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Ein kraftvoller Erzähler: Beim Gespräch mit unserer Zeitung war bei Frank Baumbauer von Ruhestand nichts zu spüren.

Interview: "Es musste etwas Neues passieren"

München - Nach acht hört er auf: Der scheidende Kammerspiele-Intendant Frank Baumbauer spricht im Interview über seinen schweren Start in München und Provokationen.

Sein Büro sieht noch nicht so aus, als ziehe Frank Baumbauer bald aus. Nach acht Jahren als Intendant der Münchner Kammerspiele hört der 63-Jährige auf und hat sich zum Abschied am nächsten Freitag nochmals Luk Percevals „Othello“-Inszenierung gewünscht. Mit der zunächst heftig angefeindeten Produktion hatte er vor sechs Jahren das renovierte Schauspielhaus an der Maximilianstraße wiedereröffnet. Auch während des Interviews macht der Intendant nicht den Eindruck, als ziehe es ihn in den Ruhestand: Begeistert, engagiert, mit Witz spricht er von der Arbeit – und sagt am Ende doch: „Sie sehen jemanden vor sich sitzen, der nichts vorhat und sich wie ein Geburtstagskind darauf freut.“

-Ihr Start an den Kammerspielen 2001 war hart – ein Teil des Publikums kam nicht klar mit dem, was da plötzlich auf der Bühne geschah. Haben Sie das so heftig erwartet?

Ja. Ich glaube, es haben viele Menschen damals nicht genau nachgedacht: Sie haben die hoch erfolgreichen Kammerspiele meines Vorgängers genommen – und haben dann gedacht: „Dahin kommt jetzt Baumbauer, der erfolgreiche Intendant vom Hamburger Schauspielhaus.“ Und dann addierten sie zwei Mal Erfolg und erwarteten ein Hyper-Ding. Das konnte gar nicht funktionieren. Ich bin damals eingeladen worden, nach München zu kommen, weil die Kammerspiele an einem Punkt waren, etwas Neues beginnen zu wollen. Nachdem das damalige Ensemble mit Dieter Dorn ans Residenztheater gewechselt war, waren die Kammerspiele ein leeres Haus. Am Anfang bin ich darüber erschrocken – dann wurde mir klar, dass das eine optimale Situation ist. Aber ich wusste auch, dass es vielleicht die schwierigste Station meiner Intendantenlaufbahn werden würde, weil ich noch nie zuvor ein so erfolgreiches Theater übernommen habe.

-Und Ihre Situation ist noch immer ungewöhnlich...

Ich glaube, das hat es in der jüngeren Theatergeschichte noch nicht gegeben, dass man wo neu beginnt, und der Vorgänger geht einfach ins Theater auf der anderen Straßenseite.

-Wenn ich sagen würde, dass Sie die Kammerspiele aus einer künstlerischen Sackgasse geführt haben – würden Sie mir zustimmen?

Nee, das würde ich nicht, weil das unkollegial wäre. Aber ich möchte jetzt auch nicht ausweichend antworten: Der Grund, warum ich – und ich spreche nur für Frank Baumbauer – jetzt aufhöre ist, weil ich davor Angst habe, dass eine lange, erfolgreiche Zeit in sich selbst ermüdet. Davor, dass man die Dinge, die man macht, nur noch weiter perfektioniert – aber vielleicht nicht mehr erneuert. Ich habe das Theater meines Vorgängers mit ganzer Aufregung verfolgt – dann war ich lange Zeit weg und konnte mir daher kein Urteil erlauben. Als ich mir vor meiner Kammerspiel-Intendanz wieder einige Aufführungen angesehen habe, war ich etwas erstaunt, dass es zum Teil noch dieselben waren – und die neuen einem auch schon sehr bekannt vorkamen. Dadurch war mir klar, dass es eine große Aufgabe sein würde, die auf mich zukommt. Das war großartiges Theater, das ist jetzt kein Geschmuse. Aber alle waren sich sehr einig, dass etwas Neues passieren musste.

-Was verstehen Sie unter einem „Stadttheater“?

Ein Stadttheater ist ein im übertragenen Sinne offenes Haus, das für ganz viele Leute da ist. Es ist ein Versammlungsort für 650 bis 700 Menschen, der als solcher auch genutzt werden sollte. Wir haben in unserer Stadt nicht mehr so viele Orte, an denen viele Menschen gemeinsam über ein Thema nachdenken können.

-Muss man in München ein anderes Stadttheater machen als anderswo?

Das kann sich in den Spielplänen unterscheiden. Es gebietet ja auch der Respekt vor der Region, in der man arbeitet, dass man diese erst einmal auslotet und kennenlernt. Und natürlich unterscheidet sich die Situation etwa in Hamburg von der in München, weil Hamburg schon vor 20 oder 25 Jahren mit Ivan Nagels und Peter Zadeks Arbeiten Theaterprozesse erlebt hat, bei denen sehr viel mehr aufgewühlt wurde als in München. Ich konnte daher in Hamburg an eine andere Theatertradition anknüpfen als in München – und in Basel war es wieder anders. Man muss den Münchnern also ganz anders begegnen als den Hamburgern oder den Baslern. Und das ist spannend.

-Wie sind Sie, der gebürtige Münchner, den Münchnern begegnet?

Ich bin ihnen als Hamburger begegnet (lacht).

-Kühl und distanziert?

Nein. Aber einer Ihrer Kollegen hat einmal zu mir gesagt: „Wenn man Sie im Foyer der Kammerspiele sieht, dann kommen Sie einem vor wie ein Hamburger.“ Damit war gemeint, dass ich zwar auf Menschen zugehe – aber in einer höflichen, klaren Art und nicht „Wir kennen uns, wir duzen uns, wir busseln uns gleich ab“. Nicht barock also, sondern eher protestantisch.

-Mit welchen Gedanken verlassen Sie jetzt dieses Haus?

Dadurch, dass wir in den acht Jahren wirklich eine gute Arbeit gemacht haben, kann ich erleichtert und entspannt gehen. Unsere Arbeit hat Erfolg gebracht: für das Haus, für die Stadt, für das Theater. Deshalb bin ich auch sehr versöhnt. Die Kammerspiele stehen in der Stadt und in der deutschen Theaterlandschaft gut da. Sie sind ein optimales Theater. Und da muss ich auch meinen Hut ziehen vor der Stadt und den Politikern: Da hieß es vom ersten Tag an selbst in schwierigen Zeiten: „Wir haben den engagiert, wir glauben an den, der soll nur mal machen.“ Da ist München großartig.

-Sie haben sich den „Othello“ zum Abschluss gewünscht. Ist das Ihr Vermächtnis?

Die Menschen hier haben sehr hart auf diesen „Othello“ reagiert. Sie haben Abonnements gekündigt und den Besuch der Kammerspiele verweigert – und mittlerweile ist es unsere erfolgreichste Aufführung. Ich ziehe jetzt den Hut vor dem Publikum, weil es sich entwickelt hat. Das möchte ich den Menschen nochmal gerne zeigen: Was viele am Anfang nicht verstanden haben, ist heute eine ganz schlüssige Lesart. Der „Othello“ wirkte hier wie ein Eisbrecher, auf den sich viele andere Regisseure berufen konnten.

-Ist Provokation der beste Weg für eine Weiterentwicklung?

Ich habe in meinem Leben noch nie provoziert – und keiner meiner Schauspieler, keiner meiner Regisseure hat es getan. -„Othello“ wurde aber von vielen als Provokation verstanden. Ja, weil es für Menschen manchmal wie eine Provokation ist, wenn ihnen etwas Gewohntes weggenommen und etwas Ungewohntes vorgesetzt wird. Provokation wäre aber ein zu billiger Umgang mit dem so kostbaren Gut „Theater“.

-Ihr Nachfolger Johan Simons fängt erst zur Spielzeit 2010/11 an. Hätten Sie nicht noch ein Jahr dranhängen können?

Es war eine schwere Entscheidung, jetzt aufzuhören. Aber ich habe mich gefragt: Wie lange kann ich diese Spannung halten? Es muss jetzt ein neuer Trainer kommen. Sicher wäre es noch gegangen, auf der Welle des Erfolgs weiterzuarbeiten – und keiner hätte es gemerkt. Aber ich hätte mir dann nicht mehr geglaubt. Ich merke seit zwei, drei Jahren, dass wir auf einem guten Weg sind – und deshalb ist es jetzt auch gut. (Pause). Es ist gut.

Das Interview führte Michael Schleicher

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