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Nicolas Stemann, nun Hausregisseur an den Kammerspielen, inszeniert den „Kaufmann von Venedig“. 

Zur ersten Premiere

Interview: Nicolas Stemann, der Neue an den Kammerspielen

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München - An allen großen Bühnen des deutschsprachigen Raums von Berlin bis Wien hat er schon gearbeitet. Ab dieser Spielzeit ist der gebürtige Hamburger Nicolas Stemann Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Und in dieser Funktion gleich für die erste Premiere, Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, verantwortlich. Im Merkur-Interview spricht er über Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und seine Strategie, die Zuschauer einzuladen.

Wie kann man in ein Stück wie „Der Kaufmann von Venedig“, das viele schon mehr als einmal gesehen haben, noch frischen Wind hineinbringen?

Das ist bei derart bekannten Stücken immer eine Gefahr, dass man auch Erwartungen enttäuscht. Ich habe da kein wirkliches Rezept, sondern suche immer wieder aufs Neue nach einer Form und entwickle eine angemessene Methode. Aber sogar die längst bekannten Bilder, die Assoziationen und die Rezeptionsgeschichte helfen mir bei der Inszenierung sehr.

Sind Sie nicht eher der Typ für Uraufführungen?

Ich mache sehr viel Unterschiedliches, auch eigene Texte oder ganz freie Projekte. Oder die Werke von Elfriede Jelinek. Wichtig ist, wenn ich mit Texten arbeite, dass sie eine gewisse Größe haben. Dass sie belastbar sind, dass sie auch ohne mich und ohne das Theater lebensfähig sind. Dann fordern sie mich als Theatermacher heraus, und nur dann halten die Texte eine solche Umsetzung aus. Es gibt Stücke, wenn man da eine Kleinigkeit infrage stellt, sind die erledigt. Das gilt für viele neue Stücke. Da gibt es überhaupt keine Substanz.

Was wollen Sie an den Kammerspielen erreichen?

Ich weiß, was Matthias Lilienthal vorhat und was Stadttheater in Deutschland sein kann. Das interessiert mich sehr und daher ist München ein Ort, an dem ich sein will im Moment. Mein Antrieb ist es nicht, die Leute aus dem Theater zu vergraulen. Im Gegenteil, ich versuche, auch bei avancierten Projekten eine Einladung an jene Zuschauer auszusprechen, die vielleicht anfangs noch fürchten, dem nicht folgen zu können.

Das Münchner Publikum gilt als konservativ.

Ist das so? Nun gut. Das ist an den Stadttheatern häufig so, am Thalia-Theater in Hamburg war das ähnlich. Dort gab es wie hier an den Kammerspielen so ein robustes Abo, das schon einige Intendanten durchgesessen hat. Die will ich einladen. Aber die will ich natürlich zu dem einladen, was meiner Meinung nach heute im Theater stattfinden sollte.

Haben Sie den „Kaufmann“ bearbeitet?

Was den Text angeht, der ist einfach so großartig, da sind wir   werktreu geblieben. Wir machen ein paar Striche, aber im Grunde ist es von vorne bis hinten der Originaltext, mit all seinen Stolpersteinen.

Welche meinen Sie?

Im Zentrum steht ein reicher Jude, der das Herz eines Christen herausreißen will, das ist ein antisemitisches Klischee, aber um das Stück philosemitisch zu machen, müsste man zu viel verändern. Da kann das Stück nichts für, da kann Shakespeare nichts für. Da kann nur die Zeit, die inzwischen vergangen ist, etwas dafür. Das Stück hat seine Unschuld verloren. Aber das will ich alles gar nicht glätten.

Was haben Sie getan?

Es gibt einen komödiantischen Strang, und dagegen steht ein tragischer Strang, und die laufen ein bisschen parallel und sind interessanterweise über das Geld verbunden. Die Liebenden in der Komödienhandlung versuchen, diesen Konflikt zu negieren. Dabei ist die Frage doch spannend: Was passiert mit unseren Werten wie Toleranz und dem friedlichen Umgang miteinander, wenn das Geld alle ist? Shakespeare zeichnet eine Gesellschaft, die auf Pump lebt. Die hochverschuldet ist, nicht nur finanziell, sondern auch moralisch. Das Ziel ist es, eine Inszenierung zu erarbeiten, die sehr eng am Text ist, darüber aber fast so etwas wie ein kubistisches Gemälde ist, in dem man verschiedene Blickwinkel gleichzeitig hat und auch verschiedene Möglichkeiten, das Stück zu lesen und zu interpretieren, nebeneinander sehen kann.

Das alles mit kaum gestrichenem Drama?

Aber teilweise sind die Texte von den Figuren entkoppelt. Von zwanzig Figuren gibt es bei mir nur noch sechs Schauspieler auf der Bühne. Das Ganze hat eher die Form einer Textwerkstatt oder eines Wortkonzerts. Das verlangt natürlich vom Zuschauer ein gewisses Sich-darauf-Einlassen und Mitdenken. Ich denke aber am Ende wird man dafür belohnt.

Das Gespräch führte Ulrike Frick

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