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Der Film "Wild" erzählt von Ania (Lilith Stangenberg). die an der Seite eines Wolfes ihr Leben ändert.

"Wir haben das Lustvolle aufgegeben"

Nicolette Krebitz über ihren neuen Film "Wild"

Berlin - Nicolette Krebitz spricht im Interview über ihren neuen Film „Wild“, die Dreharbeiten mit einem Wolf und das Unzivilisierte im Menschen.

Als Kind spielte sie an der Seite von Harald Juhnke. Als junge Erwachsene begeisterte Nicolette Krebitz in anspruchsvollen Fernsehrollen. 1997 wurde sie mit dem Musikfilm „Bandits“ deutschlandweit bekannt. Seit 2001 arbeitet sie auch hinter der Kamera, morgen kommt ihre neue Regiarbeit „Wild“ in die Kinos. Wir trafen die 43-Jährige vorab zum Gespräch.

Regisseurin und Schauspielerin Nicolette Krebitz.

Sie haben „Wild“ mit einem echten Wolf gedreht. War das nicht manchmal unbehaglich?

Das Unbehagen habe ich gespürt, als ich das erste Mal in Ungarn bei unserem Tiertrainer war. Ich musste den Wolf ja zunächst auch casten. Als wir ins Gehege reingingen, klingelte das Handy des Trainers. Er begann zu telefonieren und gab mir nur Handzeichen: Setz dich hin, steh auf, tu die Hände aus den Taschen. Als schließlich die Wölfe hervorkamen und auf mich zuliefen, der Trainer mit seiner Aufmerksamkeit aber ganz woanders war, bekam ich Angst. Sie schlichen um mich herum, kamen kurz ganz nah, checkten mich richtig aus. Als er aufhörte zu telefonieren, hatte ich bereits einen Wolf gefunden, der mir besonders gefiel, und erkannt, dass mir nichts passieren kann, solange der Trainer da ist, weil er der Anführer des Rudels ist. Das galt auch für das Filmset: Wenn er da war – und ohne ihn war ja auch kein Wolf da – brauchte man keine Angst zu haben.

Der Wolf steht für Wildnis und Natur. Welchen Naturbegriff wollen Sie im Film vermitteln?

Es geht nicht um die Natur als Antwort auf zivilisatorische Wehwehchen. Daran glaube ich nicht. Ich spreche über die Wildheit der Menschen, die triebhafte, lustvolle, unberechenbare Seite in uns, die nicht zivilisiert ist. Das ist ein wichtiger Teil von uns, ein Motor, den wir angefangen haben zu gängeln. Dafür, dass wir ein sicheres, kontrolliertes Leben haben, müssen wir einen Preis bezahlen. Wir müssen eine andere Seite in uns betäuben. Davon handelt der Film.

Ihre Protagonistin Ania entspricht nicht den gängigen weiblichen Stereotypen. Freudianisch ausgedrückt: Ania entzieht sich den gesellschaftlichen Kastrationen, die auf die meisten Frauen einwirken.

Ich würde es anders sagen, aber kann verstehen, was Sie meinen. Ich finde, sie ist unverstellt. Zu Beginn des Films liegt das ein bisschen verschüttet. Aber es steckt bereits in ihr. Durch die Begegnung mit dem Wolf wird in ihr etwas wachgerüttelt, ein Instinkt. Der bringt sie dazu, für sich selbst einzutreten. Alles zu geben, alles auf eine Karte zu setzen. Dann wird aus ihr etwas sehr Pures und sehr Unverstelltes. Natürlich ist das in dem Fall weiblich, weil meine Hauptdarstellerin eine Frau ist und ich eine Frau bin. Aber im Grunde gilt dasselbe auch für Männer. Ich glaube, dass wir uns gar nicht so unterscheiden.

Sie haben mal gesagt, dass Ihnen die Erzählweise in Ihren Filmen aus feministischen Gesichtspunkten nicht gefalle. Warum?

Man sollte nicht immer alles auf das Geschlecht hin unterteilen: typisch Mann, typisch Frau. Es gibt genügend Gegenbeispiele – auch in der Regie. Michelangelo Antonioni hat sehr aufmerksam und sensibel wunderbare Frauenfiguren gezeigt, Catherine Hardwicke macht Filme, an denen ich nichts besonders Weibliches erkennen kann. Ich glaube aber, dass die männliche Sicht auf Frauen im Kino verbreiteter ist, einfach weil es viel weniger Filmemacherinnen gibt. Der Blick der Regisseurinnen unterscheidet sich oft dahingehend, was sie über eine Frau erzählen, was sie von ihr zeigen. Das ergibt einen anderen Rhythmus und der ist, von mir aus, weiblich. Aber einfach nur, weil er aus der Opposition kommt, weil er eben nicht so oft gesehen wurde.

Inwieweit ist „Wild“ als Gesellschaftskritik gemeint?

Es ist eine Geschichte, mit der Sie machen können, was Sie wollen. Man kann sie auf sich beziehen oder auf alles. Ich beobachte nur und sehe, dass wir unseren Körper immer mehr beschützen. Wir wollen alt werden, gesund sein. Wir rauchen nicht, weil wir uns damit schaden, wir trinken nicht, weil das ungesund ist. Das Lustvolle, wie es im vergangenen Jahrhundert und auch davor zelebriert wurde, wird aufgegeben. Aber wofür? Denn letztlich entfernen wir uns immer mehr von dem Körper, den wir so beschützen wollen.

Wir versagen uns damit auch jeden Genuss...

Und schließen die Gefahr aus. Das sieht man an allem, an der Kleidung, an den Häusern, an den Filmen. Das ist alles so ungefährlich und seicht, da könnte man doch wirklich ausflippen.

Inwieweit an der Kleidung?

Es fällt einem besonders in Deutschland zum Beispiel in einer Fußgängerzone auf, dass Männer und Frauen fast die gleiche Kleidung tragen, selbst das gleiche Schuhwerk. Es ist praktische Kleidung, die Farben sind seicht und angepasst, gerne pastell und unauffällig. Wir haben so viel Angst, die Kontrolle zu verlieren. Wir sind so diszipliniert. Ich glaube aber, dass man nicht so viel Angst haben muss und ruhig mal etwas wagen soll.

Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.

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