+
„Jetzt muss ich meinen persönlichen Zugang zu ,La clemenza di Tito‘ finden“: Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv hat in der vergangenen Saison die Produktion als Assistentin betreut, ab heute steht sie im Graben.

Interview mit Oksana Lyniv

Erstmals im Rampenlicht

München - Oksana Lyniv, Assistentin Kirill Petrenkos, spricht im Interview über die Arbeit mit ihrem Chef und ihren „Tito“ im Nationaltheater.

Von der stellvertretenden Chefdirigentin am Opernhaus in Odessa zur Assistentin des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper – ein ungewöhnlicher Sprung? Vielleicht. Aber Oksana Lyniv, die junge Ukrainerin, weiß, worauf sie sich eingelassen hat. „Mit einer so großen künstlerischen Persönlichkeit wie Kirill Petrenko zusammenzuarbeiten, das ist etwas ganz Besonderes. Und außerdem dirigiere ich auch hier!“ Heute Abend tritt sie erstmals ins große Scheinwerferlicht am Pult im Nationaltheater und übernimmt die Wiederaufnahme von Mozarts „La clemenza di Tito“.

Zu Beginn der vergangenen Saison übersiedelte die Dirigentin vom Schwarzen Meer an die Isar und arbeitete bereits eine ganze Menge, ohne dass das hiesige Publikum viel davon mitbekommen hätte. Offiziell am Pult stand sie beim Festspielgottesdienst, bei kleineren Konzerten und bei Blachers „Die Flut“ während der Festspiele. Der „Tito“ ist für Oksana Lyniv kein Unbekannter. Bevor die Oper unter Petrenkos Leitung Premiere hatte, war auch seine Assistentin ausgiebig mit dem Werk beschäftigt. Als rechte Hand des Chefs ist sie immer dann im Einsatz, wenn in der Produktionsphase Proben parallel laufen. Wenn also Petrenko mit dem Orchester arbeitet, übernimmt sie die gleichzeitig anberaumten Proben mit den Sängern.

Natürlich muss dabei das, was die Assistentin aus der Partitur hervorholt, mit dem, was ihr Chef sich vorstellt, übereinstimmen. Wie die beiden diesen Punkt erreichen? „Wir reden nicht viel darüber“, sagt Oksana Lyniv. Vielmehr stimmt sie sich auf Petrenkos Tempi, Dynamik, Akzente, Bewegungen ein, indem sie ihm zuhört und zuschaut. Dass es um eine hochsensible Feinarbeit geht und die beiden sich auf einer Wellenlänge treffen müssen, ist klar. „Wenn ich assistiere, versuche ich, von der ersten Minute der Probe an zu erfassen, was für Kirill Petrenko konzeptionell wichtig ist. Ich muss es erspüren, nur dann kann ich seine Interpretation weiterführen.“

Bevor sie nun selbst die Geschicke des „Tito“ lenkt, hat Oksana Lyniv versucht, das Stück für sich noch einmal neu zu entdecken. „Das aber auf der Basis der Erfahrungen, die ich während der Assistenz gemacht habe. Jetzt muss ich meinen persönlichen Zugang finden und rüberbringen.“

Nicht fürs Publikum sichtbar hat die Musikerin, die im ukrainischen Lviv (Lemberg) geboren und in Dresden ausgebildet wurde, in München schon einige Produktionen betreut. Tschaikowskys „Eugen Onegin“ etwa, Mussorgskys „Boris Godunow“, Strauss’ „Rosenkavalier“ und „Frau ohne Schatten“ sowie Zimmermanns „Soldaten“. „Da die riesige ‚Soldaten‘-Besetzung gar nicht in den Graben passt, ist das Schlagzeug auf der großen Probebühne postiert. Dort sehe ich Kirill Petrenko am Monitor, höre die Musik über Lautsprecher und leite die Schlagzeuger. Da muss ich sehr wach und gut vorbereitet sein, damit ich in einer Zehntelsekunde das abnehmen kann, was Kirill Petrenko, der ja auch spontan auf die Sänger reagieren muss, vorgibt.“ Das klingt nicht nur schwierig, es ist auch so. Kein Wunder, dass Oksana Lyniv nach den ersten Proben nachts davon träumte.

Wer sich den Werk-Katalog anschaut, bei dem sie dem GMD assistiert, der versteht, warum Petrenko keine Anfängerin, sondern eine Dirigentin mit Erfahrung als Unterstützung suchte. „Das hier geforderte Niveau, die hohen Ansprüche kann nur jemand erfüllen, der Anfangsfehler schon einmal gemacht hat“, konstatiert Oksana Lyniv und gesteht: „Ein Stück einmal hier, am besten Haus Europas, mit Petrenko gemacht zu haben, ist unbezahlbar und prägend fürs weitere Leben. Es ist ein Vergnügen.“

Bevor im Mai 2015 viermal Verdis „La traviata“ auf ihrem Terminkalender steht, übernimmt die Dirigentin die „Mirandolina“-Gastspiele des Opernstudios und betreut im kommenden Jahr dessen neue Produktion: „Le Comte Ory“ von Rossini. Ob ein Gastspiel in Odessa stattfinden kann, ist wegen der politischen Situation noch ungewiss. Aber voller Stolz berichtet die Ukrainerin von ihren Landsleuten, die an der Oper in Donezk – allen Zerstörungen zum Trotz – die Saison eröffnen und Verdis „Maskenball“ vorbereiten. „Wie stark doch mein Volk ist, das im Krieg die Kultur nicht untergehen lässt.“

Natürlich will auch Oksana Lyniv in ihrem geliebten Heimatland präsent sein. Sie erinnert daran, dass Mozarts jüngster Sohn Franz Xaver fast 20 Jahre als Komponist und Musiker in Lemberg gelebt hat. „Er wollte dort, am äußersten Rand des k.u.k.-Reiches, seinen eigenen Weg finden. Er gründete einen Musikverein, der die Grundlage für die Lemberger Nationalphilharmonie wurde, und führte zum 35. Todestag des Vaters dessen Requiem in der St. Georgs-Kathedrale auf.“

Im Sommer in Lemberg kam ihr die Idee für ein Mozart-Projekt. 2016 soll das realisiert werden: Im ersten Konzert werden Werke von Leopold, Wolfgang Amadeus und Franz Xaver gespielt. „Jeder hatte seinen eigenen Stil, und so kann das Publikum in einem Konzert die Entwicklung vom Barock bis zur Romantik innerhalb einer Dynastie erleben.“ Ein konzertanter „Idomeneo“ könnte die Vater-Sohn-Problematik fortschreiben. Und zum Abschluss soll Mozarts Requiem wie 1826 in der Kathedrale erklingen.

Gabriele Luster

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen

Kommentare