatte. Sodass ich bei einigen vorgeschlagenen Dingen wusste: Oh nein, das funktioniert wirklich nicht.

Fühlen Sie sich manchmal auch missbraucht als Energiespender? Wenn sich ein Regisseur sagt: Ich habe Waltraud Meier, die lass' ich einfach von der Leine?

Waltraud Meier: Ja, da bin ich enttäuscht. Da denke ich immer: vertane Chance. Ich will ja nicht immer dasselbe Ding abfeiern. Ich will angeregt werden. Ich will intelligent gefordert werden, das kapiert mancher nicht.

Damit wären wir bei der Gretchenfrage: Und warum haben Sie sich nie selbst in den Regiestuhl gesetzt? 

Waltraud Meier: Weil ich kein Regisseur bin. Da gehört tausend Mal mehr dazu als etwas über eine Figur zu wissen. Gerade weil ich so tolle Regisseure hatte, wurde mir klar: Diese Genialität erreichst du nicht ansatzweise. Ich traue mir zu, und das praktiziere ich ja auch in meinen Kursen, dass ich Menschen in Opernszenen zueinander bringen kann. Dass ich sehe: Das stimmt psychologisch, das ist natürlich, echt und hat eine Aussage. Aber das ist doch nur ein Teil des Regieführens.

Lernen Sie eigentlich die anderen Rollen eines Stücks mit?

Waltraud Meier: Klar, da bin ich ziemlich gefürchtet. Man muss wissen, was die andere Figur sagt und denkt. Und ich weise dann auch Kollegen auf Fehler hin – wobei ich von improvisierter Dichtkunst während einer Aufführung nicht frei bin. Und einmal, in letzten Vorstellungen einer Inszenierung wird ja gern gescherzt, wollte ich was richtigstellen. Isolde singt ja „Mein Herr und Ohm, sieh die dir an, ein sanftres Weib gewännst du nie.“ Das reimt sich doch gar nicht! Also habe ich gesungen: „Mein Herr Marquis....“ Daniel Barenboim im Graben hat's gleich gerissen.

Waren Sie eigentlich in der Schule Klassensprecherin – und damit auch schon auf der Bühne?

Waltraud Meier: Einmal für ein Jahr. Für mehr hätte ich gar keine Zeit gehabt, weil ich in fünf Chören war. So ein Bühnentyp war ich damals nicht, auch wenn ich schon kleine Soli übernehmen durfte. In meinem ersten Engagement in Würzburg war ich eher schüchtern. Und froh, dass ich mich noch ausprobieren konnte. Bei unserem 40-jährigen Klassentreffen sagte eine ehemalige Mitschülerin: „Man kann's gar ned glauben, dass du so etwas geworden bist.“ Deshalb hat die Bühne mit der Zeit geholfen, ich brauchte immer ein Rollenvehikel, um mich auszudrücken.

Also das Singen als Psychotherapie?

Waltraud Meier: Nee, mir ging's nie um einen Selbsterfahrungstrip. Es war eher Neugier und eine Freude, etwas anderes kennenzulernen. Unter Umständen, das gebe ich zu, auch sich selbst. Es ist eher ein Mitteilungsbedürfnis, eine Art Sendungsbewusstsein, das sogar stärker geworden ist. Gerade bei Liederabenden tritt das ein. Da gehe ich immer raus und denk' mir: So, Leute, jetzt erzähl' ich euch mal was. All das versuche ich auch, in meinen Kursen zu vermitteln. Weil ich oft feststelle, dass die jungen Sänger so für sich bleiben und sich nichts überträgt. Das ist eine große Schwierigkeit in diesem Beruf: Man muss sich immer bewusst machen, dass man nach außen senden und die 20. Reihe erreichen muss.

Wie alt ist Ortrud eigentlich?

Waltraud Meier: Ich schätze um die 50, sie hat ja auch einiges hinter sich.

Figurenalter und das der Sänger sind nicht immer deckungsgleich. Richard Strauss fand, seine Feldmarschallin im „Rosenkavalier“ sollte um die 30 sein...

Waltraud Meier: Ich halte sie für älter. Sie macht sich Gedanken darüber, dass die Zeit der jungen Liebhaber vorbei ist. Und wenn ich das auf mein Leben übertrage, dann war das mit 50 so. (Lacht.) Ich sollte übrigens die Marschallin mal singen, dann wurde das Stück vom Opernhaus ausgetauscht. Später gab es Terminprobleme – und irgendwann „ist halt vorbei“.

Sie haben oft davon erzählt, wie wichtig es sei, eine Partie in den Körper hineinzubekommen. Genau zu wissen, wie man mit Gesten und Blicken reagiert und sich seiner ständig bewusst sein muss. Wie groß ist die Gefahr, dass man dieses Wirkungsbewusste mit in den Alltag nimmt? 

Waltraud Meier: Da sehe ich keine Gefahr, ich finde dieses Sich-bewusst-Sein sehr gut. Aber abheben? Dafür bin ich viel zu bodenständig. Ich werde innerhalb meiner Familie oder meines Freundeskreises schon auf Normalmaß gestutzt. Abgesehen davon bin ich auf der Bühne nicht in erster Linie wirkungsbewusst. Die Wirkung ist eine Folge meines Tuns, aber nicht mein Ziel. Ich will den Moment wahrhaftig machen, dann weiß ich, dass es wirkt. Aber diesen Schritt darf man nicht überspringen. Das wäre sonst so, als wenn man sich sagt: Ich will berühmt werden. Das funktioniert doch nicht.

Kann man deshalb irgendwann auf den Applausorkan verzichten? 

Waltraud Meier: Vielleicht. Natürlich ist so etwas toll. Aber danach denke ich mir oft: Ich will nix wie heim. Beine hoch, nicht mehr reden, ein Glas Rotwein, Katze streicheln und ab ins Bett. Wenn ich mal drei Monate nicht auf der Bühne gestanden habe, hat mir das nicht sonderlich gefehlt. Es gibt so viele andere Dinge, aus denen man Befriedigung holt. Für jedes Ding, das man verliert, muss man eben versuchen, etwas anderes zu bekommen. Sonst bleibt man im Verlust hängen. Ich reise zum Beispiel gern, auch an ungewöhnliche Orte. In Grönland war ich schon. Die Antarktis ist noch ein Traum. Allerdings: Drei Tage mit dem Schiff über den Ozean hin und zurück – na, ich weiß nicht...

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